«Oh Gott, ich gewinne hier nie»

Roger Federer schaut zurück auf 20 Jahre an den Swiss Indoors, seine letzten Monate – und sagt, 2020 sei alles in der Schwebe.

Im Licht des Heimturniers: Roger Federer, 37, hat kommende Woche in Basel seinen 9. Titel im Visier.

Im Licht des Heimturniers: Roger Federer, 37, hat kommende Woche in Basel seinen 9. Titel im Visier. Bild: Kostas Maros

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Sie spielten 1998 erstmals in Basel im Hauptfeld. Hätten Sie sich vorstellen können, dass Sie 20 Jahre später als Titelverteidiger und Favorit noch dabei sein würden?
Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergangen ist. Für mich zählt aber auch schon 1997, als ich die Qualifikation bestritt, auch wenn die Experten nur die Starts im Hauptfeld zählen. Aber mein erster Auftritt in dieser Halle war ein grosser Moment: Hey, ich darf zum ersten Mal auf den Centre Court!

Damals waren Sie 16, schlugen einen Deutschen namens Frank Moser und unterlagen dann Lorenzo Manta aus Winterthur.
Genau. Und auch das Jahr danach war unglaublich, als ich auf Agassi traf. Ich dachte: Andre Agassi – kannst du dir das vorstellen, so cool! Es ist verrückt, wie lange das schon her ist. Dabei waren die ersten zehn Jahre hier für mich völlig anders als die letzten. Zudem war ich drei Jahre am Stück verletzt: 2003 meldete sich beim Aufwärmen der Rücken, dann kam der Muskelfaserriss (im Oberschenkel, 2004), und darauf übertrat ich mir noch den Fuss (Bänderriss, 2005).

Sie mussten bis 2006 auf Ihren ersten Titel warten. Welches war zuvor der Tiefpunkt?
Die Finalniederlage gegen Henman. Ich hatte schon im Jahr zuvor im Final verloren und dachte: Den kann ich packen, jetzt bin ich dran. Er schlug mich klar, das war ein Schock. Ich dachte: Oh Gott, ich gewinne hier nie. An der ­Siegerehrung hätte ich am liebsten in einem Loch versinken wollen.

Wenn Ihnen da jemand gesagt hätte: Kein Problem, Sie holen hier mindestens acht Titel ...
(lacht) ... dem hätte ich gesagt: No chance. Ich gewinne hier gar nie, so sieht es aus. Ich war jung, wollte ums Verrecken gewinnen. Bis ich merkte, dass ich sachlich ans Werk gehen und ein Spiel nach dem anderen nehmen musste.

Welches waren Ihre schönsten Momente in dieser Halle?
Ich habe gegen so viele unglaubliche Spieler spielen dürfen, mit Heimvorteil, das war schon cool. Höhepunkte gab es viele: wie ich das erste Mal rauslief, um die Qualifikation zu spielen. Wie ich Lleyton Hewitt schlug (2000) und am Ende alle Sitz­kissen auf den Court flogen, die Freude in der Halle war riesig. Dann der erste Finalsieg und die vielen engen Endspielsiege, gegen Djokovic, Del Potro, Nadal.

Seit 2006 Tradition: Roger Federer erreicht den Final – und spendiert den Ballkindern danach Pizza (hier 2017 nach dem 8. Titel). Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Hinter Ihnen liegt eine zehnwöchige Turnierreise: Cincinnati, New York, Chicago, Tokio, Shanghai.
Zwischendurch war ich fünf Tage in der Schweiz, zum Konditionstraining und für Fotoshootings. Dann flog ich weiter nach Dubai, wo ich wegen des Taifuns vorerst nicht weiterreisen konnte. Von dort ging es nach Japan. Es war schon lange. Mirka war mit den Kindern seit Ende Juli zweieinhalb Monate unterwegs.

Wird das Ihrer Familie nie zu viel?
Dass sie und die Kids von Chicago direkt nach Dubai flogen, war ein Fehler. Dieser Trip war zu lang, das dürfen wir nächstes Jahr nicht mehr machen, aber das ist kein Problem. Denn der Laver-Cup ist dann nicht in Chicago, sondern in Genf. Aber es war auch ein sehr schöner Trip, mit Tokio und Shanghai am Schluss. Ich bin froh, sind sie gekommen. Mirka war zehn Jahre nicht mehr in Shanghai, auch ihr gefiel es mega.

Wie lange waren Sie in Japan?
Vier Tage, davon drei in Tokio. Dazu ging es an einem Tag im Shinkansen Bullet Train nach Kyoto. Wir sahen den Mount Fuji, besuchten Tempel und die Stadt, es war sehr eindrücklich.

Sie haben durch Ihren Kleidervertrag mit Uniqlo nun eine engere Beziehung zu Japan. Stimmt es, dass Sie dort 2019 einen Schaukampf planen?
Ja. Das Ariake Coliseum wird umgebaut für Olympia, das werden wir voraussichtlich benutzen können. Vieles ist noch unklar. Ich spielte seit 2006 nicht mehr in Japan und fände, dies wäre das Richtige. Vielleicht könnte ich dort sogar einen Match for Africa austragen. Bill Gates sagte bereits, er wäre voll dabei.

«So nahe Tokio 2020 ist, habe ich doch das Gefühl, dass es noch sehr weit weg ist.»

Stichwort Olympia: Tokio 2020 kommt näher. Wird das für Sie langsam zu einem konkreten Ziel?
Ein Vertragspunkt war das mit Uniqlo nicht. Und so nahe wir sind, habe ich doch das Gefühl, dass es noch sehr weit weg ist. Fast zwei Jahre ... Als 37-Jähriger zu denken, mit 39 würde ich Olympia spielen … Natürlich würde ich ­irgendwie gerne spielen, aber ich habe keine Ahnung, ob ich dann noch dabei bin. Wissen Sie, ich habe schon unglaubliche Spiele erlebt. Ich müsste das Gefühl haben, dass ich noch etwas reissen kann, alles müsste stimmen. Wird das in zwei Jahren der Fall sein? Das kann ich nicht beantworten. Aber es stimmt nicht, dass ich gesagt haben soll, dass ich in Tokio unbedingt spielen will. Die Erklärung ist: Ich weiss es nicht. ­Jeder würde gerne Olympia spielen. Olympiagold gewinnen. Logisch, auch ich.

Werden Sie auch 2019 mit dem ganzen Tross inklusive Familie um die Welt reisen?
Wir werden schon Anpassungen machen. Dieses Jahr war speziell, denn wir wollten unbedingt Chicago sehen, weil wir noch nie dort waren. Ich wollte unbedingt, dass Mirka an den Laver-Cup kommt. Und dann dachte ich: Die Kinder sind doch alt genug, um nach Asien zu kommen. Das war alles sehr spontan. Aber klar: Chicago war für Mirka und mich ein anstrengender Anlass, für sie vor allem gesellschaftlich. Sie traf Tausende von Leuten, und alle wollten mit ihr sprechen. Dann konnten wir uns neu motivieren für den Asientrip, und am Schluss waren alle megahappy, auch die Kiddies hatten eine Superzeit.

Wird das Reisen mit den Kindern schwieriger, je älter sie werden? Die Mädchen sind neun, die Jungs vier.
Ich denke nicht, dass es früher einfacher war. Es ist immer eine neue Herausforderung. Und wir können die Planung auch sehr einfach ändern. Wenn die Kinder dann halt einmal nicht mitkommen, sind sie – tagg – acht Wochen in Folge zu Hause. Darüber mache ich mir keine Sorgen.

Planen Sie tennismässig schon ins Jahr 2020 hinein?
Nein, noch nicht. Im Fokus steht jetzt, wie 2019 genau aussehen soll. Das weiss ich noch nicht. In den Ferien nach ­London (ATP-Finale) möchte ich entscheiden, ob ich 2019 wieder auf Sand spiele oder nicht – und wenn ja: wie viel? Denn dieser Entscheid beeinflusst die ganze Planung und Saisonvorbereitung. Ich würde meinen Körper schon früh langsam auf Sand einstellen müssen: Die Ballwechsel sind anders, man muss rutschen. Falls ich die Sandsaison sein lasse, wäre es auch kein Problem.

Sandturniere reizen Sie wieder, nachdem Sie diese zwei Jahre ausgelassen haben?
Der Gedanke daran reizt mich. Was ich nicht will, ist einmal zurückzuschauen und zu denken: Hätte ich doch nur … Dieses Jahr ist das nicht der Fall, letztes Jahr war es das auch nicht. Ich möchte mit ruhigem Gewissen sagen können: Das war der richtige Entscheid. Deshalb lasse ich mir Zeit.

Aber am Laver-Cup im September 2019 in Genf sind Sie dabei?
Dort möchte ich unbedingt spielen, klar. Zuerst muss ich mich qualifizieren.

Sprechen wir von dieser Saison. Nachdem Sie mit 17 Siegen in Serie gestartet waren und nochmals die Nummer 1 wurden, lief es nicht mehr nach Wunsch. Zuletzt verliessen Sie fünf Turniere nach Niederlagen. Gab es Fehler in der Planung?
Sicher habe ich mir auch mehr erhofft. Das Problem mit der Hitze am US Open (wo er gegen John Millman verlor) kam für mich völlig überraschend. Sie wissen ja, ich hatte noch nie grosse Probleme mit der Hitze. Woher das kommt, ist schwer zu erklären für mich. Es ist einfach passiert. Aber wir fragen uns schon, wie es dazu kam, ob wir etwas hätten anders machen müssen.

«Ich hatte mir wehgetan und konnte die Vorhand nicht mehr blind in die Ecke spielen.»

Stimmt der Eindruck, dass Sie während einiger Zeit vor allem Probleme mit der Vorhand hatten?
Ich hatte mir zu Beginn der Rasensaison an der Hand etwas wehgetan, im Training. Ich habe das Gefühl, dass mich das mehr beeinflusste, als ich gedacht hätte. Es zog sich etwa drei Monate hin. Das soll keine Ausrede sein, ich möchte das auch nicht an die grosse Glocke hängen. Aber es hat meine Vorhand schon beeinträchtigt, ich konnte sie ­einfach nicht richtig treffen, vor allem im Halle-Final und später auch in Wimbledon. Ich konnte die Vorhand nicht mehr blind in die Ecke spielen.

Hat sich das Problem erledigt?
Seit Chicago geht es mir besser, viel besser. Einige Zeit schmerzten die zehn ersten Minuten immer, beim Ein­spielen schon. Inzwischen kann ich die ­Vorhand wieder normal spielen, ohne an die Hand zu denken. Das hat mich schon ein paar Prozente gekostet.

In Shanghai waren Sie gegen Borna Coric im Halbfinal aber ungewohnt chancenlos.
Ich weiss, die Leute sagen, Shanghai sei für mich ein Sch… gewesen. Ich selber fand es nicht so schlecht und war happy. Zumal ich auf dem schnellen Belag gewaltige Ballwechsel hatte, mit Medwedew, Bautista und vor allem Kei (Ni­shikori). Ich habe das Gefühl, dass ich den Rhythmus wieder gefunden habe.

Die Niederlage gegen Coric ist abgehakt?
Vielleicht war ich in diesem Spiel etwas müder und nicht mehr ganz so stark. Aber ich war sehr beeindruckt von ihm, wie gut er servierte und retournierte, wie er seine Schläge durchzog. Wenn einer eine solche Leistung abrufen kann, dann respektiere ich das, dann ist das für mich kein Problem. Es ist nun einfach wichtig, dass ich mit guter Energie in die Partien reinkomme und die ­Saison gut beende. Ich bin guten ­Mutes für alles, was noch kommt.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.10.2018, 10:12 Uhr

Swiss Indoors

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Federer am Dienstag. Roger Federer beginnt am Dienstag gegen den Serben Filip Krajinovic, gegen den er das einzige Duell im März in Indian Wells klar gewann. Schwierigere Aufgaben dürften die zwei ­anderen Schweizer haben, Henri Laaksonen (gegen Cecchinato) und Stan Wawrinka (Mannarino). (rst)

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