Ärztinnen beklagen Machokultur in Spitälern

In Spitälern schafft es nur eine Minderheit der Frauen in Chefpositionen. Nun wird die Forderung nach einer Quote laut.

Von 36'900 Medizinern sind mittlerweile fast 15'200 weiblich: Eine Ärztin mit einem Stethoskop. Bild: Pablo K.

Von 36'900 Medizinern sind mittlerweile fast 15'200 weiblich: Eine Ärztin mit einem Stethoskop. Bild: Pablo K.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Doktor ist heute nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wie neuste Zahlen der Ärzteverbindung FMH zeigen, haben vergangenes Jahr zum siebten Mal in Folge mehr Frauen als Männer einen Facharzttitel erworben. 891 waren es 2017. Das sind 59 Prozent. Besonders beliebt: die Kinder- und Jugendmedizin, Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Zahnmedizin. Vermehrt erobern junge Ärztinnen aber auch Männerdomänen. Prozentual stark zugenommen hat der Anteil an Chirurginnen sowie Urologinnen.

Geht es aber darum, Kaderpositionen zu erreichen, stossen Ärztinnen an eine gläserne Decke. Nur 12 Prozent der Chefärzte sind Frauen und lediglich 24 Prozent der leitenden Ärzte. Obwohl es heute gleich viele Oberärztinnen wie Oberärzte gibt und somit weiblicher Nachwuchs, anders als in anderen Branchen, vorhanden wäre.

Man traut ihnen die Doppelbelastung nicht zu

Was läuft falsch? Vieles deutet darauf hin, dass die sozialen Strukturen die Frauen vor einer Karriere im Spital abhalten. So häufen sich bei Janine Junker, Rechtsberaterin beim Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärzte Bern, Fälle von frustrierten und demotivierten Frauen, die im hierarchisch geführten Spitalbetrieb nicht befördert werden.

Junker ist überzeugt: «Es herrscht teilweise ein frauenfeindliches Klima.» Allzu oft hätten Männer mit Führungsfunktionen die fixe Vorstellung, nur wer sich 60 Stunden pro Woche abrackere, werde ein guter Arzt. Deshalb führt insbesondere die Mutterschaft zum Karriereknick. Man traut ihnen die Doppelbelastung nicht zu und lehnt Teilzeitarbeit ab. Die Folge: «Nach der Geburt landen Frauen auf dem Abstellgleis.» Für Junker ist das stossend.

Statt Alphatier-Gehabe braucht es Teamfähigkeit

Tatsächlich reduziert die Mehrheit der Ärztinnen ihr Pensum nur minim. Gemäss der FMH arbeiten die meisten wenn nicht Vollzeit, dann 80 Prozent. Adelheid Schneider-Gilg, Präsidentin von Medical Women Switzerland, sagt: «Es muss möglich sein, mit 70 oder 80 Stellenprozent Karriere zu machen.» Auch weil die Zahl der Ärztinnen weiter zunimmt. Von 36'900 Medizinern sind mittlerweile fast 15'200 weiblich. «Sie dürfen nicht vor der Frage stehen: Kind oder Karriere.»

Längst überfällig sei laut Schneider-Gilg ein Wandel im Klinikalltag. Weg von der Alphatier- und Macho-Kultur hin zu Teamfähigkeit mit Co-Leitungen. Dazu müssten sich auch die Frauen mehr getrauen. «Sie sind häufig zu selbstkritisch und halten sich trotz guter Leistungen im Hintergrund.»

«Es braucht eine Quote.»Natalie Urwyler, Anästhesistin am Spital Sitten

Dem widerspricht Anästhesistin Natalie Urwyler. «Ich war der Meinung, wenn ich hart arbeite, werde ich gleich behandelt wie ein Mann. Ein Irrtum.» Eine Frau müsse zehnmal so gut sein, um Chefin zu werden. Während ihren elf Jahren am Inselspital Bern hat sie gesehen, wie Männer reihenweise an Kolleginnen vorbeizogen, die fachlich unterlegen waren.

Urwyler, Nachwuchshoffnung und angehende Professorin, lehnte sich dagegen auf und bezahlte mit der Kündigung. Allerdings zu Unrecht, wie das Gericht Bern-Mittelland urteilte. Sie ist die erste Frau, die hierzulande mit einer Diskriminierungsklage aufgrund des Gleichstellungsgesetzes durchgekommen ist. Heute arbeitet Urwyler am Spital Sitten und ist überzeugt: «Es braucht eine Quote.» Erst wenn ein Drittel Frauen in Leitungsgremien mitentscheidet, würden Teams anders ticken.

Aktienrechtsrevision könnte Wandel befeuern

Bei der Forderung nach einer Quote erhält Urwyler Unterstützung von gewichtiger Seite. Stephanie von Orelli, Chefärztin der Frauenklinik am Zürcher Triemlispital, hat es zwar selbst in die Topposition geschafft. Sie sagt aber: «Nur schon die Möglichkeit, dass eine Frau schwanger werden könnte, kann ab einer gewissen Stufe ein Beförderungshindernis sein.» Ohne Verzicht auf Familie sei es für eine Frau schier unmöglich, Karriere zu machen. Für von Orelli ist deshalb klar: «Ohne regulatorische Massnahmen geht es nicht.»

Auch Yvonne Gilli, Mitglied des Zentralvorstandes der FMH, zieht eine Quote in Betracht. «Keine Frau möchte eine Quotenfrau sein, doch als Mittel zum Zweck sollte zumindest befristet darüber nachgedacht werden», sagt Gilli. Anstoss dafür könnte die Revision des Aktienrechts sein. Der Bundesrat will neu Firmen verpflichten, den Frauenanteil im Verwaltungsrat auf 30 Prozent und in der Geschäftsleitung auf 20 Prozent zu heben. Da heute ein Grossteil der Spitäler als Aktiengesellschaften organisiert sind, würde dieser Vorschlag zumindest auf oberster Ebene einen Wandel bewirken.

Ändert sich nichts, sind die Konsequenzen fatal. So wechseln heute scharenweise Mediziner in Privatpraxen. Jeder zehnte Arzt und jede achte Ärztin gibt die Tätigkeit ganz auf. Zum Ausstieg führen oft das hohe Arbeitspensum oder die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die FMH ist sich dessen bewusst. Zurzeit ist ein Programm «Coach my Career» in Erarbeitung. Und in einem Positionspapier fordert die Vereinigung mehr Teilzeitstellen auf allen Hierarchiestufen.

Flexible Arbeitszeitmodelle soll es vermehrt geben

Es ist möglich, Kind, Kittel und Chefposten unter einen Hut zu bringen. Am Bürgerspital Solothurn teilen sich zwei Frauen die stellvertretende Chefarztstelle der Viszeral- beziehungsweise Eingeweidechirurgie. Und von Orelli, Chefärztin und Mutter, arbeitet seit Jahren im Jobsharing-Modell. Daher ist sie eine Verfechterin der Teilzeitarbeit. Aus dem Klinikalltag weiss sie: «Mitarbeitende dieses Beschäftigungsmodells zeigen ein hohes Engagement und sind während der Arbeitszeit höchst effizient und organisiert.»

Dass es Veränderungen braucht,davon ist auch Julia Kuark, Geschäftsführerin von JKK Consulting überzeugt. Die Expertin flexibler Arbeitsmodelle sagt: «Wie in anderen Branchen wird es auch in der Medizin notwendig sein, alte Strukturen aufzubrechen.» Angehende Ärzte, Frauen wie Männer, hätten andere Vorstellungen, als dass nur der Job ein erfülltes Leben ausmache.

Dem Zeitgeist folgend, tut sich punkto Gleichstellung langsam ­etwas. Vielleicht ist auch ein «Ur­wyler-Effekt» auszumachen. Das Inselspital beispielsweise hat 2017 erneut mehr Teilzeitstellen gut­geheissen. Mittlerweile arbeiten 46 Prozent der Oberärzte nicht Vollzeit. Und Rolf Curschellas, Personalleiter am Unispital Zürich sagt: «Wir haben ein Laufbahnmodell für Ärztinnen und Ärzte etabliert. Dies soll uns darin unterstützen, den Frauenanteil bei den Kaderärztinnen gezielt zu erhöhen.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.04.2018, 17:15 Uhr

Artikel zum Thema

Fehlgeburt während der Nachtschicht

Eine Anästhesistin verlor bei der Arbeit im Inselspital ihr Kind. Wie Diskriminierung und Überarbeitung Ärztinnen an ihre Grenzen bringt. Mehr...

Verzweifelt gesucht: Hausarzt oder Hausärztin

SonntagsZeitung Die Hausärzte und ihre Spitalkollegen, die Internisten, ringen um Nachwuchs. Eine Werbeaktion soll für mehr Schwung sorgen. Mehr...

Dr. med. Unzuverlässig

SonntagsZeitung Darm abhören, Schilddrüse abtasten, Gehör prüfen: Viele Untersuchungen beim Arzt sagen kaum etwas aus. Trotzdem werden sie seit Jahrzehnten gemacht. Mehr...

In Zahlen

59
Prozent der Facharzttitel haben im Jahr 2017 Frauen erworben.

12
Prozent ist der Anteil Frauen in Chefarztpositionen. Er soll jetzt
auf mindestens ein Drittel erhöht werden.

500'000
Franken kostet die Ausbildung eines Arztes oder einer Ärztin.

80
Stellenprozent sind bei Ärzten besonders beliebt. Eine Reduktion auf
ein kleineres Pensum wollen aber die wenigsten.

8
Jede achte Ärztin und jeder zehnte Arzt steigen im Lauf der Karriere
aus dem Beruf aus.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Andocken: Ein F-22 Kampfjet der US-Luftwaffe tankt während eines Trainings in Norwegen mitten im Flug. (15. August 2018)
(Bild: Andrea Shalal) Mehr...