Was ein Freispruch von Vincenz den Staat kostet

Bis 2000 Franken Entschädigung pro Tag: Die lange Untersuchungshaft des früheren Raiffeisenbank-Chefs könnte die Steuerzahler teuer zu stehen kommen.

Musste seinen 62. Geburtstag in einer engen Zelle verbringen: Pierin Vincenz. Foto: Paolo Dutto/13 Photo

Erich Bürgler@sonntagszeitung

Es war sein bisher wohl traurigster Geburtstag. Pierin Vincenz wurde am Freitag 62 –hinter Gittern. Seit Ende Februar sitzt er in Untersuchungshaft. Der Verdacht der Staatsanwaltschaft: Er soll bei Firmenkäufen während seiner Zeit als Raiffeisen-Chef in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Vincenz bestreitet dies.

Falls es der Staatsanwaltschaft nicht gelingt, ihren Verdacht zu erhärten, kann das den Steuerzahler einiges kosten. Im Falle eines Freispruchs hätte Vincenz Anspruch auf eine Entschädigung. Einerseits erhielte er eine Genugtuung für den angeschlagenen Ruf und als Schmerzensgeld, andererseits Schadenersatz für Anwaltskosten und Lohnausfall. Die Entschädigungen dürften in Vincenz’ Fall deutlich höher ausfallen als bei einem durchschnittlichen Häftling.

Der Ruf bleibt angeschlagen

Bei der Genugtuung gehe die Justiz im Normalfall von einem Satz von 200 Franken pro Tag aus, sagt der Strafverteidiger Konrad Jeker. Doch im Fall von Vincenz sind die Voraussetzungen anders. «Ich könnte mir einen Tagessatz von 2000 Franken vorstellen», so Jeker. Die Persönlichkeitsverletzung wiege bei einer prominenten Person wie dem Ex-Raiffeisen-Chef schwerer als bei einem anonymen Häftling. Vincenz ist eine Person des öffentlichen Interesses. Sein Ruf bliebe auch im Falle eines Freispruchs arg ramponiert.

Vincenz sitzt bereits seit 75 Tagen in Untersuchungshaft in Zürich. Somit kämen schon jetzt um 150'000 Franken Genugtuung zusammen. Hinzu kommen die Kosten für seine Anwälte. Mit Lorenz Erni hat er einen der erfolgreichsten Strafverteidiger der Schweiz angeheuert. Nicht nur Erni, sondern ein ganzes Team arbeitet an dem Fall. Das ist teuer. «Um die 100'000 Franken Anwaltskosten im Monat sind im Fall Vincenz gut möglich», sagt Jeker. «Mindestens einen Teil davon muss bei einem Freispruch der Staat bezahlen.»

Niederlage vor Gericht wäre eine Schlappe

Für die Staatsanwaltschaft unter der Leitung von Marc Jean-Richard-dit-Bressel steht ohnehin viel auf dem Spiel. Eine Niederlage vor Gericht oder auch die Einstellung des Verfahrens wäre ein Schlappe.

Mit Lorenz Erni hat er einen harten Gegner, der mit prominenten Fällen vertraut ist. Vom ehemaligen Swissair-Chef Philippe Bruggisser über den früheren Fifa-Präsidenten Sepp Blatter bis zum Bankier Martin Ebner reicht die Liste seiner Mandanten, die er erfolgreich vertrat. Zweimal standen sich die Kontrahenten Jean-Richard-dit-Bressel und Erni schon gegenüber. Beide Male wer Erni der Sieger. Doch die Untersuchungshaft für Pierin Vincenz konnte auch der Staranwalt nicht verhindern.

Im Zürcher Untersuchungsgefängnis herrscht ein hartes Regime. Die Nationale Kommission zur Verhütung von Folter hat die Bedingungen der Zürcher Untersuchungshaft scharf kritisiert. 23 Stunden am Tag sind Häftlinge eingeschlossen. Die Zellen sind nur neun Quadratmeter gross, die Kommunikation ist auf das Allermindeste beschränkt. Es gilt ein striktes Telefonverbot. Eine fröhliche Geburtstagsfeier sieht anders aus.

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