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«Sexismus ist ein Repräsentationsproblem»

«Das, was ich schreibe, sind Texte, die versuchen, Werkzeuge zu sein.» René Pollesch im Bühnenbild seiner neuen Inszenierung am Schauspielhaus Zürich. Foto: Basil Stücheli, Bühne: Barbara Steiner

Herr Pollesch, die Theater gelten als Orte der Freiheit, an denen Dinge ausprobiert werden können, die anderswo in der Gesellschaft nicht möglich wären. Im Zuge von #MeToo sind nun aber auch im Bühnenbereich zahlreiche Fälle von Machtmissbrauch publik geworden.

Seit einiger Zeit weiss aber auch eine breite Öffentlichkeit, wer die Harvey Weinsteins des Theaters sind.

Kein Sex, kein Solo – das sei bei Fabre die Devise gewesen. Bei Ihnen wäre das nicht möglich?

Wie konnten all diese Machtmissbräuche denn überhaupt so lange unter dem Deckel gehalten werden?

Zum Sonderfall?

Wie funktioniert es denn bei Ihnen?

Bei Ihnen gibt es also das, was man Arbeitsteilung nennt.

Niemand verbietet jemand anderem etwas?

In René Polleschs Zürcher Arbeit «Herein! Herein! Ich atme euch ein!» von 2014 drehte sich die riesige Schiffsschraube dem Publikum entgegen.
Inga Busch, Marie Rosa Tietjen, Jirka Zett und Nils Kahnwald diskutieren rund um den Riesendampfer herum, als ob er nicht da wäre: eine Krankheit unserer Zeit, meint Pollesch.
Am Schauspiel Frankfurt war 2014 René Polleschs «Je t' adorno» zu sehen, hier mit Silvia Rieger, Vincent Glander und Oliver Kraushaar vor dem Strassenbahnwaggon. Das Ganze fand in der ehemaligen Strassenbahnzentrale Bockenheimer Depot statt.
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Wie bitte?

Der Text kann umverteilt werden?

In Ihren Stücken könnte jemand mit einer anderen Hautfarbe oder einer Behinderung auftreten und genau das machen, was die anderen Spieler auf der Bühne auch tun?

Inwiefern?

Undeutlich gegenüber der Überdeutlichkeit als politische Strategie?

Einige Leute, die mit Ihnen gearbeitet haben, widersprechen Ihrer Aussage, dass sich die Schauspieler bei Ihnen freiwillig für einen Satz entscheiden. Die Spieler glauben das vielleicht, aber letztlich sei der Wunsch, mit Ihnen zu arbeiten, viel grösser als alles andere. Denn schliesslich sind Sie René Pollesch!

Und was, wenn alle Spieler das erste Mal mit Ihnen arbeiten?

Aber ist es nicht paradox, dass Sie Ihre Spieler als autonome Künstler sehen, aber dass diese auf der Bühne nur sprechen und ein Thema bearbeiten können, weil sie Ihren Text haben, und damit auf die Theorien zurückgreifen, die Sie darin zur Anwendung bringen, also eigentlich gar keine eigene Sprache haben, mit der sie auf die Bühne gehen oder gehört werden können?

Eine grosse Frage in der gegenwärtigen Diskussion über Theater ist auch, wer neben den weissen Mittelstandskindern mit Hochschulabschluss Zugang zu den subventionierten Theaterinstitutionen hat, wer dort etwas machen oder mitgestalten darf. Und wie man das vielleicht anders regeln könnte.

Stattdessen rief Dercon die Polizei, damit die Volksbühne geräumt wird.

Die Projekte, die bei Matthias Lilienthal am HAU in Berlin-Kreuzberg herauskamen, entstanden oftmals in prekären finanziellen Arbeitsverhältnissen.