Nur wer hinschaut, kann erfolgreich handeln

Bei den Schweizer IS-Kämpfern haben Polizei und Politik endlich ernsthaft zu ermitteln begonnen.

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Die Tatsache, dass junge Menschen aus der Schweiz in den Heiligen Krieg ziehen, lässt einen ziemlich ratlos zurück. Wie kann es sein, dass Jugendliche, ob nun mit Schweizer Pass oder sonst wie in der Schweiz niedergelassen, den Wohlstand und die Ordnung bei uns freiwillig tauschen mit einem brutalen Krieg – wer soll das verstehen? Dabei ist das Phänomen keineswegs neu. Im Gegenteil.

Wegschauen hat in dieser Frage Tradition. Als in den Neunzigern sich viele der hier lebenden Kosovaren der UÇK anschlossen – der Prominenteste war der heutige kosovarische Präsident Hashim Thaçi –, kümmerte das eigentlich niemanden. Erstaunlich, denn immerhin organisierte er in der Schweiz den Waffenschmuggel in ­seine Heimat sowie die ­Finanzierung und Ausbildung der UÇK. Das ging nicht ohne Verbindungen zur Mafia, und ob es dabei zu illegalem Organhandel kam, wie Carla Del Ponte behauptet, ist noch immer ungeklärt. Wie viele Serben aus der Schweiz in den Krieg reisten, blieb gänzlich unbekannt. Ein Thema wurden höchstens die Tamil Tigers, die in der Schweiz von ihren Landsleuten Geld erpressten, um den Krieg zu Hause zu ­finanzieren. Aber auch da ging es sehr lange, bis die Polizei reagierte.

«Siehe da, es ist möglich, Hass­prediger festzu­setzen.»

Bei den IS-Kämpfern ist seit den letztjährigen Anschlägen in Frankreich und Belgien alles anders. Ende Mai berichteten die französischen Zeitungen, dass Frankreich aktiv Jagd auf eigene Staatsbürger in Syrien und im Irak mache, die sich zuvor dem IS angeschlossen hatten. So weit sind wir zum Glück nicht. Aber auch bei uns sind Polizei und Politik aufgewacht und haben begonnen, ernsthaft zu ermitteln, wer aus der Schweiz in den Krieg ziehen will, was in den Moscheen gepredigt wird – und vor allem auch, was die Rückkehrer aus dem Krieg im Nahen Osten vorhaben, wenn sie zurück in der Schweiz sind. Und siehe da, es ist möglich, Moscheen zu schliessen, Hassprediger festzusetzen oder auszuweisen. Und es ist möglich, die Jihad-Reisen zu stoppen. Seit einem Jahr ist kein neuer Fall mehr bekannt geworden. Einer der Ersten, die das begriffen haben, ist übrigens der umtriebige Pierre Maudet, Sicherheitsdirektor und aktuell ­eifrigster FDP-Bundesratskandidat.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2017, 23:44 Uhr

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