Ansichten einer Geliebten

Das Leben als Mätresse scheint mit dem modernen weiblichen Selbstverständnis unvereinbar. Irrtum, sagt eine Frau, die es wissen muss.

Es wird nie ein gemeinsames Foto auf Facebook geben: Mit einem verheirateten Mann liiert zu sein, bedeutet oft ein Leben im Versteckten. Bild: Alexander Nicholson

Es wird nie ein gemeinsames Foto auf Facebook geben: Mit einem verheirateten Mann liiert zu sein, bedeutet oft ein Leben im Versteckten. Bild: Alexander Nicholson

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Es sei kompliziert, antwortet sie jeweils auf die Frage nach einem Partner, aber das stimmt nicht, denn kompliziert ist da nun wirklich nichts, sondern nachgerade klassisch: Barbara Kleinert* ist mit einem verheirateten Mann liiert, seit sechs Jahren schon.

Das ist zu lange, als dass man noch von einer Affäre sprechen könnte; es geht nicht nur um Sex, sondern um Liebe und um Innigkeit, um eine richtige Beziehung. In der man sich streitet und versöhnt oder sich aneinanderklammert und zusammen weint, wenn zum Beispiel jemand aus dem Umfeld im Sterben liegt. In der man sich täglich austauscht, Handy sei Dank, und teilnimmt am Leben des anderen. Barbara Kleinert ist keine Zerstreuung, keine nette Abwechslung – ihr Geliebter teilt mit ihr sein Innerstes, mit seiner Frau und den beiden Kindern bloss den Haushalt. Dennoch wird es nie ein gemeinsames Foto auf Facebook geben. Barbara Kleinert ist im offiziellen Leben ihres Geliebten inexistent, sie ist ein Geheimnis.

Die Konstellation klingt wie aus einer anderen, längst vergangenen Zeit. Wie damals, als eine Scheidung noch den gesellschaftlichen Tod bedeutete. Als die Konventionen verlangten, auszuharren um jeden Preis, auch dann, wenn die Ehe längst tot war, wenn man sich anderweitig verliebte, wenn ob der Misere alle Beteiligten schwermütig wurden. Die Fassade musste aufrechterhalten werden, dem bürgerlichen Familienidyll zuliebe, das zwar von jeher verlogen war, aber darum ging es ja nicht.

Auf Abruf bereitstehen

Heute muss niemand mehr ausharren. Die Scheidung ist so salonfähig wie alltäglich geworden, selbst royale Ehen dürfen aufgelöst werden. Das Konzept der ­parallel geführten, langjährigen Zweitbeziehung scheint daher obsolet, erst recht aus Frauensicht. Die Rolle der Geliebten gilt als undankbar und irgendwie nicht mehr zu vereinbaren mit einem emanzipierten Rollenbild. Die Mätresse, die klaglos ihren Platz in der zweiten Reihe einnimmt, passt nicht mehr zum weiblichen Selbstverständnis: Auf Abruf bereit zu stehen, das Handy anzustarren, bis er sich endlich meldet und zwei Stunden erübrigen kann, bevor er sich zurückstiehlt in sein normales Leben.

Weshalb tut sich eine moderne Frau das an? Barbara Kleinert, 46, Anwältin, selbstbewusst und chic, pariert die Frage mit einer Gegenfrage: «Weshalb tut sich eine moderne Frau die Ehe an?»

Viele Verheiratete bekennen, in der Ehe unglücklich zu sein

Sie hat in sich hineingelächelt, als sie vor ein paar Wochen die Meldung des Bundesamts für Statistik las: dass für 2017 bei den Scheidungen ein Rückgang zu verzeichnen sei. Und zwar – bei seit 1990 konstant rund 40 000 Eheschliessungen pro Jahr – von 17 028 Scheidungen 2016 auf 15 906 im letzten Jahr. Das entspricht einem Rückgang von 6,6 Prozent – und nicht nur das: Es handelt sich dabei um den tiefsten Wert seit 15 Jahren.

Deswegen nun bereits euphorisch das Comeback der Ehe zu verkünden, griffe indes zu kurz. Die neuen Zahlen lassen auch den Schluss nicht zu, dass Paare wieder vermehrt bereit wären, in schlechten Zeiten der Partnerschaft und der Familie zuliebe auf die Zähne zu beissen.

Die Scheidungsstatistik taugte noch nie als Gradmesser dafür, wie glücklich Paare sind, es verhielt sich vielmehr umgekehrt: Klar war immer nur, dass die Zahl der gescheiterten Ehen höher sein muss als jene, die tatsächlich gerichtlich aufgelöst werden – weil all jene, die sich eine Scheidung nicht leisten können oder wollen und frustriert-gleichgültig nebeneinanderherleben, in keiner Erhebung auftauchen.

41 Prozent gaben an, in Beziehung unglücklich zu sein

Die emeritierte Berner Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello konnte 2017 nachweisen, dass diese Vermutung richtig ist: Für ihr Buch «Wenn die Liebe nicht mehr jung ist: Warum viele langjährige Partnerschaften zerbrechen und andere nicht» befragte sie über einen Zeitraum von sechs Jahren 2000 Personen, die seit mehr als 21 Jahren verheiratet waren. Das ernüchternde Ergebnis: 41 Prozent von ihnen gaben an, in der Beziehung unglücklich zu sein. Selbst Pasqualina Perrig-Chiello war von dieser Deutlichkeit überrascht.

Dass die eheliche Idylle trügt, überrascht Barbara Kleinert nicht, sie weiss es. Weil sie oft ausgeht, zwangsläufig ohne Partner, sondern mit Freundinnen und Freunden, und dabei immer wieder feststellt, wie empfänglich verheiratete Männer auf eine Single-Frau reagieren: «Viele von ihnen suchen den Kick ausserhalb der Beziehung, sie langweilen sich.» Manchmal widert sie das an: «Als 46-jährige ungebundene Frau gelte ich als suspekt, während verheiratete Männer, vor allem wenn sie Väter sind, als seriös gelten. Ihre Lebensform gilt als richtig, meine als egoistisch. Trotzdem würden sie nie zugeben, dass sie diese angeblich richtige Lebensform unglücklich macht. Nach aussen möchten sie den Schein wahren und Teil der akzeptierten Mehrheit sein, hintenrum behelfen sie sich mit Affären und Geliebten – wie früher.»

«Er fühlt sich eingesperrt, nicht ich»

Auch für ihren Geliebten war die Scheidung nie eine Option, dann wäre «alles kaputt», sagte er und betont immer wieder, seine beiden Söhne sollen in einer intakten Familie aufwachsen; er ist zu Hause stets um Harmonie bemüht, auch wenn er sich oft streitet mit seiner Frau.

Dass sie seit der Geburt des zweiten Kindes vor acht Jahren keinen Sex mehr haben, dass er nichts mehr mit ihr ­anzufangen weiss – all das wird nicht angesprochen, dem Frieden zuliebe, und Separationsgründe sind es erst recht nicht. Nicht einmal eine Trennung light ist denkbar, etwa, dass er weiterhin bei der Familie wohnen bliebe, seine Frau und er aber kein Paar mehr wären: «Für ihn gibt es nur verheiratet oder geschieden, schwarz oder weiss, entweder oder.»

Von ihrem Umfeld, von jenen ausgewählten Freundinnen und Freunden, die Bescheid wissen, wird sie deswegen bisweilen bemitleidet. Das ärgert sie: «Weil es ein Klischee ist, dass er am längeren Hebel sitze. Stimmt nicht. Ich bin die, die alle Freiheiten hat, nicht er. Er fühlt sich eingesperrt, nicht ich.» Er sei letztlich emotional bedürftiger als sie, abhängiger auch. Sie hat, wie viele Frauen, ein enges soziales Netz, ist weder an Weihnachten noch am Geburtstag je allein, auch wenn er ihr da fehlt, klar. Sie streitet genauso wenig ab, dass die Heimlichtuerei und das Versteckspiel mitunter demütigend sind – «dass er nie öffentlich sagen kann, dass er mich liebt, das schmerzt manchmal schon» –, dennoch sieht das Machtverhältnis für eine Geliebte wie sie 2018 anders aus: Er macht ihr regelmässig Szenen, sie ihm nicht. Er ist eifersüchtig, sie nicht. Er hadert mit seinem Leben, sie mit ihrem nicht. Deshalb hat sie auch nie von ihm verlangt, er solle seine Frau und seine Kinder verlassen, «es wäre mir nicht einmal in den Sinn gekommen». Das, sagt sie, sei grundsätzlich einer der grössten weiblichen Fehler: «Dieses dauernde Nörgeln und Fordern. Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Er hat den Makel, dass es ihn nur mit Anhang gibt. Mit diesem Makel muss ich leben – wenn ich das nicht kann, muss ich es bleiben lassen.» Und es kommt noch etwas hinzu: Sie fürchtet sich vor den Konsequenzen, wenn er seine Familie verlassen würde. Was, wenn ihr die Veränderung nicht behagt? Und die Liebe rasant erkaltet? Dann ist es zu spät, der Schaden angerichtet – diese Verantwortung will sie nicht übernehmen.

Geschiedene wollen mit neuem Partner nicht mehr zusammenleben

Überhaupt schätzt sie den Freiraum, den ihr diese Form der Beziehung lässt, viel zu sehr. Sie redet sich das nicht schön, sondern weiss, wovon sie spricht, denn sie lebte es in früheren Partnerschaften ja ebenfalls, das klassische Modell mit gemeinsamer Wohnung und gemeinsamem Alltag. Das will sie nicht mehr. «Ich will nie wieder mit einem Mann übers Staubsaugen diskutieren oder darüber, wer beim Einkaufen das Toilettenpapier vergessen hat. Wenn die Leute sagen, das Leben bestehe vor allem aus Alltag, dann gruselt es mich, denn der Alltag macht jede Beziehung kaputt, Distanz hingegen erhält sie lebendig.»

Dieses Bedürfnis nach räumlicher Distanz ist bei Frauen verbreiteter, als man denkt; die Untersuchung von Pasqualina Perrig-Chiello ergab nämlich auch, dass 96 Prozent der weiblichen Geschiedenen sehr gern wieder einen Partner haben, mit diesem aber bitte nicht mehr zusammenleben möchten. Geborgenheit, sagt auch Barbara Kleinert, hänge vom Gefühl der Verbundenheit ab. Und dieses sei gegeben; sie hört oder liest ihren Geliebten mehrmals täglich, oft spontan – gerade weil sie sich nicht jeden Abend sehen.

«Dem Nächsten würde ich sagen: Räum zuerst dein ­Leben auf.»

Deshalb, sagt sie, hätte sie ja am liebsten eine Fernbeziehung, zum Beispiel mit einem Partner in ihrer Lieblingsstadt London. Weil das Geliebten-­Dasein eben doch zu viele Nachteile hat? Sie lächelt. «Darum geht es nicht. Aber Männer, die ihre Frauen betrügen, lügen sich selbst und allen anderen etwas vor. Sie sind mit sich selbst nicht im Reinen. Deshalb haben sie ziem­liche viele Knorze, und das macht es anstrengend. Dem Nächsten würde ich deshalb sagen: Räum zuerst dein ­Leben auf.»

Und was ist mit der Moral? Kein schlechtes Gewissen wegen der betrogenen, unwissenden Ehefrau? Barbara Kleinert zieht die Augenbrauen hoch: «Die weiss das. Auch wenn er sich einbildet, ein logistisches Genie zu sein –es ist absolut unmöglich, dass sie das diese ganze Zeit über nicht bemerkt hat.» Weshalb? «Er geht seit Jahren angeblich regelmässig joggen und nimmt trotzdem munter zu.»

* Name geändert

** Dieser Artikel erschien erstmals am 12. August 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.08.2018, 16:59 Uhr

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