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Mediziner fordern Kopfballverbot für Kinder

Eine Studie zeigt, dass Fussballer häufiger dement werden. Doch die Verbände wollen vorerst mehr Forschung.

Fussballjunior: In den USA dürfen Kinder bis 10 Jahre keine Kopfbälle machen und bis 13 Jahre nur eingeschränkt. Foto: Getty Images
Fussballjunior: In den USA dürfen Kinder bis 10 Jahre keine Kopfbälle machen und bis 13 Jahre nur eingeschränkt. Foto: Getty Images

Ende Oktober zeigte eine Studie aus Schottland, dass Fussballer häufiger an Demenz sterben als Gleichaltrige. Die Forscher um William Stewart von der Universität Glasgow untersuchten 7600Profis mit Jahrgang 1900 bis 1976 und verglichen sie mit einer Kontrollgruppe aus der Normalbevölkerung mit gleicher Altersverteilung und sozialer Stellung. Mit 1,7 Prozent starben die Fussballer dreimal häufiger an neurodegenera­tiven Erkrankungen als Vergleichspersonen (0,5 Prozent). Sie hatten aber auch eine längere Lebenserwartung und starben seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenkrebs.

Die Studie wurde im angesehenen Fachjournal «New England Journal of Medicine» veröffentlicht. Spezialärzte, Fussballfunktionäre, aber auch Eltern treibt sie seither um. Denn auch wenn die Studie mit Profis durchgeführt wurde und diese darin erst noch ein längeres Leben hatten: Sie ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Fussball dem Gehirn nicht guttun dürfte. Das befeuert die schon länger schwelende Debatte um ein Kopfballverbot bei Kindern und Jugendlichen. In den USA hat der Fussballverband bereits 2015 eingeführt, dass Kinder bis 10 Jahre den Kopf nicht einsetzen dürfen, bis 13 Jahre nur eingeschränkt. In der Schweiz könnten ähnliche Regeln gelten.

Einer, der dies fordert, ist der Neurologe Peter Zangger, langjähriger Leiter der Neurorehabilitation an der Suva-Klinik in Bellikon und führender Schädel-Hirn-Trauma-Spezialist: «Es wäre sinnvoll, jetzt auch bei uns ein Kopfballverbot wie in den USA einzuführen und mit verschärften Regeln im Jugendfussball das Aufprallen des Kopfs auf den Gegner möglichst zu verhindern.» Zangger stützt sich dabei nicht nur auf die aktuelle Studie aus Schottland, sondern auch auf frühere Untersuchungen, die feststellten, dass häufige Gehirnerschütterungen die Entstehung von Demenz begünstigen.

Unterstützung bekommt er von Andreas Meyer-Heim. Der Chefarzt der einzigen Schweizer Klinik für Neurorehabilitation bei Kindern und Jugendlichen in Affoltern am Albis ZH findet: «Ein Kopfballverbot für Kinder unter 14 Jahren sollte jetzt ernsthaft in Erwägung gezogen werden.»

Der Schweizerische ­Fussballverband zögert

Das Gehirn von Kindern und Jugendlichen kann zwar Verletzungen oft besser kompensieren, weil es noch wächst. Doch aus ana­tomischen Gründen ist es weniger gut geschützt gegen Schläge. ­Meyer nennt verschiedene Fak­toren: von der dünneren Schädeldecke bis zur schwächeren Nackenmuskulatur. Kinder haben daher bei Kopfbällen und beim Zusammenprallen von Köpfen im Spiel ein höheres Risiko für Hirnver­letzungen.

Bis zu welchem Alter ein Verbot angebracht wäre, sei schwierig zu sagen, so Meyer. «Die kindliche Entwicklung zeigt eine extreme Varianz.» Mit 13 Jahren seien manche Kinder fast doppelt so gross wie Gleichaltrige. Er wäre deshalb eher für eine Grenze bei 14 Jahren. «Dann wäre der grössere Teil der Kinder auf der sicheren Seite», sagt der Mediziner.

Selbst die Möglichkeit geringer Schäden rechtfertigt Massnahmen.

Reinhard Zweifel, Ex-Präsident des Fussballverbands der Region Zürich

Beim Weltfussballverband (Fifa) versucht man, den Ball flach zu halten. Zum Kopfballverbot lässt die Medienstelle lediglich ausrichten, dass man die schottische Studie ­begrüsse und weitere Forschung unterstütze. Beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) heisst es, dass das Kopfballverbot der US-Amerikaner übertrieben erscheine. «Vielleicht wäre es aber sinnvoll, Bälle aus Schaumstoff oder mit weniger Luft zu verwenden», sagt Roland Grossen, Vorsitzender der Medizinischen Kommission. Man wolle das Thema im Januar an einem wissenschaft­lichen Symposium diskutieren.

Doch gibt es innerhalb des Verbands auch Stimmen, die schon länger für ein Verbot sind. «Selbst die Möglichkeit geringer Schäden rechtfertigt Massnahmen», sagt Reinhard Zweifel, ehemals für ­viele Jahre Präsident des Fussballverbands Region Zürich. Zweifel erinnert daran, dass der Widerstand auch gross war, bis wegen der Verletzungsgefahr Stollenschuhe verboten und Schienbeinschoner eingeführt wurden.

Im Spiel sein könnten auch Doping, Alkohol und Arzneien

Allerdings finden es auch namhafte Experten zu früh, um über ein Kopfballverbot nachzudenken. «Aus der aktuellen Datenlage lässt sich nicht ableiten, dass das Kopfballspiel kausal zu Demenz führt», sagt Nina Feddermann. Die auf Gehirnerschütterung speziali­sierte Neurologin leitet das Swiss Concussion Center in Zürich und berät die Fifa und den SFV. «Bei den betroffenen Profis liegt ein langer Zeitraum zwischen der aktiven Fussballphase und dem Einsetzen der Demenz», gibt sie zu bedenken. Dadurch könnten in der Studie auch ganz andere Gründe zum erhöhten Demenzrisiko geführt haben, zum Beispiel Doping, Alkohol oder Medikamente.

Zudem fand sich in der Studie kein Unterschied zwischen Torwarten und Feldspielern. «Stünden Kopfbälle als Ursache im Vordergrund, würde man das eigentlich erwarten», sagt Feddermann. Hinzu kommt: Das Fussballspiel hat sich stark verändert, seitdem die Studienteilnehmer aktiv waren: Die Bälle und Rasen sind besser, die Regeln strenger, die Spielweise technischer.

Aus eigenen und anderen Untersuchungen weiss die Neurologin, dass Kopfbälle bei Kindern bis 12 Jahre mit 6 bis 10 Prozent bei weitem nicht die Hauptursache für Gehirnerschütterungen sind. Im Vordergrund stehen Zusammenstösse von Spielern, Aufschlagen auf dem Boden und unvorbereiteter Kontakt mit dem Ball. Dabei muss der Kopf nicht unbedingt direkt einen Schlag erhalten, damit es zu einer Gehirnschädigung kommt. Feddermann ist überzeugt: «Wenn Fussball so stark negative Effekte hätte, gäbe es mehr Betroffene.» Die Neurologin fordert nun lang angelegte, prospektive Forschungsprojekte, denn die Diskussion um das Demenzrisiko führe zu viel Verunsicherung.

Unbestritten ist, dass bei Kindern und Jugendlichen dem Thema Kopf grosse Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. «Die Spiele und das Training sollen kontrolliert, kindgerecht und technisch orientiert sein, das ist klar», so Feddermann. Dank kleineren, weichen Bällen sei das aber bereits seit längerem der Fall.

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