Katholische Kirche schaltet bei Übergriffen die Justiz oft nicht ein

Viele Missbrauchsfälle werden in der Schweiz nur kirchenintern untersucht – aus Rücksicht auf die Opfer. Strafverfolger fordern eine Änderung.

Im Schnitt werden zwei Vorfälle pro Monat gemeldet. Bild: Getty Images

Catherine Boss@catboss1

Für eine Organistin* eines Pfarramtes brach vor zwei Jahren die Welt zusammen. Die Ärzte diagnostizierten eine schwere Krankheit, und mit den Aufgaben in der Familie fühlte sie sich zunehmend überfordert. Sie brauchte Hilfe und fand sie in der Seelsorge des Priesters ihrer Kirche. Die Gespräche mit ihm taten ihr gut – bis er sie eines Tages im Auto auf einen Parkplatz lotste und sie sexuell überwältigte. «Ich war total blockiert», wird sie später sagen. Sie sei von ihm abhängig gewesen, und er habe nicht zugehört, als sie sagte, sie wolle das nicht. Es kam in den folgenden Monaten zu weiteren sexuellen Treffen, und als sie schwanger wurde, drängte er sie zu einer Abtreibung. Doch sie verlor das Kind. Während der Priester gegen aussen den seelsorgerischen Gottesdiener gab, nötigte er sie, sie dürfe niemals darüber reden.

Sie tat es trotzdem und meldete den Übergriff der Kirche. Der Fall wird zurzeit kirchenintern untersucht. Eine Anzeige bei der Polizei ist nicht vorgesehen.

10 Prozent der Vorfälle passierten in jüngster Zeit

Die katholische Kirche hat seit 2010 in allen Diözesen Anlaufstellen für von Kirchenleuten sexuell missbrauchten Menschen eingerichtet. Dort melden Opfer in den letzten Jahren im Schnitt zwei Vorfälle pro Monat, zwischen 2010 und 2017 kam es laut Informationen der Bischofskonferenz zu insgesamt gegen 250 Meldungen. Die Vorwürfe reichen von ­ungefragten Zärtlichkeiten bis zu sexuellen Attacken. Allein im J­a­nuar 2017 meldeten Opfer 22 Missbrauchsfälle, darunter auch pädophile Übergriffe von zehn Priestern im Bistum Sitten. Sie hatten zwischen 1950 und 1992 Kinder missbraucht, wie am Mittwoch bekannt wurde.

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Seit den 50er-Jahren bis heute haben Priester, Ordensleute oder Nonnen in der Schweiz mindestens 59 Kinder unter zwölf Jahren, 84 Teenager – Mädchen und Knaben – sowie 48 Frauen, 40 Männer missbraucht.

Doch es geht längst nicht nur um Fälle aus der Vergangenheit. Mindestens 25 gemeldete Übergriffe passierten zwischen 2010 und 2016. Über zehn Prozent stammen somit aus jüngster Zeit. Die Kirche versichert, dass unter den neuen Fällen keine Missbräuche an Kindern gemeldet worden seien. Die Opfer seien durchwegs Erwachsene, sagt Giorgio Prestele, Präsident des kirchlichen Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld».

Gott sei ihr näher

In 61 Berichten reden die Opfer von sexuell gefärbten Äusserungen oder Gesten, von unerwünschten Avancen, wie sie aktuell unter dem Schlagwort #MeToo weltweit angeprangert werden und prominenten Männern in Machtpositionen reihenweise den Posten kosten. Übergriffige Priester missbrauchen nicht nur ihre Macht, sondern nutzen als spirituelle Vorbilder auch emotionale Abhängigkeiten aus.

Ein Pfarreisekretär, der sich 2011 bei der katholischen Kirche meldete, empfand einen Annäherungsversuch eines Priesters eindeutig als Missbrauch. Er musste eines Abends länger arbeiten, als der Priester sein Büro betrat und sich hinter ihn stellte. Der Kirchenmann begann seinen Rücken zu streicheln – bis hinunter zur Nierenpartie. Und frage: «Was machst du denn heute Abend?» Der Sekretär war völlig irritiert und überrascht, dann liess der Priester von ihm ab.

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Die Kirche ergreift in solchen leichteren Fällen interne Massnahmen – etwa eine Verwarnung oder ein Gespräch zwischen dem Beschuldigten und dem Opfer.

In gegen 100 gemeldeten Übergriffen geht es hingegen um schwere Sexualdelikte – die Opfer berichten von sexuellen Nötigungen, von Vergewaltigungen oder Schändungen. Ein Opfer meldete 2011, der Pater, der sie regelmässig auf sein Zimmer nahm und sich dort auf sie legte, habe erklärt, wenn er in sie eindringe, sei auch Gott ihr näher. Die Kirche informierte in diesem Fall die Justiz.

Ermittlungen oft nur kirchenintern

Doch sie tut dies längst nicht immer. Tatsächlich entscheiden in manchen Fällen interne Gremien, wann die Kirche Vorwürfe selber untersucht und wann sie Strafverfolger einschaltet. Nur: Je nach Schwere sind sexuelle Übergriffe Offizialdelikte, eigentlich müssten Ermittler von Amtes wegen Verfahren einleiten, wenn sie davon erfahren würden. Auch wenn die Opfer keine Anzeige machen.

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Die Bischofskonferenz hat zwar 2014 ihre Richtlinien verschärft. Seither muss die Kirche bei Übergriffen an Minderjährigen, sollten neue bekannt werden, zwingend die Justiz einschalten. Für Erwachsene gilt dies aber nicht. Und wenn sich ein Opfer selbst bei schwerem Missbrauch nicht an die Polizei wenden will, werden Übergriffe zum Teil lediglich kirchenintern untersucht. Zum Schutz der Opfer, wie es aus Kirchenkreisen heisst, um eine erneute Traumatisierung zu verhindern.

Keine zwingende Traumatisierung

Mit dem kanonischen Recht hat die katholische Kirche ein eigenes Rechtssystem mit eigenen Verfahrensregeln und Sanktionsmöglichkeiten, sozusagen eine Paralleljustiz zu den staatlichen Strafbehörden. In diesen Fällen sind es also Kirchenleute, welche quasi «ermitteln», und es sind von der Kirche bestimmte Fachkommissionen, die beurteilen, ob ein Fall an die Justiz gehen soll, weil beim Täter Wiederholungsgefahr besteht.

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Kann das gut gehen? Strafverfolger warnen. Elmar Tremp, St. Galler Staatsanwalt und Mitglied des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld», sagt: «Ich rate den Kirchenleuten mit Nachdruck davon ab, in ernsthaften Fällen selbstständig Abklärungen zu treffen. Die Vertreter der Kirche, die solche Untersuchungen führen, sind zwar im kanonischen Recht gut ausgebildet, doch das macht sie nicht zu kompetenten Ermittlern.» Zudem dürfe man nicht von vornherein davon ausgehen, dass ein Opfer durch Ermittlungen erneut traumatisiert werde. Er könne auch ohne das ­Zutun der Betroffenen ermitteln – und stosse vielleicht bei einer Hausdurchsuchung dank beschlagnahmtem Material auf weitere Opfer. «Man stelle sich vor, man wäre nicht eingeschritten», sagt der Staatsanwalt.

Auch Andreas Brunner, ehemaliger Zürcher Oberstaatsanwalt und Vizepräsident der Stiftung Kinder & Gewalt, sagt: «Es wäre trügerisch, wenn Vertreter von Kirchengremien glauben, sie könnten eine Rückfallgefahr eines Täters beurteilen. Dazu braucht es Untersuchungen von Ermittlern und Gutachten von Fachleuten.» Wenn Übergriffe mehrheitlich kirchenintern untersucht würden, so Brunner, mache das den Anschein, dass die Kirche beim Thema sexuelle Übergriffe die Zügel in der Hand behalten oder gar die Sache unter den Teppich kehren wolle.

Die Kirche steckt im Dilemma

Sicher ist: Die katholische Kirche der Schweiz steht heute bei der Aufarbeitung von Missbräuchen an einem anderen Punkt als noch vor fünfzehn Jahren, als selbst massive Übergriffe vielerorts vertuscht, die Täter einfach versetzt wurden. Nicht nur haben sich die Bischöfe öffentlich entschuldigt, in den von der Bischofskonferenz in allen Diözesen eingerichteten Anlaufstellen sitzen neben Kirchenleuten auch Psychologinnen und Juristen. Und mit einem Genugtuungsfonds werden Opfer von verjährten Fällen entschädigt.

Doch die Kirche steckt in einem Dilemma – sie muss sich in Einzelfällen zwischen Opferschutz und staatlicher Täterverfolgung entscheiden. Sollten gravierende Fälle nicht an die Justiz gelangen, riskiert die Kirche weitere Übergriffe. Zudem setzt sie sich mit internen Untersuchungen dem Vorwurf aus, der Prozess sei zu wenig unabhängig. Das will Giorgio Prestele vom kirchlichen Fachgremium nicht gelten lassen: Die richtige Balance zu finden sei zwar schwierig, doch er sei überzeugt, dass heute in der Schweiz nicht mehr vertuscht werde. «In unseren Gremien sitzen Fachleute, die klar die Interessen der Opfer und nicht diejenigen der Bischöfe oder der Institution Katholische Kirche im Fokus haben», sagt er.

* Zum Schutz der Opfer werden die Vorfälle ungenau beschrieben. Hinweise für Recherchen an: catherine.boss@sonntagszeitung.ch

SonntagsZeitung

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