Sie machte die «Vogue» zur Bibel der Modebranche

Anna Wintour bleibt auch nach 30 Jahren Chefredaktorin der amerikanischen «Vogue». Zu Recht?

Verehrung und eine gute Portion Furcht: Anna Wintour. Bild: WireImage / Getty

Verehrung und eine gute Portion Furcht: Anna Wintour. Bild: WireImage / Getty

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Diesen Sommer war sich die Modewelt todsicher, dass es nun wirklich so weit sei. Dass die Tage von «Vogue»-Chefredaktorin Anna Wintour endgültig gezählt seien. Worauf das gründete und wer die viel zitierten «Stimmen» waren, weiss keiner – man spekuliert nicht namentlich über den Abgang einer «Nuclear Wintour», es wäre das eigene Ende. Jedenfalls schien es ausgemacht zu sein, dass Wintour noch die Septemberausgabe der amerikanischen «Vogue» vorlegen und dann ihren Abschied nehmen würde. Redaktionen in aller Welt bereiteten schon den Nachruf vor. Doch dann räumte Bob Sauerberg, Verlagschef von Condé Nast, das Szenario mit zwei Tweets ab. Wintour bleibe «auf unbegrenzte Zeit» Chefredaktorin der «Vogue». Ihr Einfluss sei «unvorstellbar».

Wintour, 68, ist seit 30 Jahren Chefredaktorin der US-Ausgabe und seit Sauerbergs Tweets nun auch die Karl Lagerfeld der «Vogue». Letzterer hat bei Chanel einen Vertrag auf Lebenszeit. Alles andere wäre auch galoppierender Wahnsinn gewesen. Die Modekritikerin Vanessa Friedman hat kürzlich den Versuch unternommen, sich die Mode ohne Anna Wintour auszumalen. Sie kam zum Schluss, dass es ein interessantes Gedankenexperiment, aber letztlich unvorstellbar sei. Der «New York Times»-Kolumnist David Carr hat einmal geschrieben: «Wintour hält nicht den Finger in den Wind, um Trends zu erspüren: Sie ist der Wind.» Das bringt es recht exakt auf den Punkt.

Wintour lässt sich Kollektionen vorlegen, die noch gar nicht fertig sind, und schlägt Änderungen vor.

Wintours Job erschöpft sich längst nicht darin, die vielen Hundert Kollektionen, die jede Saison über den Laufsteg gehen, zu kuratieren. Sie nimmt direkt Einfluss darauf, was dort zu sehen ist – und von wem. Wintour hat John Galliano zu Dior gebracht, Marc Jacobs zu Louis Vuitton, Alexander Wang zu Balenciaga. Sie lässt sich Kollektionen vorlegen, die noch gar nicht fertig sind, und schlägt Änderungen vor. Tatsächlich hat man Modechefinnen in Fashion Shows schon raunen hören: «Und hier kommen die Anna-Kleider.» Das war dann meistens eine Serie der bunten, duftigen Sommerkleider, die sie selbst so gern trägt.

Man macht keine Karriere, indem man nett ist

Klar, dass auch der Designer-Nachwuchs in ihrem Büro im One World Trade Center vorspricht, übrigens ein Raum von bedrohlichen Ausmassen. «Du läufst gefühlt einen Kilometer, bis du endlich an ihrem Schreibtisch angekommen bist», hat die frühere Kreativchefin Grace Coddington mal erzählt, «und ich bin sicher, das ist Absicht.» Von diesem Schreibtisch im 26. Stock aus hat Wintour nicht nur die Mode, sondern auch New York fest im Griff.

Die alljährliche Gala des Metropolitan Museum, das inzwischen einen ganzen Flügel nach ihr benannt hat, hat Wintour zu einer Art Superbowl der Mode hochgerüstet, neben dem sogar die Oscars blass aussehen. Sie bestimmt nicht nur, welche Stars eingeladen werden, sondern oft auch, welches Kleid sie tragen. Doch damit nicht genug: Wintour hat für Barack Obama wie für Hillary Clinton Wahlkampf gemacht. Und als sie im Vorfeld der diesjährigen Met-Gala unter dem Motto «Fashion and the Catholic Imagination» mit Vertretern des Vatikans verhandelte, tat sie das nach Ansicht vieler auf Augenhöhe.


Bilder: Die MET-Gala in New York


In der Branche schlägt ihr tatsächlich eine fast schon religiöse Verehrung entgegen, abgemischt mit einer guten Portion Furcht. Wintours Führungsstil ist berüchtigt. Man macht nun mal keine Karriere in der Mode, indem man nett zu Menschen ist. Nicht einmal «Der Teufel trägt Prada», der Schlüsselroman ihrer früheren Assistentin Lauren Weisberger, der ebendiesen Führungsstil enthüllte, hat ihr etwas anhaben können. Im Gegenteil: Spätestens die Verfilmung mit Meryl Streep im Jahr 2006 verlieh der Anna-Figur noch den letzten, den endgültigen Schliff. Wintour ist heute ähnlich wie Lagerfeld ihr eigenes Spitting Image, ein anhand der Chanel-Sonnenbrille und des seit ihrem 14. Lebensjahr festbetonierten Bob für jedermann lesbares Schriftzeichen der Popkultur – und sie ist gleichbedeutend mit «Vogue».

Das Heft ist journalistisch unbedeutend, huldigt einem fragwürdigen Körperbild, bildet nur wenige Ethnien ab und wird fast ausschliesslich von Weissen regiert.

Man muss es sich im Rückblick auf der Zunge zergehen lassen, dass ihr allererstes Cover im November 1988 eine 50-Dollar-Jeans von Guess zierte. Gut, darüber trug das Model Michaela Bercu ein 10'000-Dollar-Oberteil von Christian Lacroix. Aber eine Billigjeans auf dem Titelblatt von «Vogue»? Das war damals undenkbar – und wäre es heute wieder. So handelte die frühe Anna Wintour, sie brachte frischen Wind. Den Cover-Shoot verlegte sie vom Studio ins Freie, die Kamera rückte sie weiter weg, sodass man mehr vom Körper sah. Sie begriff früher als andere, dass es dort draussen inzwischen eine Menge Frauen gab, die ihr eigenes Geld verdienten und Lust hatten, es auszugeben. Wintour war auch die Erste, die Celebrities aufs Cover hob. Madonna eröffnete den Reigen im Mai 1989, nur mit einem Badeanzug bekleidet.

Wintours US-«Vogue» ist ein manikürter Kosmos

Heute ist «Vogue» die sprichwörtliche Bibel der Modebranche, mit der US-Ausgabe als Evangelium. Ihre aktuelle Auflage liegt bei 1,2 Millionen verkauften Exemplaren, und obwohl auch der Verlag Condé Nast längst sparen muss, das Flaggschiff blieb stets unangetastet. Dass es vogue.com gibt, eine gut geklickte Website, und teenvogue.com als saftigen Einstiegsköder, dass alle Social-Media-Kanäle routiniert beliefert werden, ist ebenfalls Wintours Verdienst. Die US-«Vogue» allerdings ist unter ihrer Ägide ein manikürter Kosmos geworden, in den sich kaum mehr ein Fitzelchen Realität verirrt. Das Heft ist journalistisch unbedeutend, huldigt einem fragwürdigen Körperbild, bildet nur wenige Ethnien ab und wird fast ausschliesslich von Weissen regiert. Es war nie glamouröser und einflussreicher als heute, und es war niemals weniger aufregend. Nur so lässt es sich erklären, dass sehr viele Menschen das Undenkbare für möglich hielten: die Abdankung der Königin nach 30 Jahren Regentschaft.

Was bedeutet das für Anna Wintour? Sagen wir, sie kommt diesmal mit doch leicht zerzaustem Bob aus der Sache heraus. Aber da sie der Wind ist, wird sie ihn schon wieder glattpusten.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 12. August 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.08.2018, 16:41 Uhr

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