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Diese Fake News rund um Corona können Ihre Gesundheit gefährden

Verharmlosungen zu Covid-19 haben in den sozialen Medien Hochkonjunktur. Eine ehemalige Homöopathin warnt.

Medikamente gegen Covid-19 gibt es derzeit keine – das ist bittere Realität: Ein Corona-Patient auf einer Intensivstation in Brescia, Italien. Foto: Keystone
Medikamente gegen Covid-19 gibt es derzeit keine – das ist bittere Realität: Ein Corona-Patient auf einer Intensivstation in Brescia, Italien. Foto: Keystone

Die Corona-Pandemie hält die ganze Welt in Atem. Ärzte, Behörden und Betroffene warten sehnlichst auf Medikamente, die gegen Covid-19 helfen, oder gar auf eine Impfung, die prophylaktisch vor einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus schützt. Weltweit arbeiten daher Forscherinnen und Ärzte Tag und Nacht in ihren Labors fieberhaft daran, eben solche Arzneien oder Vakzine zu entwickeln.

Bereits laufen auch Dutzende von klinischen Versuchen, alle mit dem Ziel, möglichst rasch etwas Wirksames gegen das neue Coronavirus auf den Markt zu bringen. Bis ein probates Medikament in den Kliniken verfügbar sein wird, wird es allerdings vermutlich noch Monate dauern, bei einem Impfstoff wahrscheinlich noch länger.

Und solange weder Medikamente noch Impfstoffe einsatzbereit sind, bleibt die Situation angespannt, die Menschen verunsichert. Da verwundert es kaum, dass in sozialen Netzwerken Videos, Berichte oder Kettenbriefe von Quacksalbern, Naturheilpraktikern, Homöopathen oder sogar von Schulmedizinern, die angebliche Heilungen versprechen oder die Covid-19 fahrlässig verharmlosen, derzeit fleissig angeklickt und geteilt werden. Analog zur Corona-Ausbreitung könne man von einem «Superspreading» von medizinischen Fehlinformationen reden, schreibt der Skeptiker-Blog gwup.net.

Nichts anderes als eine Grippe «mit schönem Namen»

Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Chef der Weltgesundheitsorganisation, warnte daher schon vor einem Monat: «Wir bekämpfen nicht nur eine Pandemie, wir bekämpfen eine Infodemie.» Diese hat mittlerweile ein solches Ausmass angenommen, dass die deutsche Ärztin – ehemals Homöopathin und heute Homöopathie-Kritikerin – Natalie Grams das Robert-Koch-Institut und das deutsche Bundesgesundheitsministerium per Twitter aufforderte: «Bitte setzen Sie dem etwas entgegen, sie werden immer mehr zur allgemeinen Gefahr!»

In der Schweiz kursiert derzeit zum Beispiel ein Youtube-Video, in dem der Arzt Andres Bircher – notabene ein Enkel des Birchermüesli-Erfinders Maximilian Bircher-Benner – zu dem Coronavirus interviewt wird. Das sei nichts anderes als eine Grippe, halt «eine mit schönem Namen», verharmlost Bircher gleich zu Beginn des Interviews die vor allem für ältere Menschen lebensgefährliche Krankheit. Später darf er erzählen, was alles angeblich gegen Covid-19 helfen kann: heisse Bäder, hohe Vitamin-D-Dosen, Rohkost, und erstaunlich gut wirke auch das homöopathische Mittel Bryonia.

In höchstem Masse bedenklich seien solche Aussagen, kommentiert Natalie Grams. «Das sind meines Erachtens fatale Botschaften», sagt Grams, «gerade von einem Mediziner mit einem so renommierten Namen.»

In einem anderen Video, das derzeit viral geht, verharmlost Wolfgang Wodarg, ein deutscher Arzt und ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter, Covid-19 auf massive Art und Weise. Corona­viren würden schon seit langem unter Menschen zirkulieren, und Viren würden sich halt ständig verändern. Dass Sars-CoV-2 aber ein völlig neues Virus ist, das die Menschheit so noch nie gesehen hat und das deshalb vor allem für ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen lebensgefährlich ist, unterschlägt er einfach. Dafür geisselt Wodarg die «leichtfertigen und unberechtigten Quarantänemassnahmen und Verbotsregelungen» als eine «erhebliche Schädigung unserer Freiheits- und Persönlichkeitsrechte».

In der eigenen Partei, der SPD, stossen Wodargs Aussagen auf heftigen Widerstand. «Abwegig und wissenschaftlich nicht haltbar» nannte sie der SPD-Gesundheitspolitiker und Arzt Karl Lauterbach gegenüber der «Westdeutschen Zeitung». Gar als «grob fahrlässig» bezeichnete Bärbel Bas, die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, Wodargs Aussagen. Er trage dazu bei, «die Akzeptanz der notwendigen Massnahmen zu untergraben».

Neben Verharmlosern tummeln sich auch viele Scharlatane in den sozialen Medien, die angebliche Heilungen versprechen – mit teils abstrusen Methoden. So sollen Zwiebeln Viren aufsaugen und töten, wenn man sie angeschnitten in den Raum legt. Auch Be­richte, dass Knoblauch das Virus bremst, sind genauso Fake News wie Meldungen aus Indien, wonach Kuhdung heilsam sein soll.

Mit manchen Mitteln kann man sich ernsthaft verletzen

Richtig gefährlich kann es werden, wenn man falschen Versprechungen wie diesen aufsitzt: «CDL verbrennt das Coronavirus», behauptete etwa der Biophysiker Andreas Kalcker. CDL ist die Abkürzung für Chlordioxid, ein Bleichmittel, das auch unter dem Namen Miracle Mineral Solution (MMS) kursiert. Wenn nicht ausreichend verdünnt, kann CDL oder MMS bei der Einnahme zu Verätzungen führen. Das gleiche gilt für Wasserstoffperoxid (H2O2), das ebenfalls angeblich helfen soll. «In gesundheitlicher Hinsicht ist das alles höchst bedenklich», sagt Grams. Einzelne Videos, die CDL oder H2O2 anpreisen, wurden nun gelöscht, andere kursieren weiter.

Dann tauchen auch vereinzelt Websites von Homöopathen auf, die zum Beispiel hoch verdünntes Arsen als wirksames Mittel anpreisen oder gar Heilung versprechen. So behauptet die (nur für Mitglieder zugängliche) Seite homoeopathiewatchblog.de: «Bekannter Arzt für Homöopathie berichtet erstmals von erfolgreicher Behandlung eines Coronavirus-Falls durch Anwendung dreier Homöopathika.»

Von solchen Behauptungen distanzieren sich allerdings selbst die Berufsverbände der Homöopathen in Deutschland und in der Schweiz. So schreibt der Schweizerische Verein Homöopathischer Ärztinnen und Ärzte (SVHA): «Der SVHA distanziert sich hinsichtlich jeder Art von öffentlichen Empfehlungen für homöopathische Vorsorge- oder Therapie-Empfehlungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus.»

Was heisst das alles für den ängstlichen User, die verunsicherte Userin? «Im Moment kann man nicht kritisch genug sein», sagt Grams. «Im Zweifel sollte man sich auf die seriösen Medien und ­offizielle Plattformen wie die des Bundesamtes für Gesundheit ­verlassen.»

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