Fahren auch die Schweizer auf dieses Angebot ab?

Decathlon rollt mit seinem spottbilligen Sortiment auf die Schweiz zu. Diesem zu widerstehen, wird schwierig.

Das Skateboard lässt sich gleich vor Ort testen – der Verkäufer machts vor. Bild: Reuters

Das Skateboard lässt sich gleich vor Ort testen – der Verkäufer machts vor. Bild: Reuters

Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Sobald man eine der Decathlon-Filialen betreten hat, die mit ihrem Fabrikhallen-Flair an Baumärkte erinnern, ist es nahezu unmöglich, nichts zu kaufen. Auch wenn man ein ethisches Gewissen hat und ein ökologisches noch dazu und beide schreien «Stopp! Das kann doch nicht fair und nachhaltig produziert worden sein» – greift man trotzdem zu, etwa beim Stand-up-Paddle-Shirt mit Lichtschutzfaktor 50+ für 10.90 Franken, das einen überraschend guten Eindruck macht und sich nicht anders anfühlt als ein teures Markenshirt.

Bislang kennen vor allem Nachbarländer-Reisende den Sportartikelhersteller mit dem Kofferraum füllenden Angebot, der in Frankreich, Italien und Spanien bereits Marktführer ist und in Deutschland gerade dazu ansetzt. Erst seit 2017 ist Decathlon mit der Filiale in Marin-Epagnier NE in der Schweiz vertreten, die zweite folgte diesen Frühling in Meyrin GE.

Bald wird sich das ändern: Der Gigant will alle 23 Athleticum-Filialen übernehmen sowie fünf oder sechs weitere eröffnen – 20 allein in der Deutschschweiz, die erste davon im November in Basel. Das dürfte die Konkurrenz empfindlich treffen; SportXX und Ochsner Sport, aber auch Firmen wie Mammut, die eigentlich ein anderes Kundensegment bedienen.

Schweizer Outdoor-Firmen besonders vorbildlich

Aber was, wenn das nahezu identische Produkt deutlich günstiger zu haben ist? Wird der Durchschnittshobbysportler trotzdem zum teureren Mammut-Rucksack greifen oder doch lieber zur Decathlon-Eigenmarke? Die Umwelt liegt ihm am Herzen, für Qualität gibt er gern ein bisschen mehr aus; besonders wenn es sich um ein Label handelt, das sich um eine faire Produktion bemüht. Schweizer Outdoor-Firmen sind hier besonders vorbildlich. Aber ist der Preis unschlagbar, dürften die hehren Prinzipien schnell dahin sein.

Der Discounter macht es den Kunden aber auch besonders einfach. Den Einkaufskorb trägt man nicht, man zieht ihn auf Rollen hinter sich her und kann so prima ignorieren, dass er immer voller wird. Decathlon bedeutet Zehnkampf, aber es werden Produkte für mehr als 60 Sportarten angeboten – vom Karabiner bis zum atmungsaktiven Schlauchtuch in der Farbe Camouflage furtiv für die Niederwildjagd im freien Feld.

Zuerst das Angebot, dann das Bedürfnis

Hier werden Bedürfnisse nicht nur befriedigt, sondern geschaffen. Es gibt nicht einfach das Sportshirt, sondern eines speziell fürs Skaten, Speed-Hiking oder Tanzen. Weil sie so günstig sind, nimmt man einfach alle drei, obwohl das Tanzshirt auch zum Trekking getaugt hätte. Auch Fremdmarken wie Adidas oder Puma sind im Angebot, wobei auch diese oft klar günstiger sind als bei der Konkurrenz. Weder SportXX noch Ochsner Sport noch Mammut wollten sich zu Decathlon äussern.

«Unsere Philosophie ist: Sport so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen», sagt eine Decathlon-Sprecherin. Der attraktive Preis ist entscheidend; allerdings steigt die Gefahr, als Billigladen abgestempelt zu werden. Ambitionierte Hobbysportler reagieren hier heikel. Von der Qualität der eigenen Produkte ist man bei Decathlon aber so überzeugt, dass es auf gewisse Eigenmarken Garantie auf Lebenszeit gibt, auf andere zehn Jahre. Vieles kann man testen, das Skateboard in den Gängen, die Kletterschuhe an der Boulderwand – und alles innert 365 Tagen retournieren.

Verzicht auf Sponsoring und Markenbotschafter

Schlechter Mundpropaganda beugt man auch mit Transparenz vor: Bei der Lauf-Regenjacke à 40 Franken steht klar, dass sie maximal eine Stunde vor Regen schützt. Damit niemand enttäuscht ist und viral darüber wettert, wenn er nach 65 Minuten nass ist, sondern gleich zur 99.90-Franken-Jacke greift, die drei Stunden trocken hält. Die Frage ist, warum das so viel billiger geht als bei anderen. Auf dem Buckel der Näherinnen? Der Zulieferer? Der Umwelt?

Nein, sagt die Firma, das liege etwa an tiefen Margen sowie dem Verzicht auf Sponsoring und Markenbotschafter. Man setze sich gegen Kinderarbeit ein, für faire Arbeitsbedingungen und für die ökologische Produktion. Überprüfen lassen sich die Versprechen kaum, aber das ist bei den teuren Markenfirmen nicht anders. Ist man erst einmal im Laden, wird man sich darüber kaum den Kopf zerbrechen.

Kurz vor Schluss passiert man eine Art Zielbereich, wo man sich belohnen darf, denn der Weg zu den Kassen führt an praktischen Gadgets vorbei wie dem 10-Liter-Rucksäcklein, ultrakompakt zusammenfaltbar für 12.90 Franken, einer der Bestseller hier. Der Einkaufskorb wird bei der Kasse einfach in eine Kiste entleert, und alle Produkte werden automatisch erfasst. Entspannter gehts nicht.

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