«Der ‹Fall Emmen› wird mich ein Leben lang begleiten»

Der Staatsanwalt Thomas Reitberger hofft auf einen Fehler des Täters – und auf Hilfe aus Griechenland.

Der Tatort in Emmen: Viele Passanten aber keine Augenzeugen. Bild: Stefano Schroeter

Der Tatort in Emmen: Viele Passanten aber keine Augenzeugen. Bild: Stefano Schroeter

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Wenn die Tat überhaupt erwähnt wird, dann lediglich als Kurzmeldung. «Eine 26-jährige Frau ist am Dienstag gegen 22.20 Uhr von einem Unbekannten vom Velo gerissen und in einem nahen Waldstreifen an der Reuss mutmasslich vergewaltigt worden», schreiben verschiedene Zeitungen am 23. Juli 2015.

Thomas Reitberger aber ahnt schon, dass es kein «normaler Fall» wird. Früh am Morgen klingelt sein Telefon. «Die Polizei klärte mich über die ersten Erkenntnisse auf», sagt der Staatsanwalt. «Speziell waren die schweren Verletzungen des Opfers. Auch das Aufgebot der Polizei sprach dafür, dass es sich um ein aussergewöhnliches Delikt handelt.» Jeder irgendwie verfügbare Beamte wird einbestellt. Sie sichern Spuren, befragen Passanten, suchen in Datenbanken nach ähnlichen Verbrechen und einschlägig Vorbestraften in der Region.

Auch Reitberger begibt sich an den Dammweg, wo das Verbrechen geschah. Er steht an einer Stelle, die von weit her sichtbar ist, an der täglich viele Velofahrer und Fussgänger vorbei kommen. «Das sind gute Voraussetzungen, um einen Augenzeugen zu finden», sagt der Staatsanwalt. «Überhaupt war ich zu diesem Zeitpunkt zuversichtlich, den Täter zu finden.»

Polizeiaufrufe wie hier am Dammweg brachten Hunderte Hinweise. Klicken zum Vergrössern. Bild: Keystone

Umso mehr, als die Ermittler am Tatort eine fremde DNA sichern können. «Sie stammt mit fast 100 prozentiger Sicherheit vom Täter», sagt Reitberger. Er hofft auf einen schnellen Durchbruch. Doch der Abgleich der DNA fällt negativ aus. Sie stimmt mit keiner Probe überein, die Verbrecher in der Schweiz bisher abgegeben hatten.

Die Ermittler setzen nun auf das Opfer. «Sie war unsere grösste Hoffnung, weil sie den Täter als einzige Person gesehen hatte», sagt Reitberger. Doch die Kronzeugin macht nur vage Angaben. «Eine detaillierte Befragung war zu dieser Zeit nicht möglich. Ihr Gesundheitszustand liess keine detaillierte Einvernahme zu.»

Pfeffersprays und eine Welle der Solidarität

Dass die junge Frau im Paraplegikerzentrum Nottwil liegt, bleibt kein Geheimnis. «Vergewaltigung: Ist Opfer gelähmt?», fragt die «Luzerner Zeitung» am 28. Juli 2015. Drei Tage später bestätigen Ärzte: Das Opfer erlitt durch den Übergriff schwere Rückenmarksverletzungen, die zu einer Querschnittlähmung des Rumpfs, der Arme und der Beine führte.

Ab jetzt ist die Geschichte kein Stoff mehr für Kurzmeldungen. Das Lokalradio berichtet genauso ausführlich über den «Fall Emmen» wie nationale Zeitungen. «Grund für das grosse öffentliche Interesse war sicherlich die Querschnittlähmung», sagt Rietberger. «Dass das Opfer ein Leben lang gezeichnet bleiben wird, löste enorme Betroffenheit aus.» Mit einer Kundgebung zeigen die Bürger von Emmen ihre Anteilnahme, im Internet wird Geld für die junge Pflegerin gesammelt.

Die Behörden setzen eine Sonderkommission ein, erstellen ein 3D-Bild des Tatorts. Mehrere Verdächtige werden in Haft genommen. «Es gab immer wieder Momente, in denen ich gehofft habe, dass wir ihn jetzt haben», sagt Reitberger. «Aber die DNA stimmte nie mit jener vom Tatort überein.» Die Zuversicht steigt, als das Opfer die folgenden Angaben zu ihrem Peiniger machen kann: zwischen 1,70 und 1,80 Meter gross und schlank, hat krauses Haar und einen dunklen Teint, zur Tatzeit zwischen 19 und 25 Jahren alt, spricht gebrochen Deutsch.

«Es ist klar, dass eine solch unheimliche Tat Ängste auslöst.»Staatsanwalt Thomas Reitberger

Die Polizei setzt eine Belohnung von 10’000 Franken aus für Hinweise, später sind es 20’000 Franken. «Wir hatten Hunderte Rückmeldungen», sagt Reitberger. «Oft waren es gute Hinweise, denen wir nachgingen. Es meldeten sich aber auch Leute, die das Gras wachsen hören. Zum Beispiel haben Hellseher angeboten, den Fall zu lösen.»

In die Solidarität der Bevölkerung mischt sich zunehmend Angst. «Nach dem Fall Emmen: Frauen decken sich mit Pfefferspray ein», titelt die «Zentralschweiz am Sonntag» am 9. August 2015. Tags darauf überfällt ein Maskierter im Dorf eine Frau. «Geht ein Serientäter um?», fragt «Zentral+». «Natürlich spürte ich den Druck der Öffentlichkeit», sagt Reitberger. «Die Haltung der Bevölkerung war klar: Dieser Mann muss sofort gefunden werden.» Eine nachvollziehbare Forderung, findet der Staatsanwalt. «Das Opfer wurde im Dunkeln vom Velo gerissen, vergewaltigt, dann schwer verletzt und alleine liegen gelassen. Es ist klar, dass eine solch unheimliche Tat Ängste auslöst.»

Die Ermittler wissen, dass die Erfolgschancen mit der Zeit sinken. Sie ziehen alle Register. Im Oktober 2015 ordnet die Staatsanwaltschaft DNA-Tests bei 372 Männern aus der Region an, im März 2016 pürft die Staatsanwaltschaft Daten von 1863 Handys. Ausserordentliche Massnahmen, die in diesem Umfang neu sind für den Kanton Luzern. Sie bleiben ohne Erfolg. «Spätestens da war uns allen klar, dass es extrem schwierig wird, den Täter noch zu fassen», sagt Reitberger.

Bund arbeitet Gesetzesgrundlage aus

Doch genau darauf hoffen das Opfer und seine Familie nach wie vor. Am 25. Mai 2016 äussert sich die Mutter erstmals. Sie fordert, dass Fahnder künftig von der DNA auf Merkmale wie Augen- oder Haarfarbe schliessen dürfen. «Es löst grosses Unverständnis aus, wenn man als Betroffene weiss, dass man die DNA des Täters hat, diese aber nicht verwenden darf, um den Täter zu finden», sagt die Mutter im «Schweizer Fernsehen».

Die Forderung gelangt ins Parlament, National- und Ständerat sagen «Ja». Derzeit arbeitet der Bund eine Gesetzesgrundlage aus. «Natürlich wäre diese Möglichkeit hilfreich gewesen», sagt Reitberger. «So hätten wir überprüfen können, ob die bisherige Täterbeschreibung ergänzt werden kann.» Sobald die detaillierte Auswertung der DNA erlaubt sei, werde man eine Analyse durchführen.

Anwältin der EU will wegen DNA-Test vermitteln

Am 13. Februar 2017 erhält das Böse einen Namen: Aron. Oder Aaron, die korrekte Schreibweise ist unklar. So hatte sich der Täter gegenüber seinem Opfer ausgegeben. «Wir haben dieses Detail absichtlich so lange für uns behalten», sagt Reitberger. «Es ging darum, vor der Öffentlichkeitsinformation Abklärungen zum Namen zu machen.» Zudem handle es sich um Täterwissen. Solches zu publizieren kann später zu Schwierigkeiten führen, wenn es darum geht, ein Geständnis zu verifizieren.

Auf die Mitteilung mit dem Namen gehen erneut 300 Hinweise aus der Bevölkerung ein. Jeder wird überprüft, keiner führt zum Ziel. Schliesslich entscheiden sich die Luzerner Behörden dazu, den «Fall Emmen» auf Eis zu legen. Letzten Montag, am 15. Januar 2018, sistieren sie die Ermittlungen. «Das heisst, dass wir dem Täter nicht mehr aktiv hinterher spüren», sagt Reitberger. «Wir haben alle Hinweise abgearbeitet, fast 10’000 Personendaten überprüft und alles Mögliche unternommen. Jetzt liegen keine neuen Ermittlungsansätze mehr vor.»

Abgehakt ist der Fall deshalb nicht. Die Staatsanwaltschaft weiss von einem Mann, der zur Tatzeit in der Nähe des Dammwegs war. Auch die Beschreibung des Opfers trifft ungefähr auf ihn zu. Er soll sich in Griechenland aufhalten. «Wir haben deshalb schon im Oktober 2015 ein Rechtshilfeersuchen gestellt, damit die griechischen Behörden eine DNA-Probe dieser Person übermitteln», sagt Reitberger. Bis heute habe er keine Rückmeldung erhalten, trotz mehreren Nachfragen. «Diese Woche hat sich nun aber eine Anwältin der EU-Justizbehörde gemeldet, die im Fall vermitteln will. Laut ihr könnten wir die DNA doch noch erhalten.» All zu viele Hoffnungen mag sich der Staatsanwalt jedoch nicht machen. Zu oft wurden diese bisher nicht erfüllt. «Das ist nicht die heisse Spur, nach der wir seit Beginn suchen», sagt er. «Es wäre Zufall, wenn es sich genau um diese Person handeln würde.»

«Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass einer, der eine solche Tat begeht, nie mehr straffällig wird.»Staatsanwalt Thomas Reitberger

Trotzdem bleibt Reitberger zuversichtlich, den Täter noch zu verhaften. Man sei nun auf einen Fehler des Unbekannten angewiesen. «Wir werden die sichergestellte DNA weiterhin laufend mit der nationalen und auch internationalen Datenbanken abgleichen. Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass einer, der eine solche Tat begeht, nie mehr straffällig wird.»

Das Opfer und dessen Familie sind mit der Sisitierung der Ermittlungen offenbar einverstanden. Sie haben die entsprechende Verfügung nicht angefochten. Und Reitberger selbst? «Irgendwann kommt der Moment, in dem man einsehen muss, dass man alles versucht hat und trotzdem nicht mehr weiter kommt.» Die Ahnung, welche der Staatsanwalt am Morgen des 23. Juli 2015 hatte, habe sich mittlerweile bestätigt. «Das ist wirklich kein normaler Fall. Er wird mich mein Leben lang begeleiten.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.01.2018, 17:49 Uhr

Staatsanwalt Thomas Reitberger

«Wir haben fast 10'000 Personendaten ausgewertet». Bild: PD

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