Forscher warnen vor Energydrinks

Herzrasen, Kopfschmerzen, Übelkeit – viele Jugendliche leiden nach dem Konsum an Beschwerden.

Beliebter Kick: Zwei Drittel der Energydrink-Konsumenten in Europa sind junge Menschen, die besonders sensibel auf die Inhaltsstoffe reagierenFoto: Holger Salach

Beliebter Kick: Zwei Drittel der Energydrink-Konsumenten in Europa sind junge Menschen, die besonders sensibel auf die Inhaltsstoffe reagierenFoto: Holger Salach

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Sie machen Müde munter, doch für Jugendliche sind Energydrinks nicht ohne gesundheitliche Risiken. Die kanadische Waterloo University führte im Januar eine Umfrage bei mehr als 2000 Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren durch. Dabei berichteten 55 Prozent der Befragten, nach dem Konsum der koffeinhaltigen Drinks schon Beschwerden gehabt zu haben. Sie litten unter Herzrasen, Kopfschmerzen, Schlafproble­men, Übelkeit, Durchfall oder Brustschmerzen, und bei rund drei Prozent kam es sogar zu Krampfanfällen. Ähnliche Resultate lieferte kürzlich eine von Forschern der kalifornischen Chapman University durchgeführte Studie.

Auch eine Untersuchung der Kentucky University zeigte ein besorgniserregendes Bild. Energydrinks könnten das Gedächtnis, das Lernvermögen und das Sozialverhalten bei Heranwachsenden negativ beeinflussen, lautet der vorläufige Befund, den die Forscher nun weiter untersuchen möchten. «Wir wissen heute, dass gerade das Gehirn Jugendlicher besonders sensibel auf Substanzen reagiert», sagt Christine Curran, Neuroforscherin und Autorin der Studie.

Bis ins frühe Erwachsenenalter entwickle sich das menschliche Gehirn weiter, gerade bei männlichen Jugendlichen dauere das am längsten, sagt Curran. «Und es sind die Bereiche, die für kritisches Denken und das Urteilsvermögen zuständig sind, die sich als letzte entwickeln. Deshalb macht uns das Sorgen.» Experten raten Jugendlichen aus diesem Grund zu vorsichtigem Konsum.

Nicht nur Koffein, auch Taurin und Zucker bereiten Probleme

Handelsübliche Energydrinks enthalten 32 Milligramm Koffein pro Deziliter. Eine Cola hat rund 10 mg Koffein pro Deziliter. Beim Kaffee variiert der Koffeingehalt je nach Zubereitung und Verdünnung. In einem Espresso stecken rund 40–50 mg Koffein. «Insbesondere Jugendliche sollten am Tag nicht mehr als 100 mg Koffein zu sich nehmen. Eine einzige 500-ml-Dose enthält aber bereits 160 mg», sagt Monique Portner-Helfer von Sucht Schweiz.

Koffein ist nicht die einzige problematische Komponente. Energydrinks enthalten auch viel Zucker und zudem die Aminosäure Taurin. «Das Taurin sorgt unter anderem für die schnelle Aufnahme des Zuckers», sagt Portner-Helfer. Die Zusatzstoffe sind auch daran beteiligt, dass der Körper stärker auf Energydrinks reagiert als auf einen Espresso. Eine Studie der kalifornischen University of the Pacific zeigte, dass der Blutdruck nach dem Konsum eines Energydrinks stärker anstieg als bei Kaffeetrinkern. Und dass zudem häufiger potenziell gefährliche Herzrhythmusstörungen auftraten.

Teenager reagieren grundsätzlich stärker auf Koffein. In den USA kam es im letzten Jahr gar zu einem Todesfall. Ein 16-jähriger Junge trank innerhalb von zwei Stunden einen Caffè Latte, einen Energydrink und eine koffeinhaltige Limonade, dann brach er tot im Klassenzimmer zusammen. Der Gerichtsmediziner stellte den übermässigen Koffeinkonsum als Todesursache fest.

Besonders heikel finden die Fachleute auch, wenn Konsumenten Energydrinks mit Alkohol mischen. «Der Zucker kaschiert die Wirkung des Alkohols, was rasch zu einem übermässigen Alkoholkonsum führen kann», sagt Portner-Helfer. Gleichzeitig putsche das Koffein der Energydrinks auf und täusche ebenfalls über den Alkohol hinweg. Konzentration und Reaktion blieben auf der Strecke; die Risikobereitschaft steige.

Aus diesen Gründen hat es in den letzten Monaten in Grossbritannien heftige Diskussionen um den Energydrink-Konsum Jugendlicher gegeben. Auch Starkoch Jamie Oliver mischte sich in die Debatte ein. Inzwischen haben mehrere grosse britische Supermarktketten wie Sainsbury’s, Asda, Tesco, Lidl, Waitrose, Aldi und ­Co-op in einer Selbstverpflichtung beschlossen, keine Energydrinks mehr an Jugendliche unter 16 Jahre zu verkaufen. Red Bull, Monster und Co. gibt es nur noch mit ID und Altersnachweis.

«Die Energydrinks verstärken risikoreiches Verhalten»

In der Schweiz sei ein derartiges Verkaufsverbot im Moment kein Thema, heisst es bei Coop. Man werde die aktuellen ­Entwicklungen aber verfolgen. Auch die Migros-Verantwortlichen wollen den Verkauf nicht beschränken. «Die Verantwortung dafür, was die Kinder in welchen Mengen trinken, liegt grundsätzlich bei den Eltern», sagt Sprecher Sebastian Senn. Sucht Schweiz dagegen begrüsst laut Monique Portner-Helfer die britische Initiative. Bisher müssen Hersteller nur den Hinweis auf die Dosen drucken, das Getränk sei wegen des hohen Koffeingehaltes nicht für Kinder geeignet.

Noch einen weiteren Punkt beurteilt Studienautorin Curran kritisch. «Die Energydrinks verstärken risikoreiches Verhalten, was gerade bei männlichen Teenagern sowieso ein Problem ist», sagt die Neurowissenschaftlerin.

Das Bild vom coolen, risikoliebenden Konsumenten bedienen die Hersteller mit ihren Marketingkampagnen und dem Sponsoring von Risikosportarten. Red Bull Schweiz will keine Verkaufszahlen bekannt geben. «Alle Altersgruppen haben Zugang zu Produkten, die koffein- und zuckerhaltig sind. Ein Verkaufsstopp von Energydrinks wäre demzufolge willkürlich, benachteiligend und unwirksam», lässt eine Sprecherin zum Thema Verkaufsverbot an Jugendliche ausrichten.

Viele Teenager schlafen zu wenig, weil sie spät ins Bett gehen, aber früh zur Schule oder in die Lehre müssen. Denn die innere Uhr verschiebt sich mit der Pubertät merklich, die meisten Teenager sind deshalb Nachteulen. Der Griff zum Energydrink nach zu kurzer Nacht ist verlockend, doch das Problem verschlimmert sich dadurch häufig. Wer zu viel Koffein im Blut hat, der hat am Abend erst recht Schwierigkeiten einzuschlafen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.03.2018, 17:03 Uhr

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