Rettet die Pendler!

Der Pendlerabzug bei den Steuern soll in vielen Kantonen limitiert werden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In Zürich und vielen weiteren Kantonen stehen Abstimmungen zur Limitierung des Pendler­abzugs bei den Kantons- und Gemeindesteuern an. Auf Bundesebene wurde er bereits auf 3000 Franken limitiert. Zürich will ihn nun auf 5000 Franken begrenzen. Was gilt aus ökonomischer Sicht?

Die Begrenzung des Abzugs bringt vielen eine extreme Steuererhöhung. So zahlt eine Zürcher Familie – Doppelverdiener, 180'000 Franken steuerbares Einkommen, 100 km Autoarbeitsweg eines Elternteils – mit der vom Kanton anvisierten und vom Bund umgesetzten neuen Regel gut 10'500 Franken mehr Steuern!

Die Abzugsbegrenzung ist steuertheoretisch falsch. Bei Firmen käme kein Mensch auf die Idee, die Umsätze statt den Nettogewinnen (Umsätze minus Kosten) zu besteuern. Genauso gehört bei Individuen nicht das Bruttoeinkommen besteuert, sondern das Nettoeinkommen nach Abzug aller für die Einkommenserzielung tatsächlich aufgewendeten Kosten, insbesondere auch der Wegkosten. Alles andere bringt eine Überbesteuerung der Arbeit mit stark negativen Wirkungen auf die Leistungsbereitschaft und die räumliche Flexibilität der Arbeitskräfte und damit den Arbeitsmarkt.

Die Abzugsbegrenzung bringt keine angemessene Kompensation für die Tatsache, dass die Verkehrsteilnehmer heute nicht voll für die von ihnen verursachten Umweltkosten aufkommen. Sie bewirkt für gute Steuerzahler eine zusätzliche Steuerbelastung von rund 30 Rappen pro gefahrenen Arbeitsweg­kilometer. Die nicht ­gedeckten Umwelt- und Unfallkosten betragen aber gemäss den ­neuesten Schätzungen der zuständigen ­Bundesämter weniger als 10 Rappen pro Fahrzeugkilometer. Die neue ­Regel bringt also eine vielfache Überbelastung des Arbeitsverkehrs. Zudem belastet sie nur den Arbeitsverkehr, nicht aber den fast doppelt so grossen Freizeitverkehr.

Mehr als problematisch ist die Lasten­verteilung: Besonders stark betroffen sind ­diejenigen, die nicht leicht in die Nähe ihres Arbeitsorts ziehen können – also Familien, ­Doppelverdienerhaushalte sowie ihrem Wohnort stark verbundene Menschen, z. B. Träger von ­kommunalen Milizämtern. Besonders teuer wird es für diejenigen, die schon hohe Steuern zahlen, etwa weil sie an Orten mit hohen Steuern leben, viel arbeiten, gut verdienen oder wenig andere ­Abzüge machen können. Kurz: Es gibt einfach keine vernünftige Begründung für die ­Beschränkung des Pendelabzugs.

Was aber wäre ökonomisch und ökologisch richtig? Alle Verkehrsbenutzer sollten sowohl die finanziellen Kosten als auch die Umwelt-, Lärm- und Unfallkosten des von ihnen genutzten Verkehrsträgers selbst und vollständig tragen. Diese wahren Pendelkosten müssten dann aber steuerlich weiterhin voll abzugsfähig sein. Da die bisher in den meisten Kantonen geltenden Abzüge von 70 Rappen pro Fahrzeugkilometer für Langdistanzpendler wohl über den wahren Gesamtkosten inklusive der knapp 10 Rappen Umwelt- und Unfallschäden liegen, wäre eine leichte Senkung des Abzugs pro Fahrzeug­kilometer für Langdistanzpendler angezeigt.

Prof. Dr. Reiner Eichenberger ist Ordinarius für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg (Schweiz) und ­ ­Forschungsdirektor von Crema, Center for Research in Economics, Management and the Arts. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2017, 23:37 Uhr

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 29.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Wellness fürs Schaf: An der «Sichlete» nach dem Alpabzug gestern in Bern hält dieses Tier ganz entspannt seinen Kopf hin. Die Schur nach einem Sommer auf der Alp ist wohl tatsächlich eine Erleichterung (18: September 2017).
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...