Wer hat Lust auf diese WM?

Am Donnerstag beginnt in Russland die Fussball-WM. Trotz der üblen Begleiterscheinungen sollte man sie sich nicht vermiesen lassen.

Nach dem Sieg im letzten Test: Die Spieler blicken der WM in Russland mit Selbstvertrauen entgegen. Video: Tamedia/SDA

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Was könnte das für eine WM sein! England, Wembley, St. James’ Park, Anfield, Old Trafford. Und die Schweiz mittendrin. Vielleicht in Manchester gegen Brasilien, ­Bilder wie 2006 in Dortmund, als 50'000 Schweizer beim Spiel gegen Togo im Stadion waren.

England bewarb sich um die WM, die nächsten Donnerstag in Moskau beginnt, England hatte eine überzeugende Kandidatur. Bei der Wahl erhielt es zwei von zweiundzwanzig Stimmen, 2 von 22! Sepp Blatter, damals der Fifa-Präsident, mochte nichts mit dem Land anfangen, dessen Medien der Spitze des Weltverbandes ständig krumme Geschäfte vorhielten.

Der 2. Dezember 2010 war ein trauriger Tag für den Fussball, Russland bekam den Zuschlag für 2018 und Katar für 2022, Länder, in denen Menschenrechte nicht viel gelten. Die bestimmenden Fussballfunktionäre von damals sind alle weg, geächtet, gesperrt oder gestorben: Blatter, Platini, ­Beckenbauer, Bin Hammam, ­Teixeira, Mutko, Leoz, Makudi, Blazer, Grondona und wie sie alle hiessen. Vermissen tut sie keiner.

Der Fussball hat mit dem Schaden zu leben, den die Übeltäter angerichtet haben. Diesen Sommer mit Russland, mit Putin, mit den Diskussionen um Menschenrechte, Pressefreiheit, Gewalt, Schwulenfeindlichkeit, die Krim, Syrien, Rassismus, um viel Korruption.

Es heisst, Sport soll nicht politisch sein. Aber er ist es, weil er seit jeher von der Politik missbraucht wird.

Als Blatter noch im Amt war, glaubte er, mit dem Fussball die Welt verbessern zu können. Er drängte darum darauf, die WM nach Südafrika zu bringen. Dem Land wurde 2010 eine Glocke übergestülpt, darunter wurde eine heile Welt inszeniert. Doch als die Fifa mit Milliardengewinn wieder abzog, blieb ein Land zurück, das kein wenig anders war als vorher.

Nun ist es Gianni Infantino, der sich Wladimir Putin an die Brust wirft. Er versprach, bei der Fifa wieder den Fussball ins Zentrum zu rücken, und der doch nur eine schlechte Kopie Blatters geworden ist. Er ist ein Westentaschen-Putin, der alle aus dem Weg zu räumen versucht, die ihm nicht ergeben sind.

Infantino hat nun Ideen, die keiner braucht: Nach der Aufblähung der WM von 32 auf 48 Mannschaften träumt er von einer Club-WM mit 24 Teilnehmern und einer Weltliga der Nationalteams. Er braucht frische Milliarden, um seine Versprechen an die Verbände erfüllen zu können und nächstes Jahr wieder gewählt zu werden.

Es heisst, Sport soll nicht politisch sein. Aber er ist es, weil er seit jeher von der Politik missbraucht wird: Berlin 1936 von den Nazis, Italien 1938 von Mussolini oder ­Argentinien 1978 von der Militärjunta. Brasilien 2014 (WM) und 2016 (Olympische Sommerspiele) versanken im Sumpf von Politik und Korruption. Putin instrumentalisierte die Winterspiele von Sotschi 2014, um seine Macht zu zementieren, ja, er schreckte selbst vor flächendeckendem Staatsdoping nicht zurück.

Dürfen wir ­Putins Machenschaften ignorieren und uns auf die WM freuen?

Die Vorzeichen für Russland 2018 sind unerfreulich. Im Schaufenster stehen die Spieler. Und was sollen sie machen? Über Putin reden, Politik, Menschenrechte? Da geraten sie schnell auf heikles Terrain. Die türkischstämmigen deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan haben das ­erlebt, als sie sich jüngst mit dem Autokraten Erdogan zeigten. Ihr Handeln war unbedarft und der Aufschrei in Deutschland gross. Nur hinterfragte in diesem Moment keiner die eigene Regierung, die Waffen an die Türkei liefert.

Also, was jetzt? Wer hat nun Lust auf diese WM? Dürfen wir ­Putins Machenschaften ignorieren und uns auf die WM freuen?

Dem Fussball-Fan wird bei der Antwort helfen, dass er einfach Fussball sehen kann; dass er nationalistisch sein und «Hu!» schreien darf, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen; dass die Langstrassen dieser Welt wieder zu Zentren emotionaler Ausbrüche werden; dass es am Fernsehen keine Rolle spielt, ob ein Spiel in Nelspruit, Natal oder Nischni Nowgorod stattfindet, weil die Plätze immer gleich aussehen. Die Freude am Spiel selbst braucht sich keiner nehmen zu lassen. Nicht von Putin. Nicht von Infantino.


Bilder: Die WM-Stadien in Russland


(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.06.2018, 07:26 Uhr

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