Dominic Thiem, der Champion vom Reissbrett

Der Österreicher, der Rafael Nadal im Paris-Final fordert, ist der Beweis, dass Sieger produziert werden können. Wie das geht, hat sein Coach Günter Bresnik (57) in einem Buch festgehalten.

Schafft Dominic Thiem heute in Paris das Unmögliche? Um 15:00 Uhr spielt er im Final gegen Rafael Nadal.

Schafft Dominic Thiem heute in Paris das Unmögliche? Um 15:00 Uhr spielt er im Final gegen Rafael Nadal. Bild: Christophe Petit Tesson/Keystone

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Das Abarbeiten von Glückwünschen ist eine Schufterei. Vor allem, wenn man es mit einer ­Akribie tut wie Günter Bresnik. Derweil Dominic Thiem am Freitagabend TV-Interviews zum Finaleinzug gibt, sitzt sein Coach in der letzten Reihe des Medienraums, beantwortet auf dem Handy SMS, hört Glückwunschbotschaften ab. «Unglaublich, wer sich jetzt alles meldet», murmelt er. Dann ruft ein Freund an und fragt, ob er ihm ein Ticket für Sonntag organisieren könne. «Buch einmal den Flug», sagt Bresnik. «Wenn ich kein Ticket für dich kriege, halte ich dich per SMS auf dem Laufenden.» Er schmunzelt, als sein ­Gesprächspartner am anderen Ende der ­Leitung protestiert. «Das klappt schon», beruhigt er ihn.

So gefasst Bresnik nach aussen wirkt. Es ist für ihn ein berührender Moment. 17 Jahre ist es her, dass er mit Thiem erstmals ­Bälle schlug. Dessen Vater Wolfgang war damals Trainer bei seiner Tennisschule an der Wiener Baumgasse und ist heute sein bester Freund. Thiem junior wurde für Bresnik zum Projekt, wie ein Tennis­champion von Grund auf zu konst­ruieren ist. Der 57-Jährige sagt: «Ich habe mit ihm mehr Zeit verbracht als mit meinen eigenen ­Kindern.» Und jetzt spielt Thiem gegen Rafael Nadal um seinen ersten Grand-Slam-Titel. «Dass ich eine grosse Befriedigung verspüre, ist wohl meiner Eitelkeit geschuldet», sagt Bresnik. «Aber natürlich ist das emotional, wenn du mit jemandem so lange gearbeitet hast.»

Das Medizinstudium nach acht Semestern abgebrochen

Als Thiem 2016 in Roland Garros erstmals den Halbfinal erreichte (er verlor gegen Djokovic), setzte sich Bresnik in der Garderobe auf eine Holzbank in einer ­stillen Ecke, hielt die Hände vors ­Gesicht und heulte los. Ihn durchströmte eine Mischung von Gefühlen, von Stolz, Erleichterung, Freude, aber auch Trauer darüber, dass sein ­Vater kurz zuvor 90-jährig ver­storben war. Sein Vater war Arzt gewesen, Bresnik hätte in dessen Fussstapfen treten sollen, doch nach acht Semestern brach er sein Medizinstudium ab, um als Coach des talentierten, aber aus der Bahn geratenen Horst Skoff die Tenniswelt zu erobern. 26 war er da.

Bresnik beschreibt seine Anfänge und vieles mehr im lesenswerten Buch «Die Dominic-Thiem-­Methode», das im Herbst 2016 erschien und eigentlich seine Autobiografie ist. Darin hat er auch 17 Dinge notiert, die er über den Erfolg gelernt hat und auf andere ­Lebensbereiche anzuwenden sind. Nebst einleuchtenden Erkenntnissen – «Man bricht eine Regel nicht, bevor man sie verstanden hat» oder «Man kann Misserfolg nicht ausschliessen. Aber man kann richtig damit umgehen» – steht da auch die kontroverse Aussage: «­Talent ist unbedeutend.»

Dominic Thiem schlug Nadal bereits dreimal. Das letzte Mal im Mai in Madrid. Video: Tamedia/AP

«Von Federer weiss ich, wie hart er arbeitet»

Für Bresnik ist Thiems Weg an die Spitze der beste Beleg dafür. Als er erstmals mit diesem gespielt habe, habe der nicht viel mehr Ballgefühl gehabt als die anderen Kinder und auch nicht schneller laufen oder höher springen können. Den Einwand, einer wie Roger ­Federer habe durchaus Talent auf seinen Weg mitbekommen, kontert Bresnik mit seiner Lieblingsepisode über den Baselbieter: «Es ist einer der grössten Trugschlüsse, zu glauben, Federer sei alles in den Schoss gefallen. Von ihm weiss ich definitiv, wie hart er arbeitet. Ihn kannte ich schon als Jugendlichen. Und ich war 2009 dabei, als er sich mit Stefan Koubek aufs French Open vorbereitete. Koubek war bekannt als einer der fittesten Spieler auf der Tour. Doch nach zwei Tagen sagte er zu mir: ‹Günter, das halte ich nicht aus. Entweder ­mache ich das Tennistraining oder das Fitnesstraining mit Federer mit. ­Beides geht nicht.›»

Wenn Thiem heute sagt, er habe mehr in seine Karriere investiert als «99 Prozent der anderen Spieler», dann hört man Bresnik sprechen. Und es fragt sich natürlich, wie eng man den Begriff­ ­«Talent» fasst. Stan Wawrinka pflegte zu sagen, es sei schon ­immer sein grösstes Talent gewesen, dass es ihm leichtgefallen sei, hart zu arbeiten.

Bresnik spricht in dieser Beziehung lieber von guten Eigenschaften. Zwei stächen bei Thiem hervor: seine Arbeitsbereitschaft und Belastungserträglichkeit. Letzteres ist sein Lieblingsbegriff. «Man kann jemanden nur durch ständige Belastung besser machen», sagt er. «Bei Dominic habe ich diese in vernünftigem Masse immer gesteigert. Er ist heute sehr belastbar.»

Wenn Bresnik etwas gar nicht mag, dann ist es die Kritik, sein Schützling spiele zu oft. «Wenn es etwa heisst, wie deppert es sei, in der Woche vor einem Grand Slam noch ein 250er-Turnier zu spielen.» Thiem siegte vor Paris in Lyon, nun steht er hier im Final. Noch Fragen? Je öfter man Athleten Widrigkeiten aussetze, desto besser gelänge es ihnen, diese zu überwinden, ist Bresnik überzeugt. So schreibt er in seinem Buch: «Ein Spieler, der sagt, er kann nur auf Platz 3 spielen, verbringt die nächsten Wochen garantiert auf Platz 4. Eine Turnierreise ist nur möglich, wenn der Papa dabei ist? Als Trainer verordne ich dem Papa für die nächsten drei Turniere Reiseverbot.»

Als Bresnik sagte: «Ab jetzt machen wirs gescheit»

So viel Schweiss Thiem über die Jahre vergoss, seine schwierigste Lektion begann mit elf, als er in ­seiner Altersklasse in Österreich unangefochten und bereits einer der besten Junioren Europas war. Sein Spiel zeichnete sich dadurch aus, dass er keine Fehler beging, vor allem nicht mit der doppelhändigen Rückhand. Mit den Worten «Ab jetzt machen wirs gescheit» stellte Bresnik sein Spiel komplett um: Er musste nun die Rückhand einhändig spielen und konsequent direkte Punkte anstreben. Winner schlagen, nicht auf Fehler warten.

Er verlor und verlor, auch gegen Spieler, die er zuvor locker geschlagen hatte, und es dauerte mehrere Jahre, bis er sein Spiel erfolgreich umgestellt hatte.

Heute drischt keiner mit einer solchen Wucht auf die Bälle ein wie Thiem. Nicht einmal Nadal. Das entspricht eigentlich nicht dem zurückhaltenden Naturell des Wieners. Dass diesem der «Killerinstinkt» fehle, wie das einst Peter Lundgren bei Wawrinka bemängelte, glaubt Bresnik indes nicht. «Er ist sehr nett. Aber auf dem Platz ist das kein Problem.» In ­gewissen Momenten fehle ihm ­einfach noch die Erfahrung.

Die Parallelen zu Wawrinka punkto Spiel und Entwicklung

Nicht nur Thiems Spiel, auch ­dessen Entwicklung, in kleinen Schritten, aber immer vorwärts, erinnert an Wawrinka. Bresnik sträubt sich nicht gegen den Vergleich, sagt aber: «Vom Erfolg her ist Wawrinka noch Lichtjahre entfernt. Der hat ja schon drei Grand-Slam-Turniere gewonnen. Körperlich wird Dominic Wawrinka ­immer ähnlicher, er ist auch sehr robust und ausdauernd.» Thiem sei als Spieler ein bisschen eleganter, habe die bessere Vorhand. «Aber die Rückhand von Wawrinka stelle ich über die von Dominic. Das ist für mich die beste ein­händige Rückhand im Tennis.»

Mit Bresnik könnte man stundenlang über diesen Sport diskutieren. Er hat als Quereinsteiger ­alles aufgesogen und musste sich die Akzeptanz hart erarbeiten. «Als ich mit Skoff begann, wurde ich als Koffer- und Taschenträger bezeichnet», sagt er. «Es hiess: Wie deppert kann ein Spieler sein, dass er sich jemanden aussucht, der nicht aus dem Sport kommt?»

Er habe schon oft mit anderen Trainern debattiert, die behaupteten, man würde zum Champion geboren. «Aber was für ein armes Würstel wäre ich als Trainer, wenn ich darauf angewiesen wäre, dass jemand zum Champion geboren wird?» Und dann wäre er ja nur der Schmarotzer, der von seinem Schützling profitieren würde.

«Ich sagte immer, ich möchte einmal einen Champion am Reissbrett konstruieren. Dass das so aufgeht, da gehört auch viel Glück dazu.» Er hält kurz inne und sagt mit einem Anflug von Selbstironie: «Dass das mit Dominic über 15 Jahre so hält, ist nicht nur meinen grossen Fähigkeiten ­geschuldet.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.06.2018, 12:55 Uhr

Günter Bresnik

Die Liebe zum Tennis entdeckte Günter Bresnik vor dem Fernseher, als er sich 1977 den Wimbledon-Halbfinal zwischen John McEnroe und Jimmy Connors ansah und fasziniert war vom Newcomer mit dem losen Mundwerk (McEnroe). Da er bereits 16 war, war es für Bresnik schon zu spät für eine Aktivkarriere. Aber der Österreicher wurde zu einem der profiliertesten Coaches, betreute vor Dominic Thiem unter anderem Boris Becker, ­Henri Leconte, Horst Skoff, Stefan Koubek und Jakob Hlasek. Letzteren bezeichnet er in seinem Buch («Die Dominic-Thiem-Methode»), das bald auch auf Englisch erscheint, als «kühlen Schweizer Pragmatiker». Bresnik betreibt in der Südstadt von Wien eine Tennisakademie. Er hat schon angekündigt, dass er nach Thiem keine weiteren Topspieler mehr coachen möchte. Er ist verheiratet und hat vier Töchter. (SG)

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