Schweizer Banken und Spitäler sind offen für Libyens Jihadisten

Extremisten nutzen Genolier und Hirslanden für ihre Patienten und renommierte Anwaltskanzleien für ihre Schweizer Briefkastenfirmen.

Anhänger von Ansar al-Sharia demonstrieren 2012 in Benghazi
Foto: AP

Anhänger von Ansar al-Sharia demonstrieren 2012 in Benghazi Foto: AP

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Qais Ben Hamid war stellvertretender Kommandeur einer Miliz, die unter der Flagge der Terrororganisation al-Qaida kämpfte. Sein Bruder, mit dem er sich gerne zeigt, ist ein bekannter Terrorist. Italiens Innenministerium schreibt, Qais sei eine «Hauptfigur der libyschen Jihadisten». In einem Bericht des italienischen Geheimdienstes (Aise) steht, der Geschäftsmann führe verdächtige Finanztransaktionen für Jihadisten durch – auch über die Schweiz.

Ein offizielles Verfahren gegen Qais ist nicht bekannt. Dennoch schlug man in Italien wegen seiner Finanzgeschäfte Alarm. In der Schweiz hingegen half man dem Libyer, Firmen und Konten zu führen. Er konnte auch seine Eltern in Privatspitälern behandeln lassen.

In der Schweiz half man dem Libyer, Firmen und Konten zu führen.

In der Schweiz war Qais zum Beispiel im April 2014. Damals tauchte er in der Anwaltskanzlei von Brenno Brunoni auf, im sechsten Stockwerk über den Dächern der Altstadt von Lugano. Ledersessel, dunkles Holz, Blick auf den See – in dieser Ambiance konnte Qais mit seinem Vater und mit dem Libyer F. aus Lugano eine Schweizer Briefkastenfirma gründen. Brunoni, ehemaliger Präsident des Schweizerischen Anwaltsverbands und österreichischer Honorarkonsul, bestätigte alles mit Unterschrift und Firmenstempel. Qais wurde Mehrheitsaktionär.

Brunoni sagt auf Anfrage, er könne sich nicht zu der Firma äussern. Er unterliege einem «rigorosen Berufsgeheimnis».

Nicht nur der Star-Anwalt, auch die bodenständige Migros-Bank öffnete dem Libyer die Pforten. Sie besorgte der neuen Firma von Qais ein Konto für das Aktienkapital von 100'000 Franken. Zugriff hatten damit drei Männer, die alle aus der ostlibyschen Metropole Ben­ghazi stammen. Das hätte die Banker stutzig machen können. In Teilen der Stadt hatten 2014 Jihadisten das Sagen.

Hoher Kommandeur der islamistischen Miliz

Eine einfache Recherche hätte der Bank bereits damals viel über Qais eröffnet. Die «Los Angeles Times» interviewte ihn 2012 als «stellvertretenden Kommandeur» der Miliz Libya Shield in Benghazi. Diese Kampfgruppe stand 2014 unter der Kontrolle des Terroristen Wissam Ben Hamid. Und dieser Wissam ist der Bruder von Qais. Auch das hätte sich im Internet bestätigen lassen.

In einem Bericht des US-Kongresses von 2012 wird Wissam namentlich erwähnt, und zwar mit dem Hinweis, dass die Libya- Shield-Miliz von ihm und Qais unter der Flagge von al-Qaida kämpfe. Während der Schlacht um Benghazi, die 2014 begann, posierte Wissam vor Fahnen des Islamischen Staates (IS). Die Terroristen kämpften in Benghazi zusammen mit Wissams Miliz. Qais Bruder mauserte sich dabei zu einem der höchsten Kommandeure. Noch vor kurzem trat Qais an einer Pressekonferenz auf und gab bekannt, dass Wissam 2017 in Benghazi durch einen Luftangriff getötet worden sei.

In dieser ganzen Zeit blieb Qais Zeichnungsberechtigter der Luganeser Briefkastenfirma, die sich erst seit Februar 2018 in Liquidation befindet. Die Migros-Bank, die das Firmenkonto über 100'000 Franken eröffnete, sagt, sie prüfe und überwache Bankkonten nach allen gesetzlichen Erfordernissen.

Facebook-Bild von Qais Ben Hamid. Der Libyer (links) zeigt sich mit seinem Bruder Wissam Ben Hamid, einem bekannten Terroristen .

Qais nutzte nicht nur Schweizer Anwälte und Banken, sondern auch die edelsten Spitäler des Landes. Er sorgte dafür, dass seine Eltern in der Privatklinik Genolier behandelt wurden. Auch das verlief reibungslos. Nicht zuletzt, weil die Spitalrechnungen bezahlt wurden. Woher das Geld stammt, für die Briefkastenfirma oder die Behandlung der Eltern, wollte offenbar niemand genau wissen. Eine wichtige Rolle spielt hier der Libyer F. aus Lugano, der mit Qais in der Briefkastenfirma sitzt. F. kam vor fast 20 Jahren als Flüchtling ins Tessin. Heute lebt er in Lugano. Er spricht noch immer kaum Italienisch: Bei einem Treffen im Manor im Zentrum von Lugano erzählt F. auf Englisch, wie er Qais kennen lernte und seinen Eltern einen Platz in der Westschweizer Privatklinik Genolier organisierte. Doch es stellt sich rasch heraus, dass er noch viel mehr Libyer betreute.

F. erklärte, dass er eine GmbH führe, die systematisch libysche Staatsbürger an Schweizer Spitäler vermittle. Über 40 Landsleute habe er in die Schweiz gebracht. Behandelt wurden sie laut F. in Kliniken von Genolier und Hirslanden. Diese Geschäfte werfen weitere Fragen auf. Zuallererst wegen der Vermittler selber.

F. wird offensichtlich vom italienischen Geheimdienst überwacht. Als der Luganese geschäftlich mit einer Klinik in Italien in Kontakt trat, erhielt der Direktor dort sogleich Besuch von der italienischen Anti-Terror-Brigade. Sie warnte vor Geschäften mit F. – er sei «möglicherweise gefährlich».

Vorwürfe gegen die Versicherung

F. steht den islamistischen Muslimbrüdern nahe. Ein weiterer Zeichnungsberechtigter in seiner Patienten-Vermittlungs-GmbH hat längere Zeit als Flüchtling in der Schweiz gelebt. F.’s Partner war Vizeminister für fromme Stiftungen der islamistischen Regierung in Tripolis. Ausserdem verfügt er über enge Kontakte zu einem berüchtigten Warlord und Terroristen in Westlibyen, der viele Jihadisten nach Syrien geschleust hat. Nicht nur die Tessiner Vermittler selber, auch die Herkunft des Geldes für die Behandlungen ihrer Patienten ist heikel. Im Gespräch mit der SonntagsZeitung sagte F., die Behandlungen in der Schweiz würden in der Regel von einer Krankenkasse mit Sitz in der libyschen Hauptstadt Tripolis bezahlt. Das Geld käme in Tranchen von 100'000 Franken in die Schweiz.

Gegen diese Versicherung gibt es happige Anschuldigungen. Es heisst, sie versorge auch Jihadisten und unterstütze sogar den Terrorismus. Das libysche Parlament in der Stadt Tobruk hat die Versicherung auf seine Liste terroristischer Organisationen gesetzt.

Laut Geheimdienst haben die Libyer auch Waffen beschafft

Ein Insider aus Libyen sagt, diese Versicherung bezahle auch für die Behandlung von Jihadisten und deren Familienangehörigen in europäischen Spitälern. Die Extremisten würden getarnt als libysche Staatsangestellte nach Europa geschleust. Die Versicherung sei sogar in die Finanzierung von Waffengeschäften verwickelt. Sie stehe dem ehemaligen Emir der Libyan Islamic Fighting Group nahe. Diese war früher Teil von al-Qaida.

In einer schriftlichen Erklärung hat die Versicherung all diese Vorwürfe vehement zurückgewiesen.

Genolier wollte nicht sagen, ob sie Qais’ Eltern oder andere Patienten versorgte, die von F.’s GmbH vermittelt wurden. Oder ob sie Geld erhielt von der Versicherung aus Tripolis. «Die Klinik Genolier behandelt ausländische Patienten seit ihrer Gründung im Jahr 1972», schreibt ein Sprecher. «Aus diesem Grund arbeitet sie mit praktisch allen internationalen Versicherungen zusammen.»

Wissam Ben Hamid, der Bruder von Qais Ben Hamid, zeigt sich vor einem Panzer mit einer Flagge des Islamischen Staates.

Hirslanden sagt, F.’s Firma habe bis 2016 Patienten für sie vermittelt und teils Vorauszahlungen geleistet. Die Klinik betont, dass die Behörden die Patienten bei der Visavergabe kontrolliert und man weder die Pflicht noch die Möglichkeiten habe, dies selber zu tun.

F. meint im Gespräch, es sei nicht an ihm, sicherzustellen, dass keine Jihadisten als Patienten in die Schweiz gelangten. «Das müssen die Behörden abklären», sagt er. Sein Partner Qais sei nur «ein Revolutionär».

Nach den Patienten, den Vermittlern und der Versicherung gibt es zu guter Letzt sogar noch Fragen zur Verwendung des Geldes, das Qais und F. aus Libyen erhielten. Der SonntagsZeitung liegen Dokumente des italienischen Auslandsgeheimdienstes Aise vor. Dort ist detailliert beschrieben, dass Qais und Wissam Ben Hamid aktiv seien bei der Beschaffung von Waffen für islamistische Milizen in Libyen.

Ob auch Geld aus der Schweiz dafür verwendet wurde, ist nicht erwähnt. Es steht aber, Qais tätige «verdächtige internationale Finanztransaktionen von Mailand via die Schweiz und vor allem via Lugano». Der Geheimdienst schreibt auch, von wem er dabei Hilfe erhalten habe: vom Libyer F., wohnhaft in Lugano, Schweiz.

recherchedesk@tamedia.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2018, 22:18 Uhr

Libyens Jihadisten stehen im Kampf gegen einen General

Die libysche Landkarte ist ein Flickenteppich von Gebieten, die von Milizen kontrolliert werden. Die meisten von ihnen sind alliiert mit einer der beiden Regierungen, jener in der Hauptstadt Tripolis im Westen oder der anderen im östlichen Tobruk, wo die Streitkräfte des Warlords Khalifa Haftar die Kontrolle haben. Dieser hat den Islamisten 2014 den Kampf angesagt und strebt nach der totalen Macht in Libyen.

Ende 2017 haben seine Milizen die Terrorgruppen IS und Ansar al-Sharia aus der östlichen Metropole Ben­ghazi vertrieben. Während sich Ansar al-Sharia offiziell auflöste, zog sich der IS in die libysche Sahara zurück. Im Moment sind Haftars Kämpfer damit beschäftigt, Jihadisten die seit langem belagerte Stadt Derna im Osten zu entreissen.

Libyens Grossmufti Sadiq al-Gharyani, ein islamistischer Scharfmacher erster Güte, hat deshalb zum Jihad gegen Frankreich und die Vereinigten Arabischen Emirate aufgerufen. Beide Länder haben Haftar unter die Arme gegriffen. Während der Schlacht um Ben­ghazi hatte sich Grossmufti Gharyani hinter Terroristen wie Wissam Ben Hamid gestellt.

Die UNO sowie die Ost- und West-Regierung Libyens haben sich inzwischen darauf geeinigt, im Dezember Parlamentswahlen abzuhalten. Ob das Chaos damit ein Ende finden wird, ist allerdings fraglich. Hauptgrund für die Spaltung des Landes und den Bürgerkrieg war nämlich die Tatsache, dass die Islamisten ihre Niederlage in den Wahlen von 2014 nicht akzeptieren wollten.

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