Ewige Liebe

«Cold War» ist einer der besten Filme des Jahres – auch dank den Hauptdarstellern Joanna Kulig und Tomasz Kot, von denen man noch viel hören wird.

Zwei, die sich lieben, aber nie richtig zueinander­finden: Joanna Kulig und Tomasz Kot in «Cold War». Foto: PD

Zwei, die sich lieben, aber nie richtig zueinander­finden: Joanna Kulig und Tomasz Kot in «Cold War». Foto: PD

Matthias Lerf@MatthiasLerf

Der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski hatte mit «Ida» 2015 den Oscar gewonnen. Nach der Premiere seines lang erwarteten neuen Films «Cold War» in Cannes gab es nur ein Thema: Hat man jetzt da in der Hauptrolle die neue Jeanne Moreau gesehen? Oder doch eher die neue Léa Seydoux?

«Also, eigentlich hat mir der Regisseur gesagt, ich solle spielen wie Lauren Bacall», sagt dazu Hauptdarstellerin Joanna Kulig. Das hat schon seinen Grund, denn den Schwarzweissfilm «Cold War» spielte in den Vierziger- und Fünfzigerjahren, wie die besten Filme der Hollywoodikone. Und es stimmt wiederum überhaupt nicht, weil die polnische Schauspielerin eine ganz eigenständige Leistung zeigt: Sie singt, tanzt und spielt wie keine andere.

Eigentlich ist es eine einfache Liebesgeschichte, die Pawlikowski erzählt, sie beginnt 1949 im kriegsversehrten ländlichen Polen. Macht Station in Warschau, Berlin, Split, Paris. Und endet 1964 im polnischen Hinterland, fast an der ukrainischen Grenze. Es ist die Geschichte von Wiktor und Zula, zwei Musikern, die sich lieben, aber nie richtig zusammenkommen. Erzählt wird das in kunstvoll komponierten Schwarzweissbildern und im altmodischen, fast quadratischen Bildformat. Inspiriert sind die Hauptfiguren von den Eltern des Regisseurs.

«Lass dir Zeit! Und spiel nicht zu heftig!»

«Er sagte mir beim Spielen allerdings nie, ‹mein Vater hätte das ganz anders gemacht›», erzählt Hauptdarsteller Tomasz Kot. Es sei ja auch allen klar gewesen, dass der Regisseur nicht seine Familiengeschichte erzählen wolle (seine Eltern haben zum Beispiel viel länger gelebt als die Filmfiguren), sondern sich von der Stimmung des Kalten Kriegs, vom Eisernen Vorhang leiten liess, der Ost und West trennte. «Eigentlich bekam ich nur zwei Anweisungen vom Regisseur», sagt der Mann, der dessen Vater spielt: «Lass dir Zeit! Und spiel nicht zu heftig!»

Beides war überraschend für den 41-Jährigen, der zwar viel Erfahrung hat in polnischen Produktionen (er verkörperte einen in seiner Heimat sehr bekannten Arzt in einer TV-Serie), aber mit der Art von Pawlikowski nicht vertraut war. «Normalerweise haben wir höchstens 30 Tage, um eine Produktion abzudrehen, alles muss schnell, schnell gehen, da wird fast automatisch ziemlich expressiv gespielt. Hier haben wir uns Zeit gelassen, um eine gute Szene perfekt zu machen.»

Joanna Kulig illustriert das an einem Beispiel: «Da hatten wir den ganzen Tag diese Szene am Tischchen gedreht, bis Gesten und Dialoge sassen. Als dies dann klappte, und die Szene wunderbar im Kasten war, wollten wir erschöpft nach Hause gehen. Aber Pawel schaute sich das Tischchen an, verschob den Aschenbecher um zwanzig Zentimeter, sagte ‹so ist es besser›, und wir drehten noch einmal so lange.»

Für Joanna Kulig, 36, war das allerdings nichts Neues. Im Weltkriegsdrama «Ida» – ebenfalls schwarzweiss, ebenfalls bis an die Kitschgrenze stilisiert – hatte sie einen kurzen, aber markanten Auftritt als Sängerin. Und in Pawlikowskis Pariser Film – der Regisseur arbeitete lange in England und Frankreich – «La femme du Vème» (2011) spielte sie eine Hauptrolle, neben Ethan Hawke und Kristin Scott Thomas. Neu für sie waren die aufwendigen Choreografien, wo sie singen und tanzen musste. Sie verschwindet da in der Masse. Und sticht doch heraus.

Kot war im Gespräch alsJames-Bond-Bösewicht

Eine zentrale Rolle nimmt nämlich die Truppe Mazowsze ein, deren musikalischen Leiter Tomasz Kot spielt. Gegründet wurde sie ursprünglich, um traditionelle Tänze und Lieder der Landbevölkerung zu bewahren und auf die Bühne zu bringen. Immer mehr wurde sie aber zum Propagandainstrument für das Regime, sie musste auch Lieder über die Agrarreform und zum Lobe Stalins ins Programm aufnehmen. Joanna Kuligs Zala kommt als junge Frau mit undurchsichtiger Vergangenheit ins Ensemble, die schon bald eine Aufstiegschance wittert: «Interessieren Sie sich für mein Talent oder für mich generell?», fragt sie den Dirigenten Wiktor.

Daraus wird die schönste und verrückteste Liebesgeschichte des Jahres. Ohneeinander können die beiden nämlich nicht leben, und miteinander schon gar nicht. In Cannes ist das so gut angekommen, dass man die beiden jetzt auch im Westen wirklich wahrnimmt. Tomasz Kot war im Sommer gar als James-Bond-Bösewicht im Gespräch, und es existiert das hartnäckige Gerücht, dass Danny Boyle als Regisseur das Handtuch warf, und die ganze Produktion verschoben werden musste, weil die Produzenten auf einer prominenteren Besetzung beharrten.

Egal, nach «Cold War» wird Tomasz Kot bald irgendwo zwischen Hollywood und London im Weltkino auftauchen. Und von Jeanne Moreau, Pardon, Joanna Kulig wird man auch noch viel hören.

Ab Donnerstag im Kino

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