«Hunde haben uns ebenso gern wie ihr Futter»

Der Neurowissenschaftler Gregory Berns über die emotionale Bindung zwischen Mensch und Tier.

Herausfinden, was Hunde fühlen: Gregory Berns mit Zen, einem Retriever-Mischling, am Tomografen. Foto: Dustin Chambers/The New York Tim/Redux/laif

Herausfinden, was Hunde fühlen: Gregory Berns mit Zen, einem Retriever-Mischling, am Tomografen. Foto: Dustin Chambers/The New York Tim/Redux/laif

Was war der Ausgangspunkt für Ihre Hundestudien?

Das begann mit der Mission zur Tötung von Osama Bin Laden. Da war dieser Hund, Cairo, der aus einem Helikopter der Eliteeinheit Navy SEALs sprang. Helikopter sind unglaublich laut. Hunde aber haben ein extrem sensibles Gehör. Ich dachte, «Mensch, wenn das Militär einen Hund trainieren kann, in einen lauten Helikopter zu steigen, dann könnte es auch möglich sein, sie in laute Magnetresonanztomografen zu kriegen.»

Und wozu sollte man sie in einen MRT stecken?

Um herauszufinden, was Hunde denken und fühlen. Ein Jahr zuvor war mein Lieblingshund Newton gestorben. Ich fragte mich, ob er mich geliebt hatte und ob unsere Beziehung über die Tatsache hinausging, dass ich ihn mit Nahrung versorgte. Als Neurowissenschaftler weiss ich, wie wir dank Studien mit dem MRT verstehen, welche Hirnregionen bei welchen emotionalen Prozessen involviert sind.

Und durch Tests mit dem MRT wollten Sie herausfinden, ob das bei Hunden ähnlich ist?

Genau. Ich fragte mich, ob Hunde entsprechend verteilte Aufgabenbereiche in ihrem Hirn haben wie wir Menschen. Die grosse Hürde für diese Art von Tests ist es, die Hunde in ein MRT zu kriegen, wo sie lange genug stillhalten müssen, damit man brauchbare Bilder erhält.

Wie haben Sie dieses Problem gelöst?

Gemeinsam mit einem Hunde­trainer in Atlanta habe ich die Schritte identifiziert, die es braucht, damit Hunde in einen MRT gehen. In meinem Haus habe ich einen MRT-Simulator gebaut. Wir haben Callie, unseren Familien-Terrier und Newton-Ersatz, mit dem Simulator vertraut gemacht, haben die Hündin an den Lärm gewöhnt, ihr beigebracht, die Treppen zur Maschine hinaufzuklettern, den Kopf in eine Form zu betten und für immer längere Perioden stillzuhalten. Das hat drei Monate tägliches Training benötigt. Nachdem wir das Trainingssystem perfektioniert hatten, schickten wir eine Anfrage an örtliche Hundebesitzer, um Freiwillige für die Studie zu finden.

Wie sahen dann die eigentlichen Tests aus?

Ganz analog wie beim Menschen. Zum Beispiel trainierten wir die Hunde, den sogenannten Go/No-go-Test durchzuführen.

Das ist äquivalent zum sogenannten Marshmallow-Experiment, mit dem die Fähigkeit von Menschen geprüft wird, eine Belohnung hinauszuzögern.

Exakt. Was die Hunde betrifft, so haben wir sie darauf trainiert, ein Ziel mit der Nase anzustupfen, wann immer sie ein Flüstern hörten. Das war das Go-Signal. Dann brachten wir ihnen bei, dass über Kreuz angehobene Arme No-go bedeuten. Wenn sie überkreuzte Arme sahen und ein Flüstern hörten, bedeutete es immer noch No-go. Im Scanner sahen wir dann beim No-go-Signal, dass ein Teil des Präfrontallappens aktiv wurde. Hunde, die hier mehr Hirnaktivität zeigten, schnitten beim Test besser ab. Das ist exakt wie bei Menschen mit dem Marshmallow-Test. Das zeigt, dass Hunde die entsprechenden Hirnregionen nutzen, wenn sie ähnliche Aufgaben lösen wie wir Menschen.

Mögen Hunde uns nun lieber als ihr Futter?

Um das herauszufinden, haben wir bei einem Experiment Hunden manchmal Hotdogs gegeben und sie manchmal gelobt. Wir schauten uns das Belohnungszentrum im Hirn an und verglichen es in beiden Situationen. Die meisten Hunde reagierten auf Lob gleich stark wie auf Nahrung. Aber rund 20 Prozent zeigten bei Lob sogar eine stärkere Reaktion. Daraus schliessen wir, dass die meisten Hunde uns ebenso gern haben wie ihr Futter. Indem wir Hunden Bilder von Objekten und Menschen zeigten, lernten wir auch, dass gewisse Hirnregionen der Gesichtserkennung gewidmet sind. Das bedeutet, dass Hunde nicht nur durch den Umgang mit Menschen lernen, dass mensch­liche Gesichter wichtig sind – sie werden damit geboren, Menschen anzuschauen. Das war zuvor nicht bekannt.

Hat diese Forschung praktischen Nutzen?

Zwei Jahre lang haben wir gemeinsam mit der Hundeausbildungsfirma Canine Companions for Independence Welpen untersucht, die als Kandidaten für Dienst­leistungshunde ausgewählt wurden. Solche Hunde kosten zwischen 20 000 und 60 000 Franken, denn sie benötigen ein extrem intensives Training. Obwohl diese Welpen gezielt für diese Aufgabe gezüchtet werden, erweisen sich viele als ungeeignet. Im Auftrag von Canine Companions haben wir untersucht, welche Welpen am erfolgversprechendsten sind.

Wie gingen Sie vor?

Wir haben das Hirn der Welpen gescannt und die Entwicklung der Tiere verfolgt. Wir fanden heraus, dass jene Hunde die besten Kandidaten sind, die mehr Aktivität in einer Hirnregion mit den meisten Rezeptoren des Glückshormons Dopamin haben, dem Nucleus caudatus. Zugleich hatten diese Tiere weniger Aktivität in jenem Bereich des Hirns, der mit Furcht und Angst in Verbindung gebracht wird, der Amygdala.

Sie haben auch das Gehirn von Seelöwen gescannt. Was haben Sie daraus gelernt?

In den letzten Jahren sind rekordverdächtige Zahlen von Seelöwen an den Küsten Kaliforniens gestrandet. Sie hatten Krämpfe und waren handlungsunfähig. Mit anderen Forschern scannten wir ihr Gehirn, um die beschädigten Regionen zu finden. Es war der Hippocampus. Das ist jener Teil des Hirns, der bei Menschen mit Schläfenlappenepilepsie beschädigt ist. Die Seelöwen zeigten mir, dass Bewusstseinsstörungen bei Tieren ganz ähnlich aussehen wie beim Menschen. Tatsächlich hat mir meine Forschung insgesamt gezeigt, wie ähnlich Tiere uns Menschen sind. Natürlich ist es schwierig, herauszufinden, was Tiere denken, denn sie können ja nicht reden. Aber wenn man sich ihr Gehirn anschaut, begreift man, wie ähnlich sie uns sind.

Haben Ihre Erkenntnisse Bedeutung für den Umgang mit Tieren?

Wir könnten diese Erkenntnisse verwenden, um Tieren mit Aggressionsproblemen zu helfen. Wenn wir besser verstehen, was in ihrem Gehirn vor sich geht, könnten wir Alternativen zum Einschläfern finden.

Welche Konsequenzen ziehen Sie für sich persönlich?

Bei mir persönlich haben diese Studien Fragen zu unserem Umgang mit Tieren aufgeworfen. Etwa wenn man daran denkt, wie wir Tiere in grossen industrialisierten Farmen halten, wo sie für die meiste Zeit ihres Lebens eingesperrt sind und dann oft grausam geschlachtet werden. Wenn sich die Tiere ihres Leidens bewusst sind – und ich denke, das sind sie –, müssen wir ihre Behandlung überdenken.

Sind Sie Vegetarier?

Seit meiner Studienzeit bin ich mehr oder weniger Vegetarier. Diese Forschung zeigt ja klar, dass Tiere ein Gehirn haben, das viele unserer Emotionen ebenso fühlt. Das schärft meinen Entschluss, ein besserer Vegetarier zu sein. Ich habe aber auch gelernt, mich nicht selbst zu züchtigen, wenn ich es nicht ganz schaffe.


© «The New York Times». Übersetzung: Joachim Laukenmann

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