Sechs Schlüsselspieler für den sechsten Stern

Brasilien startet seine Mission in Russland gegen die Schweiz. Der fünffache Weltmeister ist besser besetzt als 2014.

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Die zwei Heim-Weltmeisterschaften wird Brasilien stets in schlechter Erinnerung behalten. 1950 ging das letzte Spiel im ­Maracana vor rund 200'000 Zuschauern gegen Uruguay über­raschend 1:2 verloren. Und vor vier Jahren sorgte die monumentale Niederlage im Halbfinal gegen den späteren Champion Deutschland für grosse Leere. «Dieses 1:7 wird für immer ein Trauma bleiben», sagte der frühere Nationalspieler Roberto Carlos im Frühling in einem Interview mit «France Football».

Nun bietet sich dem Rekordweltmeister die Gelegenheit zur Revanche. «Diese Schmach werden wir nie vergessen», sagte auch Superstar Neymar kürzlich, «aber wir können es in Russland besser machen.» Die Brasilianer setzen zwar auf eine erfahrene Mannschaft, aber vermutlich werden mit Marcelo und Fernan­dinho nur zwei Fussballer am 17. Juni gegen die Schweiz im WM-Startspiel auf dem Feld stehen, die ­damals gegen Deutschland beim 1:7 in Belo Horizonte blamiert wurden. Am Horizont ist also ­Besserung in Sicht – auch dank der sechs Schlüsselfiguren Alisson, Thiago Silva, Marcelo, Casemiro, Coutinho und Neymar. Sie stehen im Zentrum einer Art Weltauswahl mit lauter Fussballern aus Europas Topclubs.

Alisson BeckerPlötzlich ein starker Goalie

Foto: Jae C. Hong (Keystone)

Jahrzehntelang galt Brasiliens Goalieposition als Problem. Nun stehen mit Ederson von Manchester City und Stammkeeper Alisson von der AS Roma gleich zwei der weltbesten Torhüter zur Verfügung. Alisson ist ein reaktionsschneller, souveräner Rückhalt, und vielleicht ist es eine Ironie der Geschichte, dass er Wurzeln im grossen Torhüterland Deutschland besitzt. Mit vollem Namen heisst der 25-Jährige Alisson Ramses Becker. Er steht vor einem spektakulären Transfer, nicht nur in Liverpool besteht Bedarf an einem Topgoalie.

Thiago SilvaDer Vieleskönner

Foto: Michael Sohn (AP Photo)

Abwehrchef der Seleçao ist wie vor vier Jahren Thiago Silva, der gegen Deutschland allerdings gesperrt fehlte. Thiago Silva ist einer der komplettesten Verteidiger der Welt, er ist geschickt im Zweikampf und glänzend in der Spieleröffnung – aber nicht besonders nervenstark. An seiner Seite dürfte der robuste Miranda von Inter Mailand agieren, wobei auch Silvas Pariser Teamkollege Marquinhos hoch eingestuft wird. Hinten rechts fällt mit Routinier Dani Alves zwar ein weiterer PSG-Akteur verletzt aus, doch Danilo von Manchester City ist ein ordentlicher Ersatz.

Marcelo und CasemiroWusler hier, Balleroberer da

Marcelo. Foto: Dave Thompson (AP Photo)

Aktuell bester Aussenverteidiger nicht nur in Brasilien, sondern weltweit, ist Marcelo. Der Linksfuss hat seine Leistungen von Saison zu Saison gesteigert, er ist bei Real Madrid und im Nationalteam mit Ballsicherheit, Dribbelstärke und Flankengenauigkeit ein Aktivposten. Der Wuschelkopf treibt den Aufbau auf der linken Seite mit energischen Läufen regelmässig an.

Casemiro. Foto: Thomas Eisenhuth (Keystone)

Stösst Marcelo nach vorne, ­sichert ihn einer der zwei eher defensiv orientierten Mittelfeldspieler ab. In erster Linie Casemiro, ebenfalls bei Champions-League-Sieger Real Madrid engagiert. Der resolute Beherrscher des Zentrums wird oft unterschätzt, weil er zuweilen rustikal zu Werk geht. Bei Real Madrid hält Casemiro den Technikern Toni Kroos und Luka Modric den Rücken frei, im Nationalteam profitieren Marcelo, ­Neymar und die anderen Künstler von der Zweikampfstärke des ­Balldiebs.

Philippe CoutinhoDer Freund von Neymar

Foto: Miguel Gutierrez (Keystone)

Debattiert wird in Brasilien, wie das Dreiermittelfeld im 4-3-3-System aussehen soll. In der stürmischen Variante gegen schwächere Gegner rückt Philippe Coutinho vom rechten Flügel in den Aufbau, dann muss Fernandinho (Manchester City) oder Paulinho (Barcelona) auf die Bank. Für eine bessere ­Balance im Team aber bevorzugt Trainer Tite beide an der Seite Casemiros. Dann spielt Coutinho vorne rechts. Er versteht sich ausgezeichnet mit Neymar, die Freunde spielten bereits an der U-17-WM 2009 zusammen – als Brasilien in der Vorrunde 0:1 gegen den späteren Sensationsweltmeister Schweiz verlor.

Am augenfälligsten ist die Qualitätssteigerung in Brasiliens Auswahl gegenüber dem WM-Halbfinal 2014 in der Offensive. Neymar, mit einer Ablösesumme von 222 Millionen Euro der bislang teuerste Spieler der Welt, und der drittteuerste Fussballer Coutinho, für den Barcelona im Januar 120 Millionen Euro an Liverpool überwies, werden unterstützt vom jungen Gabriel Jesus (Manchester City), der im Sturmzentrum in Konkurrenz zu Liverpools ­Roberto Firmino steht. Und auf den Aussenpositionen sind Douglas Costa (Juventus) sowie Willian (Chelsea) starke Alternativen. Vor vier Jahren stand der unglückliche Fred im Angriff als Symbolfigur für Brasiliens Scheitern. Wie gut Brasiliens Angriff besetzt ist, zeigt die Tatsache, dass begabte Spieler wie Felipe Anderson (Lazio) oder David Neres (Ajax) nicht einmal in die Nähe eines WM-Aufgebotes kamen. «Die Selektion fiel nicht leicht», sagte Tite bei der Präsentation seines Kaders. «Das ist für mich als Trainer schön, weil wir viele Möglichkeiten besitzen. Es ist wichtig, dass wir nicht die gesamte Verantwortung auf Neymars Schultern abladen.»

NeymarEs hängt doch alles an ihm

Foto: Peter Powell (Epa)

Obwohl Brasilien auch ohne ­seinen Superstar zu den WM-Favoriten zählen würde, wird es in den nächsten Wochen von den Leistungen Neymars abhängen, ob das Land den ersten WM-Titel seit 2002 feiern kann – und die ikonenhaften gelben Leibchen einen sechsten Stern erhalten. Vor vier Jahren führte Neymar den Gastgeber in den Halbfinal, doch als der damals 22-Jährige ­verletzt ausfiel, kollabierte die ­Auswahl unter Last und Druck. Am letzten Sonntag präsentierte sich Neymar nach über dreimonatiger Verletzungspause im Testspiel gegen Kroatien (2:0) bereits wieder in starker Verfassung, die Fussballnation zu Hause atmete beruhigt auf. Der Paris-Stürmer erzielte ein Traumtor und meinte nach der Begegnung, er sei bereit für die WM. Und: «Ich bin erst bei 80 Prozent, doch es dauert ja noch ein wenig bis zum ersten Spiel.» Es klang wie eine Drohung. Für die Schweiz. Aber auch für Titelkandidaten wie Deutschland.

Auf Deutschland übrigens könnte Brasilien bereits im ­Achtelfinal treffen, sollte einer der beiden Favoriten die Gruppe als Erster und der andere als Zweiter beenden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2018, 23:29 Uhr

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