Ein Pieks gegen das Killervirus

Erstmals hilft ein Impfstoff, eine Ebolaepidemie einzudämmen. Schweizer haben ihn mitentwickelt.

Immunisiert wird jeder, der mit einem Ebolakranken in Kontakt kam: Ein Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation bereitet die Impfkampagne in Mbandaka im Kongo vor Foto: AFP

Immunisiert wird jeder, der mit einem Ebolakranken in Kontakt kam: Ein Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation bereitet die Impfkampagne in Mbandaka im Kongo vor Foto: AFP

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Der Schreck war gross, als das ­Virus vor zwei Wochen die Mil­lionenstadt Mbandaka erreichte. Erinnerungen an die Ebola­katastrophe von 2014 bis 2016 wurden wach. Damals starben in Westafrika mehr als 11'000 Menschen an dem Killervirus. Bis jetzt scheint der aktuelle Ausbruch einigermassen unter Kontrolle. Vergangene Woche meldete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 54 Fälle und 25 Tote, darunter zwei beim Gesundheitspersonal. Sie gab sich vorsichtig optimistisch, dass eine grössere Katastrophe abgewendet werden könnte.

In jedem Fall wird die Ebolaepidemie im Kongo in die Geschichte eingehen. Der Grund: Erstmals wird ein Impfstoff zur Bekämpfung eingesetzt. «Wir haben nun im Kampf gegen Ebola einen wichtigen neuen Pfeil im Köcher», sagt Matthias Egger. Der Berner Epidemiologe und Forschungsratspräsident des Nationalfonds spielte bei der Entwicklung des Impfstoffs eine wichtige Rolle.

Vor zwei Wochen lancierte die Regierung der Republik die Impfung von Risikopersonen, also Menschen, die mit Ebolakranken in Kontakt kamen sowie deren Kontakte und exponiertes Gesundheitspersonal. Gestartet wurde mit den vier bestätigten Fällen in der Grossstadt Mbandaka. Am vergangenen Montag ging es auch in den anderen beiden betroffenen Regionen Bikoro und Iboko los. Laut WHO sind derzeit mehrere Hundert Personen immunisiert. «In ein bis zwei Wochen dürften wir erste Effekte sehen», sagt Egger.

«Wir haben Medizingeschichte geschrieben»

Der Impfstoff trägt den sperrigen Namen rVSV-ZEBOV. Er basiert auf einem abgeschwächten Virus, dem ein Gen des Ebolaerregers eingebaut wurde. Entwickelt haben den Impfstoff die kanadischen ­Gesundheitsbehörden, die Lizenz hat heute das Pharmaunternehmen MSD. Dieses hält inzwischen 300'000 Dosen für den Fall eines Ausbruchs bereit. Unter der Federführung der WHO wurde der Impfstoff während der Epidemie in Westafrika in Rekordzeit klinisch und im Feld geprüft. Dabei kam ein Studiendesign zur Anwendung, das bei der Entwicklung von Wirkstoffen noch nie verwendet wurde. «Wir haben Medizingeschichte geschrieben», sagt Egger.

Los ging es im Dezember 2014, als Ärzte den damals experimentellen Impfstoff am Genfer Unispital und anderen Zentren erstmals an über hundert gesunden Freiwilligen testeten. Schon nach wenigen Wochen sahen die ersten Resultate vielversprechend aus, und man konnte bereits mit der Planung einer kontrollierten Studie in den Ebolagebieten in Guinea beginnen. Egger war im Team mit anderen Fachleuten aus London und den USA. «Wir waren während Monaten unter der Woche bei der WHO in Genf und entwickelten das Studiendesign», erzählt er. «Es war eine sehr intensive Zeit.»

Ringimpfung erfolgt sofort nach Diagnose

Das Team liess sich von den Erfahrungen mit den Pocken inspirieren. Bei Ausbrüchen macht man sogenannte Ringimpfungen, bei denen – wie jetzt im Kongo – das unmittelbare Umfeld der Infizierten immunisiert wird. «Ebola ist wie die Pocken nicht so leicht übertragbar», sagt Egger. Anders als bei der Grippe, die durch Tröpfchen übertragen wird, braucht es bei diesen Erregern direkten Kontakt mit Sekreten von Infizierten.

In der Studie in Guinea erfolgte die Ringimpfung, sobald eine Neuansteckung festgestellt wurde. In der zufälligen Kontrollgruppe warteten die Ärzte jeweils drei Wochen. «Es war ein pragmatisches Design, das schnell umgesetzt werden konnte und gleichzeitig aussagekräftige Resultate lieferte», so Egger. Er selber präsentierte das Studiendesign Vertretern des Gesundheitsministeriums und an­deren Akteuren in Guinea – «in holprigem Französisch» –, um die Studie durchführen zu können. Nach einer Pilotphase startete sie im April 2015. Gerade noch rechtzeitig vor dem Ende der Epidemie. Andere Versuche, Ebolaimpf­stoffe zu prüfen, starteten zu spät.

Flächendeckende Prophylaxe ist zu aufwenig

Die Resultate der Studie mit fast 6000 Teilnehmern sind inzwischen im Fachblatt «The Lancet» ver­öffentlicht und überzeugen: «Die Impfung entfaltet ihre Wirkung relativ rasch», sagt Egger. Bereits eine Woche nach einer Ringimpfung traten keine neue Fälle mehr auf. Die Nebenwirkungen waren überwiegend mild. Egger hört es nicht gern, wenn jetzt die Rede von einem «experimentellen Impfstoff» ist, der im Kongo «ausprobiert» werde. «Die Wirksamkeit ist durch unsere solide Studie etabliert», sagt er. Allerdings hat das ungewohnte Studiendesign dazu geführt, dass der Hersteller MSD Probleme hat, für den Impfstoff von der US-Behörde FDA die Zulassung zu bekommen.

Wird der wirksame Impfstoff dazu führen, dass es künftig keine Ebolaepidemien mehr geben wird? «Nein, es wird immer ­wieder Ausbrüche geben», sagt Egger. Eine prophylaktische Impfung bei allen Bewohnern von Risikogebieten sei unrealistisch. «Für diesen Aufwand sind die Fallzahlen selbst bei grossen Ausbrüchen zu ­gering», sagt Egger. Konventionelle Bekämpfungsmassnahmen würden weiterhin sehr wichtig bleiben.

Matthias Egger ist «etwas traurig», weil er bei der Impfkampagne im Kongo nicht dabei sein kann. «Ich würde den ersten regulären Einsatz des Impfstoffs gerne sehen», sagt er. «Aber es braucht ­natürlich keine Schweizer dort. Die WHO und die lokalen Fachleute machen das gut.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.06.2018, 17:10 Uhr

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