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Musterschüler des politisch Korrekten

Markus Somm über den Zwingli–Film.

Offenbar mit etlichem Erfolg ist der neue Film über Zwingli, den grossen Reformator, in den Kinos angelaufen; auch ich habe ihn inzwischen gesehen – und bin hin und her gerissen. Man spürt die gute Absicht, und ist trotzdem verstimmt. Zwar freut es mich, dass Schweizer Geschichte verfilmt wird und so viel Publikum anzieht, was umso bemerkenswerter erscheint, als die Schulen in den vergangenen Jahren alles dafür getan haben, dass die meisten Schweizer kaum mehr etwas über unsere ­Vergangenheit wissen. Ebenso handelt der Film von einem Giganten unseres Landes, dem – wie nur wenigen Schweizern – gar welthistorische Bedeutung zukommt. Ein Film war überfällig, der Stoff ein grandioser. Und dennoch wirkt das, was Regisseur Stefan Haupt uns zeigt, seltsam blass, es überwiegt das Graue, wo Farben zu erwarten ­gewesen wären. Obschon ein präziser, sorgfältiger, auch liebevoller Film, bleibt man am Ende hungrig, wie ein Mensch, der zwar stundenlang Pastete gegessen hat und sich doch nicht satt fühlt. Woran es liegt? Vielleicht war Haupt zu präzis: Fast alles ist historisch belegt, was seine Schauspieler sagen, keine Anekdote gestellt, keine Träne, kein Lachen, kein Blut erfunden. Und das ist das Problem. Die Erzählung schleppt sich von Zitat zu Zitat. Was an ­historischem Dekor perfekt inszeniert wird, ist so ­historisch, dass es uns kaum berührt. Es mangelt an Dreck. Es mangelt an Tragödien. Manchmal ist Fiktion realistischer als die Wirklichkeit.

Ein seltsames Urteil, mag man einwenden, angesichts der Tatsache, dass hier Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder in der Limmat ersäuft werden, was wir sehen, wenn auch diskret – doch selbst diese Menschen sehen wie Sonntagsschüler aus, die so tun, als ob sie stürben. Der grösste Sonntagsschüler aber ist Zwingli selbst, gespielt von einem Max Simonischek, der es wohl besser könnte, aber das Drehbuch (Simone Schmid) macht ihn so brav, so streberhaft, dass man Zwingli an seinen eigenen Worten nicht erkennt. Ein Musterschüler des ­politisch Korrekten. Dass Zwingli ein mutiger, frecher, ­lustiger, guter Mensch war – aber eben auch ein machtgieriger, versessener, kriegsfreudiger, mitunter grössenwahnsinniger, der einmal gar ein Bündnis mit Strassburg und den übrigen elsässischen Städten plante, um ganz Deutschland dem Protestantismus zuzuführen –, das alles, diese ­schillernde Persönlichkeit, spürt man nicht wirklich. Unser Film–Zwingli kommt einem nicht vor wie jener Zwingli, der eine der folgenreichsten Entwicklungen der Weltgeschichte vorangetrieben hat: ohne Reformation kein moderner Westen. Wahrscheinlich war dieser Vorgang viel entscheidender als die Französische Revolution. Zwingli spielte neben Luther und Calvin darin eine Hauptrolle.

Raubritter wirken ehrenhafter

Was dem Film indessen gut gelingt, ist, diese Revolution sichtbar zu machen. Als die Reformatoren etwa das Fegefeuer abschafften, befreiten sie den ­Menschen aus einer Knechtschaft der Kirche, wie wir uns das heute kaum mehr vorstellen können. Das Fegefeuer hatte sich für die Kirche als eine brillante, wenn auch ­infame Erfindung erwiesen, viel wirksamer und vor allen Dingen profitabler als die Hölle: Im Fegefeuer blieben wir nach dem Tod zwischengelagert und litten Tausend Schmerzen, es sei denn, unsere Hinterbliebenen beteten – und zahlten für uns eine Messe nach der anderen, um uns vor der Hölle zu retten und in den Himmel zu bringen. Wer war zuständig für diese Dienstleistung? Der Klerus, der sich so an unserer Todesangst gesundstiess. Selten hat eine Branche mit niederträchtigeren Mitteln so viel Geld verdient. Raubritter wirken ehrenhafter.

Ein Zweites stellt der Film anschaulich dar: Wer sich traut, das zu sagen, was alle wissen, aber nicht hören wollen, der macht sich unbeliebt – und er versetzt Berge. Die Macht des Wortes, die Macht der abweichenden Meinung: Man kann sie auch in diesem Film am Beispiel von Zwingli, einem der grossen Revolutionäre der Weltgeschichte, gut studieren. Oft sind es kleine Dinge, die man verbotenerweise sagt, die Aufstände auslösen, Tabus, die nur Tabus sind, solange eine Übereinkunft besteht, sie als Tabus zu betrachten. Wenn Zwingli plötzlich auf Deutsch statt auf Lateinisch die Bibel auslegt, dann sehen wir es dem Entsetzen in den Gesichtern seiner Zuhörer an, wie ungeheuerlich ist, was er tut. Weil er aber recht hatte, setzte er sich durch wie eine Jahrhundertflut. Die Menschen wollten wissen, was sie glaubten – und Zwingli erklärte es ihnen in einer Sprache, die sie selber beherrschten.

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