Mein Beileid zur Reorganisation

Restrukturierungsübungen sind unangenehm. Noch unangenehmer ist das Mitgefühl, das einem Kollegen und Geschäftspartner in solchen Momenten entgegenbringen.

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An meinem ersten Arbeitstag nach den Sommerferien verkündete mein Arbeitgeber, Tamedia, eine grössere Reorganisation mit einschneidenden Folgen für die Redaktionen. Ich musste also sogleich mit den Arbeitskollegen zur Mitarbeiterinformation antraben. Solch eine Veranstaltung erinnert ja ein wenig an den Termin bei der Dentalhygienikerin: Man will nicht hin, sitzt aber am Schluss doch brav auf dem Stuhl.

Weit anstrengender sind indes die Beileidsbekundungen, die man an solchen Tagen auf allen Kanälen entgegennehmen muss. «Jetzt wird es aber wirklich brutal», simste mir ein Kollege frühmorgens, noch bevor ich die interne Nachricht unseres Managements überhaupt gelesen hatte. Wenig später mailte mir ein Geschäftspartner, ob es denn «trotz der News» bei unserem Lunch bleibe? Offenbar hatte er gedacht, ich packe bereits die Bananenkisten im Büro. Auch auf Whatsapp schlug mir rege Anteilnahme in Form verschiedener Trauer-Emojis entgegen. Dazu so intelligente Sätze wie «Hey, wie ist die Stimmung bei euch?».

«Ein Freund dachte, ich packe bereits die Bananenkisten im Büro.»

Derlei Gutgemeintes souverän zu parieren, ist nicht einfach. Zum einen fühlt man sich vage schuldig: Habe ich meine Karriere zu wenig proaktiv gestaltet? Hätte ich mich etwa vorzeitig absetzen sollen? Zum anderen werden die Grenzen der Loyalität getestet: Ein bisschen lästern über die ewigen Reorganisationen täte ja ganz gut. Aber über den eigenen Arbeitgeber herzuziehen, kann rasch zum Bumerang werden.

Klüger ist es, sich mit Allgemeinplätzen wie «Och, mal abwarten, was passiert . . .» zu behelfen – und den Frust bei einem Glas Wein herunterzuspülen. Genau das wollte ich an jenem Tag an der Gartenparty eines Headhunters tun. Doch schon am ersten Stehtisch ging es von Neuem los. «Na, Sie haben den Drink wohl nötig. Bei euch bleibt ja kein Stein auf dem anderen», begrüsste mich einer. Ich hob das Glas und murmelte: «Danke für Ihr Beileid.»


Haben Sie ein Problem im Büro, schreiben Sie an karin.kofler@sonntagszeitung.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 12:53 Uhr

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