Ich muss mal

Den Männern drückts auf die Blase, den Städten aufs Budget: Jetzt kommen sie wieder, die Wildpinkler. Trotz Bussen, trotz öffentlichen Toiletten – ein Ärgernis.

Dieser alleine urinierende Mann ist ein seltenes Exemplar: Forscher berichten von «Sozialpinkeln» Foto: Keystone

Dieser alleine urinierende Mann ist ein seltenes Exemplar: Forscher berichten von «Sozialpinkeln» Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In den Städten ist der Wildpinkler, was der Maikäfer auf dem Lande: Vorbote des Sommers und Plage zugleich. Wie der Maikäfer tritt auch der Wildpinkler bevorzugt in Schwärmen auf. Für einmal handelt es sich hier übrigens nicht um ein generisches Maskulinum, nein: Sich in aller Öffentlichkeit zu erleichtern, ist ein sehr männlicher Habitus. Hose auf, Ding raus.

Das sagt auch Natalie Essig, und sie muss es wissen: Die Münchner Professorin für Baukonstruktion und Bauklimatik ist die wohl erste Expertin für öffentliches Urinieren. Für den FC Bayern München haben ihre Studenten in Echtzeit mitgezählt, wie das Onlinemagazin «Bento» berichtet: Nach einem Fussballspiel lassen pro zehn Minuten bis zu 50 Menschen ihr Wasser an eine Mauer vor der Münchner Allianz-Arena. Essig stellte sie zur Rede. Und erfuhr: Mann ist beim Urinieren nicht gerne allein. Deshalb schifft er gerne öffentlich, Schulter an Schulter. Forscher sprechen von «Sozialpinkeln». Öffentliche WCs entschärfen das Problem deshalb nur bedingt, auch weil sie als schmutzig gelten. Gemäss Essigs Feldforschung mögen pinkelnde Männer ausserdem Mauern oder Büsche, weil sie schützen (vor neugierigen Blicken, Gegenwind) und akustisch vorteilhaft sind, wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt.

Bald beginnt die Zeit der Public Viewings und Open-Air-Konzerte, und dann kommen sie erst recht hinter den Büschen hervor, die Wildpinkler. Im Französischen spricht man von «pipi sauvage», und das klingt sehr adrett für das öffentliche Entleeren von Körperflüssigkeit; einem Tun also, das nicht nur fehlende Manieren offenbart, sondern auch die Umwelt ästhetisch und olfaktorisch belastet: In Ulm serbelt das Münster aus dem 14. Jahrhundert, weil Betrunkene an die historische Fassade pinkeln; in der Berliner Fanmeile muss die Stadt alte Bäume mit literweise Wasser aufpäppeln, weil der Urin den Pflanzen Flüssigkeit entzieht; in Zürich rücken die Putzequipen nach der Street Parade mit Anti-Urin-Mittel aus, um den beissenden Geruch zu überdecken.

Auf St. Pauli pinkelts jetzt zurück

Ebenso bunt sind die Strategien, die sich Städte und Fussballclubs einfallen lassen, um den markierenden Mannen beizukommen. In München drohte ihnen der FC Bayern mit Stadionverbot und Entzug der Saisonkarte; auf der Hamburger Reeperbahn tragen die Wände einen wasserabweisenden Speziallack, der den Urin zurückspritzen lässt (Aktion «St. Pauli pinkelt zurück»); im Pariser Bahnhof Gare de Lyon stehen «Uritrottoirs»: Pinkelbeete, gefüllt mit Sägemehl, aufgehübscht mit Blumen.

Schweizer Städte begegnen dem Pinkelproblem mit einer sanitären Aufrüstung. Riesige Summen haben sie in den letzten Jahren in den Ausbau öffentlicher Toiletten gesteckt. St. Gallen beispielsweise hat für 4 Millionen Franken seine Anlagen in der ganzen Stadt ausgebaut und renoviert, Zürich will bis 2031 rund 25 Millionen für öffentliche WC ausgeben. In der Berner Altstadt werden in den Sommermonaten mobile Toiletten aufgestellt. Aufbau am Freitagabend, Abbau am Montagmorgen, jedes Wochenende. Ein Toitoi neben historischen Stadthäusern, «das sieht nicht schön aus, aber voilà», sagt Norbert Esseiva, Leiter der Stadtberner Orts- und Gewerbepolizei. Der Erfolg all dieser Bemühungen: bescheiden. Wildes Urinieren sei ein grosses Ärgernis, sagt Esseiva; besonders, wenn der Alkoholpegel steige. Rund 100 000 Franken gibt Bern jährlich aus, um die Pinkelspuren in Gässchen und Strassenecken zu beseitigen. «Wenn man sieht, welche Mengen Urin in den mobilen Toiletten zusammenkommen, und sich vorstellt, dass nur schon die Hälfte der Leute sich im Busch erleichtert, ist das enorm», sagt Esseiva.

Vor einem Jahr liess sich Bern die Blumenkübel-Pissoirs aus Paris präsentieren, auch Lausanne war interessiert. Fazit in Bern: zu unästhetisch, zu aufdringlich. Man wolle den öffentlichen Raum nicht mit Mobiliar verstellen, sagt Patric Schädeli vom Berner Tiefbauamt. «Und der Anblick urinierender Männer stört Passanten.»

Also besser das St. Galler Modell? Beim Bahnhof Winkeln, nahe dem Fussballstadion, stehen seit einigen Jahren zwei Urilifts, versenkbare Pissoirs. Zwei stählerne Säulen, die Polizei fährt sie vor Fussballspielen per Fernbedienung hoch. Ein kleiner Luxus für 80 000 Franken. Aber effizient: Die Reklamationen der Hausbewohner, deren Wände verpisst worden waren, sind gemäss Stadtverwaltung passé. Weil St. Gallen die erste Schweizer Stadt war, die den Urilift bestellte, bekam sie ihn kostenlos, als Werbemassnahme.

Das Problem mit der ­Gleichberechtigung

Nur: Bisher ist noch keine Stadt dem St. Galler Modell gefolgt. In Zürich etwa fehlt wegen der unterirdischen Leitungen der Platz, um die Pissoirs zu versenken. Ausserdem benachteiligen sie die Frauen. Warum sollen Männer fürs Wildpinkeln belohnt werden, während Frauen nichts davon haben, dass sie sichs verklemmen und sich in die Schlange stellen? Öffentliche Pissoirs stammten «aus früheren Zeiten», heisst es im 270 Seiten starken Masterplan Züri-WC, «aus Gleichstellungsgründen» würden keine neuen angeschafft. Zwar hat der holländische Hersteller nun eine versenkbare Unisex-Toilette auf den Markt gebracht, doch die steht bislang erst in Australien und den Niederlanden.

Für beide Geschlechter offen sind die «Netten Toiletten»: Beizer stellen ihre WCs öffentlich zur Verfügung und werden dafür von der Gemeinde finanziell entschädigt. Die Idee stammt aus Deutschland und hat es bereits in mehrere Schweizer Städte geschafft.

Doch die Wildpinkler sind nicht nur ein Problem, sie haben auch eines – wenn sie erwischt werden. In Zürich kommen sie mit 80 Franken Busse relativ günstig weg, Bern büsst öffentliches Urinieren mit mindestens 150 Franken (Straftatbestand gemäss Art. 12 KStrG: «unanständiges Benehmen»), in Lausanne wirds mit 200 Franken teuer. Allerdings werden verhältnismässig wenige Wildpinkler verfolgt: In Zürich kam es 2016 zu 260 Bussen, wobei darunter auch jene fallen, die Abfall liegen lassen oder auf den Boden spucken.

Angesichts dieses riesigen (und vergeblichen) Aufwandes, die Männer vom Wildpinkeln abzuhalten, bleibt nur ein Ratschlag ans weibliche Geschlecht: Ab hinter den Busch, Frauen, dann wartet ihr nicht mehr lange auf eure WC.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.06.2018, 09:05 Uhr

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...