Eine Nation von heimlichen Rauchern

Der Bund und die Suchtprävention liegen falsch: In der Schweiz rauchen viel mehr Menschen als angenommen

Wo Rauch ist ist mehr Feuer: Gemäss einer neuen Studie rauchen hierzulande mindestens 31 Prozent. Foto: Getty

Wo Rauch ist ist mehr Feuer: Gemäss einer neuen Studie rauchen hierzulande mindestens 31 Prozent. Foto: Getty

Felix Straumann@fstraum

«Im Jahr 2015 rauchte in der Schweiz jede vierte Person, die älter ist als 15 Jahre.» So steht es auf der Webseite des Bundesamts für Gesundheit (BAG) unter «Zahlen & Fakten». Doch nun zeigt sich: Das dürfte eine massive Untertreibung sein. Diesen Schluss zieht jedenfalls eine neue Studie im Fachblatt «Swiss Medical Weekly». Die Autoren vom Universitätsspital Lausanne CHUV und von der Vereinigung «Oxy Romandie» gehen aufgrund von Berechnungen davon aus, dass in der Schweiz mindestens 31 Prozent rauchen. «Dies ist eine konservative Schätzung des unteren Limits», schreibt Autor Pascal Diethelm. «Es könnten genauso gut 33 Prozent oder mehr sein.»

Ob hierzulande jeder Dritte oder jeder Vierte raucht, ist kein Detail. Denn gemäss den Zahlen, auf die sich der Bund und die Suchtprävention bis jetzt stützen, würde die Schweiz in Europa zu den Ländern mit unterdurchschnittlichem Raucheranteil ge­hören. Das stelle die tatsächliche Situation falsch dar, moniert ­Diethelm. Zudem würden Entscheidungsträger diese Zahlen ­irreführend als Beleg für eine ausreichende Tabakprävention in der Schweiz verwenden. «Dabei ist diese eine der schlechtesten in Europa und der Welt», so Diethelm. Tatsächlich spielte der Raucheranteil auch bei der Debatte um das neue Tabakproduktegesetz eine Rolle. Das Parlament lehnte den moderaten Entwurf letztes Jahr ab.

Nur die Hälfte der Zigaretten deklariert

Die Mediziner um Diethelm nutzten für ihre Studie die Daten der Eidgenössischen Zollverwaltung, die auf den Angaben der Hersteller zum Verkauf beruhen. Sie dienen als Grundlage für die Berechnung der Tabaksteuer und dürften deshalb sicher nicht zu hoch liegen. «Die Tabakfirmen sind nicht bekannt dafür, ihr Geld zu verschwenden», meint Diethelm. Die Zahlen des Suchtmonitorings im Auftrag des BAG wiederum basieren auf Befragungen von repräsentativen Stichproben der Bevölkerung. Rechnet man diese Angaben hoch, liegt die deklarierte Anzahl gerauchter Zigaretten etwas über der Hälfte der tatsächlichen Zahl. Konkret wurden 6,5 Milliarden Zigaretten in Umfragen angegeben, rund 12 Milliarden waren es laut Zollverwaltung.

Die wahrscheinlichste Erklärung: In den Befragungen wird massiv geschummelt – bewusst oder unbewusst. Zum einen geben viele Raucher wohl weniger Zigaretten an, als sie konsumieren. Zum anderen erscheinen viele gar nicht in der Statistik, entweder weil sie nicht an der Befragung teil­nehmen, oder weil sie ihr Laster verheimlichen. Aus diesen Überlegungen und durch einen Vergleich mit der Rauchernation Frankreich berechneten die Studienautoren ihre viel höheren ­Raucherraten. «Selbst wenn wir annehmen, dass Raucher in der Schweiz gleich viele Zigaretten konsumieren wie in Frankreich, müsste die Häufigkeit bei 37,2 Prozent liegen, um den tatsächlichen Zigarettenkonsum zu erklären», so Diethelm.

12'000 Tabaktote pro Jahr

Für viele dürften die neuen Zahlen eine Neuigkeit sein. Für die Fachleute bei der Stiftung «Sucht Schweiz», die das jährliche Suchtmonitoring mitverantwortet, gibt man sich trotzdem gelassen. «Es ist bekannt, dass in Bevölkerungsumfragen der Substanzkonsum eher konservativ angegeben wird», sagt Sprecherin Monique Portner. Die Befragten würden ihren Konsum unterschätzen und eher so antworten, wie sie es als sozial erwünscht wahrnehmen. Mit dem Monitoring möchte man jedoch vor allem die Veränderungen im Konsumverhalten erfassen. Dazu sei es wichtig, dass über die Jahre stets mit den gleichen Methoden gearbeitet werde. Zudem könne mit einer Befragung genauer eruiert werden, wer rauche (Alter, Geschlecht, Sprachregion). Das sieht man auch beim Bundesamt für Gesundheit so. «Uns interessiert nicht nur die Anzahl der Rauchenden, sondern insbesondere auch der langfristige Trend», so Mediensprecher Adrien Kay.

Dass die Abweichung von den tatsächlichen Verkaufszahlen gross ist, scheint BAG und «Sucht Schweiz» jedoch nicht zu irritieren. Für Studienautor Diethelm ist dieser Unterschied jedoch so ­massiv, dass er selbst die Vergleichbarkeit zu den Befragungen der Vorjahre infrage stellt: «Veränderungen müssen nicht unbedingt eine Folge der tatsächlichen Raucherquote sein.» Es könne auch ein verändertes Verhalten dazu führen, dass Antworten weniger oder mehr der Realität entsprächen. Dem Bundesamt für Gesundheit rät Diethelm, die Zahlen des Suchtmonitorings mit grosser Vorsicht zu behandeln. Insbesondere sollten sie nicht für die Nutzenevaluation von Präventionsprogrammen beigezogen werden, so Diethelm.

Und schliesslich stellt der Romand die Schätzung des Bundesamts für Statistik infrage, wonach in der Schweiz 9500 Personen jährlich aufgrund von Tabakkonsum sterben. Diethelm: «Mit korrekten Raucherquoten dürfte die Zahl tabakbedingter Todesfälle bei jährlich 12'000 oder mehr liegen.»

SonntagsZeitung

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