Kündigung für Schutzhunde

Erstes Verbot von Urner Herdenschutzhunden – sie sollen Wanderer gebissen haben.

Fürchtet um das Wohl seiner Schafherde: Ernst Vogel mit seinem letzten Schutzhund Leo. Foto: Fabian Biasio

Fürchtet um das Wohl seiner Schafherde: Ernst Vogel mit seinem letzten Schutzhund Leo. Foto: Fabian Biasio

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Unbekümmert grasen die Schafe auf der Unteralp. Seit Jahren verbringen sie den Sommer hier oben in der Urner Idylle. Doch diese trügt. «Meine Tiere sind dem Wolf ausgeliefert», sagt Schafbauer Ernst Vogel. «Wir warten ohne jeden Schutz darauf, dass er sein erstes Opfer holt.»

Drei Herdenschutzhunde haben die 1100 Schafe bisher verteidigt. «Doch auf die neue Saison hin habe ich ein Verbot erhalten, sie mit auf die Alp zu nehmen», sagt Vogel. «Die Gegner sagen, dass sie Wanderer anfallen und Touristen einschüchtern. Obwohl es noch nie einen ernsthaften Angriff gab.»

Columban Russi zeichnet ein anderes Bild: «Diese Hunde haben schon eine Geiss getötet, mehrere Wanderer gebissen und unzählige Leute in Panik versetzt.» Mit anderen Bürgern rief er deshalb die «IG keine Herdenschutzhunde» ins Leben. 155 Unterschriften sammelte diese, um die schneeweissen Abruzzeser von den grünen Matten zu verbannen. «Es wären auch gut 200 möglich gewesen», sagt Russi. «Die Bevölkerung weiss, dass sich diese Tiere nicht mit dem Sommertourismus von Andermatt vereinbaren lassen, für welchen wir sehr viel Geld investieren.»

«Herdenschutzhunde sind zentraler Bestandteil des aktuellen Wolfskonzepts des Bundes». Urban Camenzind, CVP-Regierungsrat

Jetzt liegt die Initiative bei der Korporation Ursern. Die grösste Alpweidenbesitzerin des Tals will Anfang 2019 mit der IG entscheiden, ob es zur Volksabstimmung kommt. Bis es so weit ist, hat sie aber bereits ein Verbot gegen die Hunde von Schafbauer Vogel erlassen.

Es ist das erste in der Schweiz. Umweltverbände, aber auch die Urner Regierung reagieren irritiert. «Herdenschutzhunde sind zentraler Bestandteil des aktuellen Wolfskonzepts des Bundes», sagt CVP-Regierungsrat Urban Camenzind. «Denn die Hunde wehren Angriffe effektiv ab.» Dass im Urserntal eine Fläche von 175 Quadratkilometern Sperrzone werden soll, kann der Volkswirtschaftsdirektor nicht nachvollziehen. «Zwar leben zurzeit keine Wolfsrudel im Gebiet, doch einzelne Wölfe streifen umher. Das kann für die Schafe gefährlich werden.» Schafbauer Vogel muss nun selber schauen, wie er seine Schafe schützen will. Greift der Wolf zu, bezahlt der Kanton den Wildschaden. Noch. «Bis jetzt haben wir dies anstandslos gemacht. Mittelfristig besteht aber ein politisches Risiko, dass sich dies ändert», sagt Camenzind.

Ohne Herdenschutz wird es schwerer, Hirten zu finden, die ihre Tiere sömmern. Knapp 15'000 Schafe gehen aktuell im Kanton Uri jährlich «z Alp». Schweizweit sind es 200'000 Tiere, beschützt werden sie von 221 Hunden. Das sind mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Rund 50 Tiere sind zudem in Ausbildung und kommen dann in den nächsten Sommern zum Einsatz. Die Fachstelle Herdenschutzhunde hat deshalb reagiert und eine interaktive Karte aufgeschaltet. «So können sich die Wanderer vorab informieren, ob sie mit Schutzhunden rechnen müssen oder nicht», sagt Herdenschutz-Spezialist François Meyer. Ebenfalls stehen in allen Gebieten Warntafeln.

90 Prozent aller Touristen respektieren die Hunde bei Herden

Trotzdem verläuft das Zusammentreffen zwischen Hunden und Outdoorsportlern nicht immer reibungslos. 2017 wurden 23 Zwischenfälle registriert, 19 davon mit Menschen und 4 mit anderen Hunden. Das ist ein Rekord. Auch auf der Unteralp schnappten die drei Hunde zu, wie Kantonstierarzt Andreas Ewy bestätigt. «Uns sind zwei Fälle bekannt. Es handelte sich jedoch nicht um gravierende Verletzungen.»

In Andermatt ist die Angst gross, dass solche Meldungen Urlauber abschrecken, insbesondere zahlungskräftige Kunden aus dem Luxusresort Chedi. Dabei zeigt eine Untersuchung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften: Herdenschutzhunde vertreiben die Touristen nicht. 90 Prozent der Outdoorsportler respektieren, dass auf den hiesigen Alpen Hunde Schafherden verteidigen, und lassen sich davon nicht einschüchtern. Im Gegenteil. Die grosse Mehrheit ist überzeugt, dass Wölfe hierher gehören und dass Nutztiere entsprechend Schutz brauchen.

Ruhe bewahren

Rund 1300 Wanderer und Biker hat Studienautor Matthias Riesen befragt. Er sagt: «Herdenschutzhunde sind im Unterschied zu Italien oder Frankreich hierzulande neuer, das verunsichert.» Riesen versteht deshalb, dass sich einige Sportler gestört fühlen, insbesondere durchs Bellen. «Herdenschutzhunde sind gross und bereit, ihre Schafe in allen Situationen zu verteidigen.» Wichtig sei es deshalb, ruhig zu bleiben, nicht mit Wanderstöcken den Hund zu verscheuchen, sondern einen Bogen um die Herde und die Hunde zu machen.

«Die Tiere machen nur ihren Job. Es ist eigentlich immer der Mensch, der sie herausfordert», sagt Schafbauer Vogel. Zwei Abruzzeser musste er weggeben, dem dritten droht das gleiche Schicksal. Die Schafe sind neu von einem Zaun geschützt – eine Verzweiflungstat. «Der Wolf springt da ohne Mühe darüber. Und zwar schon bald», sagt Vogel. Vor vier Wochen sichtete eine Privatperson auf jener Alp einen Wolf, wie die Jagdverwaltung bestätigt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.06.2018, 07:55 Uhr

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