Ein Feuerwehrmann für die Bundeskriminalpolizei

Der neue Ermittlungschef Yanis Callandret muss beim Bund gleich mehrere Brandherde bekämpfen.

Vom Vize zum Chef: Yanis Callandret bei der BKP in Bern. Bild: Adrian Moser

Vom Vize zum Chef: Yanis Callandret bei der BKP in Bern. Bild: Adrian Moser

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Es wäre falsch, Yanis Callandret als graue Eminenz der Schweizer Strafverfolgung zu bezeichnen. Dafür ist der 43-Jährige viel zu jung. Allerdings bemerkten nicht viele ausserhalb der Polizeiszene, welche steile Karriere der Romand hinlegte. Bis ganz oben: Im April wird der Anwalt Chef der Bundeskriminalpolizei (BKP).

Im Hauptquartier des Bundesamts für Polizei (Fedpol) in Bern empfängt uns denn auch kein Schattenmann, sondern ein jugendlich wirkender Neuenburger. Yanis Callandret kommt entspannt rüber. Er lächelt freundlich, selbst wenn er in atemberaubendem Tempo, aber sachlich von Terrorbekämpfung, Wirtschafts- und Cyberkriminalität und anderem aus seinem Arbeitsalltag spricht.

Sein künftiger Job ist nicht ungefährlich. Sein Vorvorgänger stolperte über eine Beziehung mit einer Russin, kein schwerer Fall, aber er musste als angebliches «Sicherheitsrisiko» weg. Der nächste BKP-Chef blieb nur kurze Zeit. Die Umstände seines plötzlichen Abgangs sind unbekannt. Zuletzt gab es eine lange Interimslösung.

Yanis Callandret kennt die Risiken und den Laden. Seit eineinhalb Jahren ist er Vize der BKP. Und seine Chefinnen kennen ihn. Nach viel Bedenkzeit und vielen anderen geprüften Bewerbungen setzen Justizministerin Simonetta Sommaruga und Fedpol-Direk­to­rin Nicoletta della Valle auf den vergleichsweise jungen Callandret. Unter seinem Befehl stehen bald 400 Mitarbeiter.

Sexuelle Übergriffe im Asylheim

Der Name Yanis Callandret ist bisher selten in den Medien erschienen. Ein Porträt von ihm? Fehlanzeige. Sie lesen das erste.

Dabei bearbeitete der Ur-Neuenburger in seinem Heimatkanton während zwölf Jahren spektakuläre Straffälle: Als Staatsanwalt untersuchte er die Wirren um den Fussballclub Xamax und den tschetschenischen Geschäftsmann Bulat Tschagajew, und er ging dem Verdacht von sexuellen Übergriffen in einem Asylheim nach. Doch in den vielen Artikeln über die Affären kommt Callandret nur am Rande vor.

Die reichhaltigsten Informationen über den Heimatverbundenen, der fast das ganze bisherige Leben in Neuenburg verbracht hat, finden sich auf einer Schweizer Feuerwehr-Website. Dort wurde Callandret 2007 als Kommandant der freiwilligen Feuerwehr vorgestellt. Kaum 30 Jahre alt, führte er in seiner Freizeit rund 120 Neuenburger Feuerwehrleute. Das intensive Hobby musste er aufgeben, als er im August 2016 als stellvertretender Chef zur BKP wechselte.

Bei der Brandbekämpfung hat er einiges gelernt, was er künftig gut gebrauchen kann. «Es ging gleichzeitig um Menschen und Krisen», sagt Callandret. «Es ging darum, Vorfälle zu verstehen und schnelle Entscheide zu fällen.»

Viele Polizisten müssen ihre Posten wechseln

Führungserfahrung ist nun vom verheirateten Vater zweier Kinder gefragt. Denn auch bei der BKP gibt es Brandherde. So machte jüngst ein Schweizer Russland-Ermittler mit einer nicht bewilligten Dienstreise nach Moskau Schlagzeilen. Der Alleingang hat interne Führungsschwächen offenbart.

Der grösste Brandherd schwelt aber wegen einer Reorganisation. Die BKP hat langjährige Kommissariate aufgelöst. Die Strukturen werden der Bundesanwaltschaft angepasst. Viele Polizisten müssen intern ihre Posten wechseln, meist freiwillig, manchmal nicht. Die Veränderungen wurden gemäss Betroffenen lange nicht gut gema­nagt, was Unruhe auslöste.

Callandret stiess erst im Laufe des Prozesses dazu. Ihm attestieren auch kritische BKP-Stimmen ein gutes Eingreifen. Vielleicht hängt das auch mit dem Credo des Neuen zusammen. «Ich bin nahe bei der Basis, nahe bei den Bedürfnissen der Polizisten», sagt Callandret. Dies scheint mehr zu sein als Rhetorik.

«Wir haben die Zusammenarbeit redynamisiert, indem wir alle Personen einladen, die sich direkt mit einer Sache beschäftigen.»Yanis Callandret, Chef der Bundespolizei

Mit allen Hierarchien zusammen kommt Callandret in der Terrorismus-Taskforce Tetra, die er geprägt hat und leitet. Dort tauscht man sich mit dem Nachrichtendienst, der Bundesanwaltschaft und anderen Jihad-Bekämpfern regelmässig aus. «Wir haben die Zusammenarbeit redynamisiert, indem wir alle Personen einladen, die sich direkt mit einer Sache beschäftigen», erklärt Callandret das Prinzip. Die Unkompliziertheit ermöglicht schnelle Entscheide und direkte Umsetzungen.

Callandret hat dafür ein Lieblingswort: «Koordin-aktion». Er verwendet es im Gespräch mehrfach. Das Fedpol will ähnliche Taskforces auch für Bereiche wie Spionage oder Cybersicherheit ausprobieren. Zeigen wird sich dann, ob der Bund für den Neuen ebenso reif ist wie der Neue für den Bund.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 18:33 Uhr

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