Neue Zahlen decken Anatomie häuslicher Gewalt auf

Die Opfer häuslicher Gewalt sind fast immer Frauen und die Täter kommen meist ungestraft davon – ein neues Gesetz könnte das ändern.

Das Bundesamt für Justiz lässt derzeit untersuchen, ob das Opferhilfegesetz angepasst werden muss. Bild: Keystone (Symbolbild)

Das Bundesamt für Justiz lässt derzeit untersuchen, ob das Opferhilfegesetz angepasst werden muss. Bild: Keystone (Symbolbild)

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Der Kosovare packte seine Frau an den Haaren, riss daran und zog ihren Kopf gegen die Platte des Küchentischs. Der 38-jährige Mann stiess sie gegen die Wand, bedrohte sie mit einem Messer. Sagte, er könne sie töten. Und er würgte sie, bis sie ein Flimmern vor den Augen hatte.

Der Angriff passierte am Abend des 30. November 2016 in einem Vorort der Stadt Zürich. Fast 40 Minuten dauerte der Gewaltakt.

Das Bezirksgericht Bülach hat den Mann, einen Geschäftsführer, diese Woche wegen Gefährdung des Lebens verurteilt. Das Würgen könne zum Platzen von Blutgefässen und so zu einer unterbrochenen Sauerstoffzufuhr des Gehirns führen, schreibt der Staatsanwalt in der Anklageschrift. Der Tod sei eine mögliche Folge davon.

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Häusliche Gewalt gilt als eines der grössten Gesundheitsrisiken. In der Schweiz gab es 2017 mehr als 17'000 Opfer – fast alle sind Frauen. Die häufigsten Straftaten sind Tätlichkeiten (5369), Drohungen (3795), Beschimpfungen (2925) und Körperverletzungen (2057). Hinzu kommen Sexualdelikte wie Vergewaltigung (216). In 21 Fällen endete die häusliche Gewalt mit dem Tod des Opfers.

Unzählige Studien befassen sich mit dem Phänomen. Unbestritten ist, dass die Dunkelziffer hoch ist. Doch bislang ist kaum bekannt, wie die Täter vorgehen und welche Verletzungen Opfer von häuslicher Gewalt erleiden.

Diese Lücke schliesst nun eine neue Studie des Universitären Notfallzentrums des Inselspitals in Bern. Notfallmediziner um Ärztin Simone Hostettler-Blunier haben für die Jahre 2006 bis 2016 alle Fälle von Patientinnen und Patienten ausgewertet, die häusliche Gewalt erlitten und deswegen den Spital-Notfall der Insel aufsuchten. Insgesamt sind es 337 Vorkommnisse. Ausgeschlossen sind einzig fast alle Sexualdelikte, weil diese in Bern in der Regel in der Frauenklinik und nicht auf dem Notfall behandelt werden.

«Häusliche Gewalt ist selten ein einmaliges Ereignis»

Dabei zeigten sich die folgenden Muster: Die Täter schlagen meistens mit der offenen Hand zu, oft auch mit der Faust – oder sie treten ihre Opfer. Verletzt wird dabei fast immer der Kopf, oft aber auch die Arme, der Hals und der Brustkorb. Die häufigsten Folgen sind Prellungen, Blutergüsse, Blutungen und Frakturen.

Als «beängstigend hoch» bezeichnen die Ärzte die Zahl der Würgeangriffe auf die Opfer. Solche Fälle haben im Beobachtungszeitraum tendenziell zugenommen. Im Schnitt wurde fast jedes sechste Gewaltopfer gewürgt. Die Folgen eines Würgetraumas würden oft nicht beim ersten Arztbesuch erkannt, schreiben die Studienautoren. Mögliche Spätfolgen einer durch Würgen verursachten Gefässverletzung seien Gedächtnisstörungen, Hirnschläge oder sogar der Tod.

Die Berner Studie zeigt, dass es sehr viele Wiederholungstäter und auch immer wieder die gleichen Opfer gibt. Fast 60 Prozent der Patientinnen gaben in der Befragung durch die Ärzte an, sie seien in der aktuellen Beziehung bereits Opfer von häuslicher Gewalt geworden. Eine Patientin erschien in den elf Jahren des Beobachtungszeitraums neunmal auf der Notfallstation.

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«Häusliche Gewalt ist selten ein einmaliges Ereignis», sagt Judith Hanhart, Co-Präsidentin der Schweizerischen Konferenz gegen Häusliche Gewalt (SKHG). Dabei entstehe im Umfeld des Opfers und der Familie ein Klima der Angst. «Haben sich solche Verhaltensmuster einmal festgesetzt, sind sie ohne professionelle Hilfe kaum wieder wegzubringen.»

Das scheint auch für den eingangs erwähnten Fall aus dem Raum Zürich zu gelten. Der Täter stand bereits im Januar 2017 wegen häuslicher Gewalt vor Gericht. Seine Ehefrau hatte damals eine Desinteressenerklärung eingereicht, in der sie bat, von einer Verurteilung abzusehen. Nur wenige Tage später wurde sie laut der Anklageschrift erneut Opfer von «massiver häuslicher Gewalt». Auch beim zweiten Prozess diese Woche gab die Frau wieder eine Erklärung ab. Anklagepunkte wie Körperverletzung und Tätlichkeit mussten daher fallen gelassen werden – eine Verurteilung gab es einzig wegen des gravierendsten Delikts: Gefährdung des Lebens.

Diese Tat müsste für den Kosovaren eine Ausschaffung nach sich ziehen, es handelt sich um ein sogenanntes Katalogdelikt, wie es seit dem Ja zur SVP-Ausschaffungsinitiative im Strafgesetz aufgeführt ist. Vermutlich sah der Richter unter anderem deshalb davon ab, weil das Paar in der Schweiz zwei Kinder hat.

«Kulturelle Aspekte» erhöhen das Risiko für häusliche Gewalt

Wie andere Studien zeigt auch die Berner Untersuchung, dass Ausländer sowohl bei den Opfern als auch bei den Tätern überrepräsentiert sind. Rund die Hälfte der Opfer und Täter sind jeweils Migranten. Laut dem Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) können «kulturelle Aspekte» eine Rolle spiele. Demnach erhöhen «Gewalt bejahende und Gewalt tolerierende Normen starre Rollenbilder mit stereotypen Werten von überlegener Männlichkeit und untergeordneter Weiblichkeit etc. das Risiko häuslicher Gewalt».

Hinzu kommt laut den Experten des Gleichstellungsbüros, dass Faktoren, die häusliche Gewalt fördern, bei Ausländern öfter auftreten. Dazu gehören zum Beispiel eine prekäre Arbeitssituation, soziale Isolation, Stress bei der Anpassung in der Schweiz und Gewalterfahrung vor der Migration.

Oft schaffen es Ausländerinnen und Ausländer auch nicht, bei familiären Konflikten professionelle Hilfe von aussen zu holen. «Probleme werden in der Familie durch den Bruder oder den Vater geregelt», sagt eine Anwältin, die viele Gewaltopfer vertritt.

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Das Gesundheitswesen habe dabei «eine Schlüsselrolle», sagt Expertin Hanhart – gerade weil sehr viele Gewaltopfer in Kontakt kämen mit Ärzten, Hebammen oder der Spitex. «Mit Früherkennung, einer adäquaten Versorgung und einer guten Zusammenarbeit im Hilfsnetz kann der Gewaltkreislauf durchbrochen werden.» Daher müsse häusliche Gewalt in der Aus- und Weiterbildung gerade von Ärzten verankert werden. Eine Forderung, die auch die Autoren der Berner Studie stellen.

Das Universitätsspital Lausanne zum Beispiel hat schon 2006 ein Zentrum für Gewaltmedizin eröffnet. Dessen Spezialisten bieten auch juristische Beratungen an. Seither werden in Lausanne alle Notfallpatienten, die Gewaltopfer wurden, ans Zentrum verwiesen.

Und es ist gut möglich, dass das Modell aus der Romandie bald zum Schweizer Standard wird. Das Bundesamt für Justiz lässt derzeit untersuchen, wie die Kantone die medizinische Versorgung von Opfern häuslicher Gewalt handhaben und ob allenfalls das Opferhilfegesetz angepasst werden muss, um verbindliche Mindestangebote durchzusetzen.

Wiederholungstäter konsequenter bestrafen

Stärker im Fokus der Politik stehen heute auch die Täter. Im September hat der Nationalrat mit deutlicher Mehrheit ein Massnahmenpaket verabschiedet, um die Auswüchse häuslicher Gewalt einzudämmen. Angepasst werden soll insbesondere Artikel 55a des Strafgesetzes.

Heute können die Opfer nämlich bei typischen Delikten von häuslicher Gewalt wie Körperverletzung, Tätlichkeit, Drohung oder Nötigung eine Erklärung abgeben, wonach von einer Strafverfolgung des Täters abzusehen sei. Und die Gerichte müssen dieser Erklärung folgen. Laut Hanhart werden heute schätzungsweise 80 Prozent aller Verfahren wegen häuslicher Gewalt, gestützt auf diesen Artikel, wieder eingestellt.

Der Entscheid über die Fortführung des Strafverfahrens soll neu abschliessend bei der Justiz liegen. Und bei einem Verdacht auf wiederholte Gewalt in einer Paarbeziehung soll keine Sistierung des Verfahrens mehr möglich sein.

Für den Zürcher Fall würde das bedeuten: Der Kosovare wäre höchstwahrscheinlich auch wegen Körperverletzungen und Tätlichkeiten verurteilt worden – und zwar bereits nach dem ersten Angriff auf seine Ehefrau. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.10.2018, 14:59 Uhr

Täter verweigern Hilfe

Vielen gewalttätigen Männern fällt es schwer, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das sagt Judith Hanhart, die Co-Präsidentin der Schweizerischen Konferenz gegen Häusliche Gewalt. Aus Scham und Hilflosigkeit würden sie oft darauf verzichten. Betroffene Männer können sich laut Hanhart an den Verband Gewaltberatung Schweiz wenden (www.fvgs.ch). Für Opfer, meist Frauen und Kinder, gibt es die Opferhilfe und Frauenhäuser (www.opferhilfe-schweiz.ch oder www.frauenhaus-schweiz.ch).

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