Es liegt nicht in seiner Hand

Bei unerfülltem Kinderwunsch dreht sich fast alles um die Frau. Wie aber gehen Männer mit schlechten Spermien, Sex nach Plan und der Hilflosigkeit um?

Kammer zur Abgabe einer Spermienprobe: Bisweilen sterile Realität statt Wohlfühl­ambiente. Foto: Nicklas Thegerstrom/Invision Images/Laif

Kammer zur Abgabe einer Spermienprobe: Bisweilen sterile Realität statt Wohlfühl­ambiente. Foto: Nicklas Thegerstrom/Invision Images/Laif

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Funktioniert doch alles beim Sex: Erektion, Orgasmus, Samenerguss. Und nun behauptet der Arzt, man sei unfruchtbar? Die Samen seien zu wenig zahlreich, zu wenig wendig oder gar nicht erst sichtbar unter dem Mikroskop? Das muss ein Missverständnis sein. Oder die Probe wurde verwechselt. Oder das Labor hat nicht richtig hingeschaut. Die meisten Männer wollen die Diagnose erst gar nicht wahrhaben, auch Ingo Rubel nicht.

«Als man mir mitteilte, meine Spermien seien zu unbeweglich, um es bis zur Eizelle zu schaffen, war ich überzeugt, dass es sich um einen Fehler handeln musste.» Zuvor hat es ja auch geklappt, der ­gelernte IT-Systemmanager ist schon Vater von zwei Söhnen aus einer früheren Beziehung. Seine zweite Frau wollte aber unbedingt ein gemeinsames Kind. Es klappte nicht. Und die Uhr tickte. «Meine Frau war ja schon fast 40.»

Der heute 43-Jährige wechselte den Arzt, so wie es viele Männer tun. Die Diagnose war die­selbe. Er wechselte erneut den Arzt, aber das Spermiogramm blieb ungenügend. Er stellte die Ernährung um, ass mehr Gemüse und weniger Fleisch, es hatte geheissen, das verbessere die Spermienqualität. Tat es aber nicht. Und jedes Mal dasselbe, peinliche Prozedere mit der Spermaprobe von vorn.

In manchen Kliniken habe es einen speziellen Raum gegeben mit einem Sessel, Männerzeitschriften und Pornofilmen, um sich in Stimmung zu bringen. Manchmal aber auch nicht. «Es kam vor, dass ich mit meinem Plastikbehälter auf das normale WC musste», erzählt Rubel. Schrecklich unangenehm sei das gewesen. «Draussen wusste ja jeder, was ich dort drinnen trieb. Dass die hinter der Tür alle auf meinen Orgasmus warten, konnte ich kaum ausblenden.» Das war keine anregende Wohlfühlatmosphäre, sondern sterile Realität, oder wie es Rubel sagt: «Wie in einem Schlachthof ohne Fenster.» Und offenbar ohne Bewusstsein dafür, dass es so etwas wie ein männliches Schamgefühl gibt.

Viele wollen ihr Sperma nicht untersuchen lassen

Ingo Rubel liess trotzdem alles über sich ergehen. Auch, weil ein Samenspender für ihn partout nicht infrage kam. «Ich hatte Angst, dass ich das Kind eines anderen nicht würde lieben können.» Lieber willigte er in eine Hodenbiopsie ein, bei der ihm der Hodensack aufgeschnitten wurde, um Ge­webe zu entnehmen auf der Suche nach Samenzellen, und später in eine Hodenpunktion. «Ich habe meiner Frau schliesslich bei der Heirat versprochen, alles zu tun, um sie glücklich zu machen.»

Wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt mit dem Nachwuchs, liegt die Ursache genauso häufig beim Mann wie bei der Frau. «Allerdings sträuben sich viele dagegen, sich überhaupt untersuchen zu lassen», sagt die Sozialtherapeutin Petra Thorn, die mit dem Buch «Männliche Unfruchtbarkeit und Kinderwunsch» einen der wenigen Ratgeber für Männer in der Kinderwunschphase geschrieben hat. «Viele zögern die Untersuchung hinaus. Männer gehen normalerweise nur dann zum Arzt, wenn sie sich richtig krank fühlen.»

Hinzu komme die meist grosse Angst, tatsächlich zeugungsun­fähig zu sein. «Viele setzen Unfruchtbarkeit fälschlicherweise mit Impotenz gleich», sagt Thorn. Und das sei ein grosses Tabu. Man empfindet sich als Versager, der Sex fühlt sich irgendwie auch nur noch halb richtig an, weil kein Kind dabei entstehen kann. Darüber reden tun die wenigsten. Auch Ingo Rubel behielt alles für sich. Auf Sprüche wie «Kriegst du das denn nicht allein hin?», habe er gut verzichten können, «und die wären garantiert auf den Tisch gekommen nach ein paar Bierchen». So wird der unerfüllte Kinderwunsch zum noch grösseren Tabu als bei Frauen. Die Zürcher Psychologin Karin Schmidt, die kinderlose Paare begleitet, kennt das: «Ich hatte in vier Jahren nur zwei Männer, die sich von sich aus bei mir gemeldet haben. Einer davon wollte wissen, wie er seiner Frau helfen kann.»

Ungefragte Ratschläge wie ein Hund als Babyersatz

Für Nachwuchs braucht es zwar zwei, bei der Kinderwunschbehandlung dreht sich aber fast alles um die Frau. Sie ist es, die sich täglich Hormonspritzen setzen muss, um die Eierstöcke zu stimulieren, sie muss sich einer Eizellentnahme unterziehen und später dem Transfer. Dazu Bluttests, Ultraschalluntersuchungen, Beschwerden wie in den Wechseljahren oder Schmerzen bei Überstimulation. Männer hingegen können ihr Spermiogramm kaum beeinflussen.

Mit der Ohnmacht, untätig daneben zu stehen, während seine Frau alles erdulden musste, hatte auch der 33-jährige Johannes zu kämpfen. «Ich kam mir teilweise vor wie der Sepp, der für Sex nach Plan bereitstehen sollte und in der Klinik in die Kammer geht, um eine Spermienprobe abzugeben.» Seinen Nachnamen möchte Johannes lieber nicht in der Zeitung ­lesen, obwohl er offen über seine Kinderlosigkeit spricht, beziehungsweise in seinem Blog «Vaterwunsch» schreibt.

Sieben Jahre hatten er und seine Frau versucht, ein Kind zu bekommen und alles durchgemacht von Hormontherapien, Operationen bis künstlicher Befruchtung. Über all das berichtet Johannes in seinem Blog; immer sensibel, aber nie sentimental. Auch über die Unbedarftheit, wie die Gesellschaft mit Kinderlosigkeit umgeht: Viele erkundigen sich ständig nach Nachwuchs oder erteilen ungefragt Ratschläge vom Adoptivkind bis zum Hund als Babyersatz.

«Ich habe meine Frau beinahe um ihren körperlichen Schmerz beneidet.»

Insgesamt dreimal wurde seine Frau schwanger, jedes Mal verlor sie das Kind. Psychologen gehen davon aus, dass Männer dabei genauso leiden; die Erkenntnis, kinderlos zu bleiben, fühle sich ähnlich an wie ein schwerer Schicksalsschlag, etwa der Tod eines Nahestehenden. «Ich habe meine Frau beinahe um ihren körperlichen Schmerz beneidet», sagt Johannes. Teilweise habe er sich ausgeschlossen gefühlt. Und oft hilflos. Nach der dritten Fehlgeburt ging es ­seiner Frau so schlecht, dass er nachts jede Stunde den Wecker stellte, um nachzusehen, ob sie noch lebt. Danach entschied sich das Paar, es nicht weiter zu ver­suchen. «Insbesondere Männer können das nicht verstehen und werfen mir zuweilen vor, nicht ­alles versucht zu haben.»

Johannes ist einer der ganz wenigen, die den unerfüllten Kinderwunsch von sich aus thematisieren, zumindest via Blog. «Ich könnte mir nicht vorstellen, mit einem Mann stundenlang über meine Gefühle zu reden.» Er sei einfach dankbar gewesen, sich von seinen Freunden ablenken zu lassen, zum Beispiel mit Fussball. Als Ventil für seine Gefühle nutzte er den Blog und Gespräche mit seiner Frau, die «zum Glück nicht zuliess, dass ich alles in mich hineinfrass».

Anders als Johannes überlassen viele Männer das Kinderthema aber lieber komplett der Frau. «Männer haben oft keine Ahnung, was im weiblichen Körper abgeht, und haben mehr Möglichkeiten, das Thema zu verdrängen», weiss Johannes. Nur schon, weil sie nicht jeden Monat körperlich daran erinnert und auch nicht ständig auf Kinder angesprochen würden.

«Die Hilflosigkeit ist für Männer schwer auszuhalten. Besonders, wenn die Ursache bei ihnen liegt.»

«Manche stellen sich auf den Standpunkt, sowieso nichts ausrichten zu können», sagt die Kinderwunschärztin Elisabeth Berger-Menz; sie empfehle jedoch immer, dass der Mann seine Partnerin begleitet. «Es geht ja schliesslich um beide.» Die Bernerin ist im Film «Kinder machen» zu sehen, der seit Donnerstag im Kino läuft und hinter die Kulissen der Reproduktionsmedizin blickt. «Die Hilflosigkeit ist für Männer schwer auszuhalten. Besonders, wenn die Ursache bei ihnen liegt.»

Viele Männer sind auch überfordert, weil es für ihre Partnerin oft kein anderes Thema mehr gibt als den Kinderwunsch. Sie fühlen sich gerade gut genug als Samenspender, mehr nicht, und ziehen sich zurück, was Frauen noch hilfloser macht. Das beobachtet auch die Psychologin Karin Schmidt. Dabei handle es sich um typische Bewältigungsstrategien. Es lohne sich, Zeiten für Gespräche zu vereinbaren. Dann wisse die Frau, dass sie Gelegenheit zum Reden habe, und der Mann, dass es davor und danach um andere Themen geht.

Die Eizellenspende fühlte sich an wie Fremdgehen

Frauen sind bereit, fast alles zu tun für ihren Kinderwunsch, Männer freunden sich oft früher mit dem Gedanken an die Kinderlosigkeit an – auch aus finanziellen Gründen. Eine künstliche Befruchtung kostet schnell 9000 Franken pro Zyklus, oft sind mehrere nötig, und nur etwa in 30 Prozent der Zyklen klappt es. Aber wie wiegt man das Geld gegen ein mögliches Kind auf? Ingo Rubel und seine Frau gingen noch weiter und entschieden sich für eine Eizellenspende.

Die ist vielerorts verboten, auch in Deutschland und in der Schweiz. «Anfangs wollte ich nicht. Es kam mir vor, als würde ich meine Frau mit der Eizellenspenderin betrügen», sagt Ingo Rubel. Aber seine Frau wollte unbedingt. Sie liessen sich in Tschechien beraten, später reisten sie mehrmals in eine Klinik auf Mallorca, der Eizellen­transfer scheiterte jedoch. Mehr als 10'000 Euro hatten sie dafür ausgegeben. Sie reisten weiter zu einer Klinik nach Las Vegas, luden Fotos auf Facebook, ihre Freunde dachten, sie seien dort in den Ferien.

Für rund 50'000 Dollar hätten sie sich dort ein Baby auswählen können und dabei alles bestimmen können von der Augenfarbe bis zum Studienabschluss der Grosseltern. Das war Ingo Rubel aber zu viel, finanziell, aber auch ethisch. Schliesslich wagten sie im spanischen Ali­cante beim Kinderwunsch­zentrum IVF Spain einen erneuten Versuch. Ihre Tochter kam vor zwei Jahren zur Welt. Alles in allem gaben sie für Kinderwunsch­behand­lungen, Flüge und Hotelübernachtungen über 30'000 Franken aus. «Meiner Frau zuliebe hätte ich auch einen Kredit aufgenommen.»

Dass Männer pragmatischer sind, beobachtet auch Elisabeth Berger-Menz in ihrer Praxis. Erst mal diese Untersuchung abwarten und dann der nächste Schritt, immer schön der Reihe nach. Es seien auch eher die Männer, die wissen wollten, ob man das Geschlecht beeinflussen könne, die Augen­farbe oder gar das Sternzeichen, teilweise auch im Spass. «Manchmal bringen sie damit eine Leichtigkeit ins Thema, die Frauen oft fehlt.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.12.2017, 17:59 Uhr

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