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«Ich weiss es nicht, ich bin kein Grieche»

«Es wird ja oft gesagt, Politik sei wie eine Art Sucht. Aber so schlimm ist es offenbar nicht»: Wolfgang Schäuble über seinen Rücktritt. Fotos: Dominik Butzmann

Herr Schäuble, Deutschland hatte ein halbes Jahr keine Regierung. Nun hat es wieder die alte, einfach ohne Sie. Begeisterung gibt es keine.

Was wollten denn Sie?

Aber der neuen Regierung traut niemand etwas zu.

Realpolitik versus soziale Utopie gabs schon immer.

Weil die Koalitionspartner von Angela Merkel immer verlieren.

Nun stellt die SPD den Finanzminister. Die Versuchung ist gross, dass der jetzt überall Geld verteilt. Wie lange geht es, bis Ihr Vermächtnis, die schwarze Null im Bundeshaushalt, flöten geht?

Da loben Sie den Ex-Finanz­minister Schäuble …

Ihr Vorgänger mit dem Riesendefizit war Peer Steinbrück, ein rotes Tuch für uns Schweizer.

Er wollte uns die Kavallerie schicken, damit die Banken die deutschen Steuersünder preisgeben. Dass die Schweiz später kapitulierte und den automatischen Informationsaustausch (AIA) akzeptierte, das haben Sie erreicht.

Warum?

«Das Verhältnis zwischen der Schweiz und Europa hat sich deutlich entspannt.»

Warum haben Sie eigentlich jahrelang verhandelt und nicht gleich den AIA verlangt?

Darum der Umweg über die Abgeltungssteuer?

Und wir haben kapituliert.

Offenbar doch. Die EU drängt die Schweiz zu einem Rahmenabkommen, das uns zwingt, automatisch fremdes Recht zu übernehmen. Würden Sie das für Deutschland akzeptieren?

Würden Sie als Bundestags­präsident diese Entmachtung Ihres Parlaments akzeptieren?

«Die Schweizer müssen Regeln akzeptieren, an deren ­Ausarbeitung sie nicht beteiligt waren. Das ist unausweichlich, solange die Schweiz nicht EU-Mitglied werden will.»

Das erzwungene Ende des Bankgeheimnisses, die ­Drangsalierung des Flughafens Zürich, die Nichteinhaltung von Verträgen im Eisenbahnbereich durch Deutschland und Italien und jetzt noch automatische Rechtsübernahme: Spielen da nicht einfach die grossen Nachbarn ihre Macht aus?

Darum gibt es bei uns die Hoffnung, wir hätten nun einen mächtigen Verbündeten.

Wenn die Osteuropäer in der Flüchtlingsfrage machen, was sie wollen, dann passiert nichts. Aber wenn wir einen Europäer wegen seiner Herkunft nicht sofort anstellen, machen die in Brüssel daraus eine Staats­affäre. Das ist nicht sehr fair.

Glauben Sie noch an das ­europäische Projekt?

Na und?

«Das Schweizer Modell ist nicht übertragbar auf Europa.»

Syrien ist kein Nachbarland der Schweiz.

Wieso halten es nicht alle so?

Und wer hat den Lead?

Deutschland spielt keine Rolle?

Macron und Merkel waren beide in den USA, um Donald Trump von seinen Sanktionen gegen Europa abzubringen. Erfolglos?

Waren auch das ­Schulterklopfen und der lange Händedruck abgesprochen?

Macron drückt in der EU aufs Tempo, will einen gemeinsamen Finanzminister, ein gemein­sames Budget und die Ver­gemeinschaftung der Schulden.

Das mussten die Griechen von Ihnen erfahren.

Das war ein deutsches Diktat.

«Für Griechenland war die Aufnahme in die Währungsunion natürlich eine wunderbare Situation, aber eben auch eine grosse Versuchung.»

Das war bei Griechenland aber nicht der Fall.

Ein grosser Erfolg.

Das passiert nur unter Druck.

Das wurde ihnen auch von der Politik so versprochen.

Ausgerechnet Tsipras hat sich als Sanierer bewährt.

Dafür müssten Sie die Griechen ja loben.

Sie wurden als Nazi beschimpft, hat Sie das nicht belastet?

Als Sie 2010 erstmals die Probleme sahen, glaubten Sie, dass die Griechen 2020 noch in der Währungsunion sind?

Was hätten Sie gemacht?

Haben Sie sich nie in die Lage der Griechen versetzt?

«Ich habe Politik anfangs als Freizeitbeschäftigung betrieben.»

Dürfen wir noch eine ­persönliche Frage stellen, uns läuft die Zeit davon.

Sie haben eben erst in Basel die Oper besucht. Kommen Sie öfter in die Schweiz?

Seit dem 17. Dezember 1972 sitzen sie ununterbrochen im Bundestag. Damals war Willy Brandt Bundeskanzler, Gustav Heinemann Bundespräsident und in München kam es zum Massaker an den Olympischen Spielen. Sie waren alles, Parteichef, Fraktionschef, Minister und nun Präsident des Bundestags. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag im Parlament?

Was reizt Sie nach so vielen Jahren noch an der Politik?

Haben Sie noch immer Freude an der Politik?

Es war echt Ihre Entscheidung?

Reut es Sie, dass Sie nicht mehr direkt eingreifen können?

Gibt es Dinge, die Sie besser anders entschieden hätten?

Auch Schäuble hat mal Fehler gemacht. Welche?

Haben Sie keine Entzugserscheinungen von der Macht?

Und wie ist es mit den ­Nacht­sitzungen in Brüssel ...

Wenn Sie Ihre Laufbahn ­ansehen, ganz an die Spitze hat es nie gereicht. Enttäuscht?