Gay Pride hält Einzug im Büro

Homo-, bi- und transsexuelle Menschen werden bei der Arbeit oft diskriminiert. Ein neues Schweizer Label will das ändern.

Der Weg nach oben soll ihnen nicht verwehrt sein: Teilnehmende der Pride Parade in Zürich vor einem Jahr. Foto: Keystone

Der Weg nach oben soll ihnen nicht verwehrt sein: Teilnehmende der Pride Parade in Zürich vor einem Jahr. Foto: Keystone

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Samuel Lisse hat es weit gebracht. Seit vergangenem September ist der 39-Jährige Geschäftsführer von Mercer Schweiz, einer Beratungsfirma für Personal- und Investmentthemen. Dass er heute an der Spitze eines Unternehmens stehe, sei nicht selbstverständlich, sagt Lisse. Denn er ist schwul.

Das könne selbst heute noch ein Karrierekiller sein, so Lisse. «Bei gewissen Firmen habe ich gespürt, dass ich als homosexueller Mann vorbelastet bin. Ich bin an eine gläserne Decke gestossen.» Sprich: Die Positionen ganz oben waren für ihn nicht erreichbar.

Jeder Fünfte diskriminiert

Was Lisse schildert, bestätigen Studien. 2014 befragte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte mehr als 90'000 Homo-, Bi- und Transsexuelle aus der EU zu ihren Erfahrungen im Job. Jeder Fünfte sagte, er sei im letzten Jahr diskriminiert worden. 28 Prozent verbergen oder verschleiern deshalb ihre sexuelle Orientierung. Wer das nicht tut, hat oft Nachteile. So wie ein in der Studie befragter 53-jähriger Bankangestellter, der offen zu seiner Homosexualität steht. «Ein neuer Kollege bat um einen Arbeitsplatz in ‹angemessener Distanz› von mir, weil er Angst hatte, dass ich ihn sexuell belästige», erzählt er. Eine Beförderung sei ihm jahrelang verwehrt worden. Die Chefs befürchteten, ihm werde zu wenig Respekt entgegengebracht.

Mit solchen Problemen hat Samuel Lisse bei Mercer nicht zu kämpfen. «Hier kann ich als homosexueller CEO auftreten, ohne mit Nachteilen rechnen zu müssen.» Das Diversity Management – also das Fördern von Vielfalt – werde bei Mercer ernst genommen. Jeweils im Juni, der weltweit als «Pride»-Monat gilt, fordert die Firma ihre Angestellten auf, sich für ihre lesbischen, schwulen, bi- und intersexuellen sowie Transgender-Kollegen (LGBTI) zu engagieren.

20 Firmen interessieren sich für das neue Label

In der Schweiz will das Unternehmen nun zu einem Vorreiter in dieser Sache werden. Mercer ist eine der ersten Firmen, die sich für das neue Schweizer LGBTI-Label bewerben. Es wird nächste Woche lanciert und zeichnet Firmen aus, welche die Integration von LGBTI-Mitarbeitenden besonders fördern. Zum Beispiel durch eine Diversity-Strategie, ein internes Netzwerk und öffentliche Statements.

Hinter der Initiative stecken unter anderem das Network Gay Leadership und Wybernet, ein Schweizer Netzwerk für lesbische Berufsfrauen. «Wir hoffen, dass sich vor allem auch kleinere und mittlere Firmen für das Label bewerben», sagt Moreno della Picca, Organisationsberater und Vorstandsmitglied von Network. Insgesamt hätten rund 20 Firmen ihr Interesse angemeldet. Bei der Erarbeitung mitgeholfen haben unter anderem das US-Chemieunternehmen Dow Chemicals, das VZ Vermögenszentrum, die Bühler Küchen AG und die Post.

«Unsere Firmenkultur ist geprägt von Offenheit. Das wollen wir mit dem Label unterstreichen».Marco Beutler, Leiter Personal bei der ZKB

Auch die Zürcher Kantonalbank (ZKB) unterstützt das Projekt seit Beginn. «Unsere Firmenkultur ist geprägt von Offenheit, und wir leben Diversität. Das wollen wir mit dem Label unterstreichen», sagt Marco Beutler, Leiter Personal bei der ZKB. Die Bank hat bereits einige Massnahmen für LGBTI ergriffen, die schätzungsweise 5 bis 10 Prozent der Belegschaft ausmachen. So schuf sie eine interne Beratungsstelle und benützt bei Präsentationen gezielt auch Symbole mit gleichgeschlechtlichen Paaren. «Wir wollen, dass diese Angestellten Vertrauen in uns als Arbeitgeber haben und sich akzeptiert fühlen im Büro. Zufriedene Mitarbeitende sind konzentrierter und erbringen bessere Leistungen», sagt Beutler.

Eine offene Unternehmenskultur kann Firmen tatsächlich erfolgreicher machen. Das hat die Credit Suisse gezeigt. Die Bank hat Aktien von Firmen zusammengetragen, die sich explizit für lesbische, schwule, bisexuelle und Transgender-Angestellte einsetzen. Und sie mit dem Weltaktienindex verglichen. Das Resultat: Die Performance der LGBTI-Aktien übertraf zwischen 2010 und 2016 jene des Weltindex im Schnitt um 3 Prozent pro Jahr. Unklar sei, ob erfolgreiche Firmen toleranter seien oder ob Offenheit den Firmenerfolg erhöhe, schreibt die CS. Wahrscheinlich stimme beides.

Die Fortschritte der Firmen werden alle drei Jahre überprüft

Wenn eine Firma sich für Offenheit und Integration einsetzt, stecken dahinter also auch wirtschaftliche Interessen. Das bestätigt Mercer-Chef Samuel Lisse. «Wir wollen die besten Talente anziehen, egal, welcher Religion, Schicht oder sexuellen Orientierung sie angehören.» Gerade für eine Unternehmensberatung sei es ausserdem wichtig, die Gesellschaft zu spiegeln. «Das macht uns für unsere Kunden attraktiver.»

Mercer hat also gute Chancen, das Label zu erhalten. Ausruhen kann die Firma sich danach nicht. Die ausgezeichneten Unternehmen müssen ihre Fortschritte alle drei Jahre überprüfen lassen. Diese Prüfungen dürften über den Erfolg des Projekts entscheiden: Je strenger sie sind, desto kleiner ist die Gefahr, dass die Firmen sich nur zu PR-Zwecken mit dem Label schmücken.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.06.2018, 14:50 Uhr

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