«Nicole Miss», die gute Seele von Kathmandu

Seit 25 Jahren bietet sie Strassenkindern eine Perspektive. Was Nicole Thakuri-Wick durch ihre Arbeit über das Leben gelernt hat.

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Es riecht fremd, und es tönt fremd. Farbige Gebetsfahnen schmücken das reformierte Kirchgemeindehaus von Horgen am Zürichsee. Männer und Frauen probieren Momos, die würzig gefüllten tibetischen Teigtaschen. Ein junger Nepalese spielt auf der Bambusflöte. Der Saal ist voll, trotz prächtigem Wetter draussen. Es geht um eine wichtige Sache: das Strassenkinder-Hilfswerk Nawa Asha Griha (Heim neuer Hoffnung), kurz NAG genannt.

Nicole Thakuri-Wick, die Hauptperson an diesem Sonntagnachmittag, wird mit beherztem Applaus empfangen. Die gebürtige Horgnerin hat vor 25 Jahren in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu das Heim für Strassenkinder aufgebaut. Seither setzt sie sich für die ärmsten Kinder ein, beschert ihnen ein Dach über dem Kopf, eine Ausbildung, eine Zukunft.

Die meisten der Anwesenden im Saal unterstützen das Hilfswerk, viele kennen Nicole Thakuri-Wick persönlich, manche sind gar nach Kathmandu gereist, haben das Patenkind besucht, ein paar Monate im Heim mitgeholfen, oder sie wollten einfach mal mit eigenen Augen sehen, was mit ihrem Spendengeld passiert. Für Nicole Thakuri-Wick ist der alljährliche NAG-Event die Gelegenheit, sich bei allen für die unentbehrliche finanzielle Hilfe zu bedanken. Und die Gönner auf den neuesten Stand zu bringen.

Mit einer Diashow lässt die heute 49-Jährige das vergangene Vierteljahrhundert Revue passieren: Alles begann mit einer Patenschaft für ein nepalesisches Strassenkind. Ein Weihnachtsgeschenk der Eltern an die 18-jährige Tochter, die alles hatte, im Überfluss lebte. Nicole und ihre jüngere Schwester Michelle wuchsen behütet am Zürichsee auf, durften schon als Kinder die Welt erkunden – «ich hatte Glück im Leben». Rajit hiess der kleine Patenjunge, sein Foto hat sie jahrelang im Portemonnaie mit sich getragen. Mit 22 Jahren reiste sie als Volontärin für ein Hilfswerk nach Kathmandu, traf Rajit – und verliebte sich in alle Strassenkinder.

Viele dürfen nicht zur Schule, weil sie betteln müssen

Die Ausbildung zur Tiefbauzeichnerin erschien ihr jetzt sinnlos, fortan wollte sie ihre Zeit und Energie dafür nutzen, diesen verwahrlosten Kindern zu helfen. Im September 1993, Nicole Thakuri-Wick war 24, eröffnete sie das Nawa Asha Griha, ein Heim für sechs Kinder, finanziert durch Spenden aus der Schweiz. Anfangs hat sie vor allem ältere Buben aufgenommen. Denn: «Die süssen Kleinen haben es einfacher. Den wilden Jungs jedoch hilft gar niemand.» Diese würden auf der Strasse verprügelt, sie stehlen, schnüffeln Leim, um sich zu berauschen. Einige dieser Ungezähmten haben im Heim auch ihre Retterin beklaut, andere sind davongelaufen – «aber sie hatten wenigstens eine Chance».

2001, die NAG-Schule war inzwischen staatlich registriert, brachten Nicole Thakuri-Wick und ihr nepalesisches Team erstmals eine ganze Klasse durch die Abschlussprüfungen, das Diabild zeigt lachende Mädchen und Buben in Schuluniform. Heute bietet das NAG 204 Kindern und Jugendlichen ein Zuhause. 212 Kinder aus den Elendsquartieren besuchen die Tagesschule. Weiteren 200 Kindern wird der Unterricht an einer staatlichen Schule vom Hilfswerk finanziert. Mehr als 600 Kindern und Jugendlichen ermöglicht das Hilfswerk also eine schulische und berufliche Ausbildung – in einem Land, in dem die Hälfte der 30 Millionen Einwohner nicht lesen und schreiben kann. In dem viele Kinder nicht zur Schule dürfen, weil sie für die Eltern betteln müssen – die einzige Einnahmequelle sind.

Ein Diabild zeigt die neue Esshalle mit moderner Küche. Trotz des Grossandrangs hätten die hungrigen Kinder den Zmittag innert 30 Minuten verschlungen –und das Geschirr abgewaschen. Es gibt übrigens stets das gleiche Menü: das Nationalgericht Dhal Bath, Reis mit Gemüse, mittags und abends. Da brauche man kein Mitleid zu haben, sagt Nicole Thakuri-Wick, «die Kids bemitleiden uns, weil wir Brot und Salat essen müssen». Sie wollen ihren «Dhal-Bath-Power»!

Die Nähmaschinen sind alt, die Computer secondhand, die Schlafsäle mit den eisernen Doppelstockbetten spartanisch, auch ihr eigenes Reich, Schlaf- und Bürozimmer in einem, ist bescheiden. Doch Nicole Thakuri-Wick sagt: «So wie es jetzt ist, ist unser Heim der Himmel.» Die Besucherinnen und Besucher des NAG-Events sind beeindruckt. Was für eine Leistung! Was für eine grossartige, selbstlose Frau! Mehrere Anwesende sagen, sie würden das nicht aushalten, so viel Armut, so viel Leid.

Ihr Glaube ist der gesunde Menschenverstand

Darauf angesprochen, sagt Nicole Thakuri-Wick am nächsten Tag: «Ich sehe die Armut, aber ich sehe auch die Veränderung. Dank den Spenden kann ich etwas bewegen. Ich fühle mich nicht hilflos.» Wir sitzen in der gemütlichen Gartenlaube eines Flarzhauses in Langnau am Albis ZH, dem Zuhause von Judith Wick, Nicoles Mutter. Die gebürtige Australierin hilft tatkräftig mit, sie erledigt die administrativen Arbeiten, ist Ansprechperson für all die Paten, die im NAG ein Kind unterstützen. Judith Wick entschuldigt sich für die Schachteln voller Spendenwaren, die sich im Gang des Häuschens stapeln.

Man ist sofort per Du, Nicole wirkt unkompliziert und spontan, sie ist ungeschminkt und barfuss. Für die Kinder und Angestellten im NAG ist sie «Nicole Miss». «Mami» wolle sie nicht genannt werden, die Kinder hätten ja Mütter, «wenn auch nicht die besten», fügt sie an. Auf jeden Fall wolle sie nicht Mutterersatz sein. Nicole sagt, sie sei erleichtert, den NAG-Event nun hinter sich zu haben. Sie suche solche Auftritte nicht, stehe nicht gern im Mittelpunkt. Kommt dazu, dass sie über keine «Business-Garderobe» verfüge. Den schwarzen Blazer, verrät sie verschmitzt, habe sie kurz vor dem Anlass aus einem Kleiderspendensack gefischt, «er war etwas eng».

Eine Schüssel randvoll mit Paprika-Chips steht auf dem Holztisch. Sie liebe Zweifel-Chips, die gebe es in Kathmandu nicht. «Oder knuspriges Brot, Butter, Schweizer Käse ...», sie werde in den Ferien garantiert ein paar Kilo zulegen. Die Geranien blühen, ein Büsi streicht schnurrend um unsere Beine. In zwei Wochen wird Nicole diese Idylle wieder verlassen und zurück nach Nepal fliegen. Ein Land, reich an Naturschönheiten, doch geprägt von jahrelangem Bürgerkrieg und einem verheerenden Erdbeben, das im April 2015 ganze Dörfer verwüstete. Zurück nach Kathmandu, eine Million Einwohner, überall Müll und Gestank, das «pure Chaos». «Aber ich liebe Chaos!» Vor allem aber liebe sie die Nepalesen, «die gutmütigsten Menschen der Welt».

«Ich liebe die Nepalesen, die gutmütigsten Menschen der Welt.»Nicole Thakuri-Wick

Nepal bezeichnet Nicole als Heimat. Inzwischen lebt sie länger in ihrem «chaotischen Paradies» als in der Schweiz. Sogar die nepalesische Staatsbürgerschaft hat sie angenommen, damit sie ständig mit ihrer «Grossfamilie» leben kann. Dazu gehören übrigens auch zwei Katzen, schwarze «Unglückskatzen», die in Nepal niemand will, fast ein Dutzend Hunde, Streuner natürlich, und eine riesige Sau namens Marshmallow. Denn: «Mein Herz schlägt für Kinder und für Tiere.»

Kinder aus dem ganzen Land und jeder Religion wachsen im Nawa Asha Griha auf. Sie selber praktiziere keinen Glauben, «meine Religion ist der gesunde Menschenverstand». Besonders in den Dörfern sei die Armut unbeschreiblich. Ein Elend, das oft mit Alkohol betäubt werde. «Alkohol ist billiger als Essen.» Manche Mutter würde ihrem Baby diesen Fusel einflössen, damit es durchschläft. Nicole kennt unzählige traurige Geschichten: von kleinen Kindern, die auf der Müllhalde entsorgt oder vor dem Tor des NAG ausgesetzt worden sind. Vom Buben, der bei einem Busunfall schwer verletzt wurde; der Grossvater brachte ihn ins Heim, bevor der Vater sein Kind töten konnte. Vom Mädchen, das mit acht Jahren vom Bruder als Sklavin an einen Haushalt verkauft wurde. Für umgerechnet 100 Franken, Nicole hat das Mädchen für 150 Franken freigekauft. Es leide noch immer unter schwerem Asthma, verursacht von den beissenden Putzmitteln.

Andere Kinder leben im Heim, weil die Eltern gestorben sind, an Aids, Drogen, Alkohol oder beim Erdbeben. Inzwischen habe das Heim wohl die maximale Grösse erreicht, sagt Nicole. Aber: «Nie würde ich ein Kind in Not abweisen.» Denn auf die Regierung Nepals ist kein Verlass. Diese überlässt die Kinder ihrem Schicksal. Auf deren Unterstützung kann auch das NAG nicht zählen. Im Gegenteil: Kürzlich hat die Regierung die mobile Suppenküche des Hilfswerks, die unzähligen Strassenkindern die einzige Mahlzeit bot, verboten. Mit der Begründung: Man wolle die Bettelei nicht fördern.

Die Kinder wollen Pilot oder Spitzenkoch werden

Das NAG wurde für die meisten Buben und Mädchen zur Familie, die sie nie hatten. Viele Kinder hätten erst hier gelernt, zu träumen, sagt Nicole. Sie träumen davon, Pilotin oder der beste Koch der Welt zu werden. Mutter Judith verrät: «Nicole war als Kind eine Träumerin.» Schon mit 14 habe sie sich ausgemalt, dass einst alle Kinder der Welt die Schule besuchen dürfen. Ihr erster Wunschberuf war allerdings Astronaut, «dazu hätte es wohl kaum gereicht».

Auch Nicole Thakuri-Wick selber ist nicht von Schicksalsschlägen verschont geblieben: Eine Tätowierung am linken Unterarm erinnert an den 2008 verstorbenen nepalesischen Ehemann. Er erlitt im Alter von 36 Jahren einen Hirnschlag. 1997 war ihr gemeinsamer Bub am plötzlichen Kindstod gestorben. Es waren schwierige Jahre, aber «in Selbstmitleid zu zerfliessen, bringt niemandem etwas». Seither lebt sie als Single, sie brauche keine «starke Schulter zum Anlehnen», sagt sie und lacht. Gleichberechtigung ist ihr generell ein grosses Anliegen, ob Mädchen oder Junge, alle erledigen dieselben Ämtli.

Ihre Töchter Kim, 20, und Zora, 14, sind dieses Jahr nicht mit in die Schweiz gekommen, sie seien sehr glücklich in Nepal. Obwohl Kim und Zora die Mutter mit Hunderten von Kindern teilen müssen, seien sie nie eifersüchtig gewesen. «Sie sind gute Menschen geworden», sagt die Mutter, «grosszügig und genügsam.» Nicole greift in die Schale mit den Chips. Mutter Judith stellt ein weiteres Cola Zero auf den Tisch. «Cola Zero ist mein Laster», sagt Nicole. Ihren Lohn investiere sie vor allem in dieses Getränk. Ein ehemaliger Schüler führe einen kleinen Laden, sorge dafür, dass es nie ausgehe.

Woran fehlt es dem Hilfswerk zurzeit am meisten? Sie suche dringend nach Lehrern für den Wissenschafts- und Computerunterricht. Gut ausgebildete Lehrkräfte zu finden, sei enorm schwierig. Ein Lehrer verdient weniger, als wenn er sich wie so viele Nepalesen in Dubai oder Katar als Billiglohnarbeiter verdingt. Im NAG verdient ein Primarlehrer etwa 180 Franken im Monat, das sei leicht über dem staatlichen Lohn.

Manch ein ehemaliges Strassenkind hat dank ihr Karriere gemacht, als Koch, Ingenieur, Sportcoach, Schneider oder Filmemacher, und ist nun zum Nawa Asha Griha zurückgekehrt. Ärztin Sa-pana durfte dank Gönnern aus der Schweiz in Bangladesh Medizin studieren. Heute führt sie die kleine NAG-Klinik, unterstützt von Krankenschwester Munu Lama, die ebenfalls im Heim aufgewachsen ist. Apropos Krankenstation: Pflaster und Verbandszeug könne man immer brauchen. Kinderkleider ebenfalls. Wenn Nepal-Reisende ein paar Kilo Kleider mitnehmen könnten, wäre das höchst willkommen. Und natürlich sei man dankbar für jeden Batzen: Alleine für die Schulbücher würden 23'000 Franken im Jahr benötigt – damit werden auch Dorfschulen ausgerüstet.

80 Franken im Monat kostet die Unterstützung

Eine Patenschaft für ein nepalesisches Strassenkind stand am Anfang von Nicoles Lebensweg. Solche Patenschaften bietet auch das NAG an: 80 Franken im Monat kostet die Unterstützung eines Kindes. Das Mädchen oder der Junge schickt dem Paten zu Weihnachten einen Brief samt Foto. Früher, sagt Nicole, hätten sie noch das Schulzeugnis beigelegt. Doch sie musste merken: «Die Schweizer legen Wert auf gute Noten.» Sie gibt zu bedenken, dass nicht aus jedem Strassenkind ein super Schüler wird. Und: «Lieber ein guter Mensch mit schlechten Noten als super Noten und ein schlechter Mensch.» Ein «guter Mensch», so definiert sie, denke nicht nur an sich, sondern kümmere sich auch um andere. «Meine Kinder sollen der Welt Sorge tragen.» Sie haben zu lernen, dass sie für Geld arbeiten müssen – und nicht betteln. Etwa fünf Prozent der Kinder würden wieder auf der Strasse landen oder kehren zurück ins Dorf, wo sie verheiratet werden.

Die Patenschaften hätten aber auch ihre Tücken, erwähnt Nicole. Manche Kinder würden reichlich beschenkt, während andere leer ausgehen. Das führe natürlich immer wieder zu Eifersucht. Aber: «Das Leben ist nicht fair. Das wissen diese Kinder nur zu gut.» Sie versuche etwas auszugleichen, indem sie das eine oder andere Geschenklein aus der Schweiz mitbringe. Und, das möchte sie betont haben, Mobiltelefone gibts erst, wenn die 10. Klasse bestanden ist. Das gelte auch für die eigenen Töchter.

Vor der Rückreise wird sie einkaufen müssen: Ein Koffer wird mit Taschenlampen gefüllt, weil der Strom in Nepal immer wieder ausfällt. Und weil man auf weitere Erdbeben vorbereitet sein müsse. Und Schokolade. Und Landjäger in grosser Menge! Als Mitbringsel für die Mitarbeiter, die seien ganz wild darauf. Und sie beginnt zu träumen: von einem Sponsor für Landjäger. Oder, noch besser, einem Metzger, der ihnen vor Ort beibringt, wie man Landjäger herstellt. «Nur meine Sau, die darf er nicht anfassen.» Sicher ist: Nicole Thakuri-Wick wird nie mehr in der Schweiz leben. Sie möchte weiterhin in Nepal so viele Träume wie nur möglich erfüllen. Immer nur geben, immer nur für andere da sein, wie schafft man das? «Ich bekomme mehr zurück, als ich gebe», sagt sie. Und es sei nie langweilig, nie einsam und trotz allem oft lustig.

Infos unter: www.nagnepal.org

Dieser Beitrag erschien erstmals am 3. Juni 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.06.2018, 17:17 Uhr

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