«Es geht nicht um Homosexualität»

Der Kanzler des Bistums St. Gallen nimmt Stellung zu fragwürdigen Aussagen des Papstes und des Churer Weihbischofs.

Claudius Luterbacher, Kanzler des Bistums St. Gallen.

Claudius Luterbacher, Kanzler des Bistums St. Gallen.

Der Churer Weihbischof Marian Eleganti hat letzte Woche sexuelle Übergriffe in der katholischen Kirche mit Homosexualität in Verbindung gebracht. Ihr Bistum hat sich distanziert. Es sei kontraproduktiv. Warum?
Wer diese Verbindung macht, lenkt vom Thema ab. Es geht hier um sexuelle Übergriffe in der katholischen Kirche, um Machtmissbrauch – und nicht um Homosexualität. Wir müssen mit allen Kräften dafür sorgen, dass Missbräuche vermieden und die Fälle, die bekannt werden, aufgeklärt werden. Und wir müssen die Prävention forcieren, auch wenn wir im Bistum St. Gallen in diesem Bereich schon viel getan haben. Da muss unsere Kraft hin.

Welchen Schaden richtet Weihbischof Eleganti damit an?
Es kann bewirken, dass sich Homosexuelle diskriminiert fühlen. Es steht der Kirche nicht an, über diese Menschen zu urteilen. Und wie gesagt, es lenkt von einem Thema ab, das schon schwierig genug ist und welches wir mit aller Intensität diskutieren müssen. Da muss die katholische Kirche ihre Hausaufgaben machen.

Papst Franziskus sagte kürzlich, Eltern von homosexuellen Kindern könnten einen Psychiater beiziehen. Was sagen Sie dazu?
Ich kann nicht genau beurteilen, was der Papst gesagt hat. Da gab es verschiedene Lesarten. Aber es ist klar, und das muss man mit aller Deutlichkeit sagen: Homosexualität ist keine Krankheit. Ich finde es unsäglich, dass wir das heute – 2018 – überhaupt noch sagen müssen. Was in Pennsylvania, in Irland oder auch bei uns vorgefallen ist, hat mit sexuellem Missbrauch, mit Gewalt und Machtfragen zu tun – und nicht mit Homosexualität.

Papst Franziskus sagte auch, Menschen mit einer tiefsitzenden homosexuellen Neigung sollten nicht ins Priestertum aufgenommen werden. Wie sieht das im Bistum St. Gallen aus?
Wenn sich Leute für den kirchlichen Dienst interessieren, schauen wir uns die Person sehr genau an. Es geht dabei nicht nur darum, ob sie die richtige Ausbildung absolvierte. Zu einer geeigneten Persönlichkeit gehört unter anderem auch, dass ein Anwärter einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Körperlichkeit und Sexualität hat. Das gilt für Homosexuelle genauso wie für Heterosexuelle. Es braucht auch einen reifen Umgang mit Macht – und auch das nicht losgelöst von der Sexualität. Denn in der Seelsorge gibt es Abhängigkeitsverhältnisse wie in der Sozialarbeit, in der Schule oder im Spital.

Der Jesuit Klaus Mertes schrieb vergangene Woche, es seien nicht homosexuelle, sondern männerbündlerische Netzwerke, zu denen auch Heteros gehörten, die zu Übergriffen und Vertuschung führten. Richtig?
Für die Übergriffe gibt es einerseits persönliche Gründe der Täter. Verantwortlich sind aber auch Strukturen der katholischen Kirche. Ein Netzwerk ist etwas Strukturelles. Die Kirche muss analysieren, welche Strukturen Übergriffe begünstigen.

Und welche sind das?
Wenn Strukturen etwa ermöglichen, dass Leute, die übergriffig werden, einfach an einen anderen Ort versetzt werden. Die Kirche kann und muss eine Politik verfolgen, die das verunmöglicht.

Zurzeit wird auch dem Papst vorgeworfen, er habe Warnhinweise bezüglich eines Kardinals in den USA ignoriert. Die Strukturen sind tief verankert. Was muss geschehen?
Es ist in den letzten Jahren viel passiert. Wir haben beispielsweise unter den Bistümern Strukturen geschaffen, damit Informationen über Priester und Angestellte ausgetauscht werden. Damit wir sicher sein können, dass ein Kandidat bezüglich Übergriffen unproblematisch ist. Aber die Transparenz und der Austausch können international noch stark verbessert werden. Und dann muss jeder Verantwortliche in der Kirche einen klaren Umgang mit dem Thema finden – und das kann nur im schonungslosen Benennen der Übergriffe liegen. Es darf kein Tabu geben. Es muss Nulltoleranz herrschen.

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