Die nächste Bankenkrise kommt bestimmt 

Die Dauertiefzinsen lassen die Verschuldung auf ein besorgniserregendes Niveau steigen.

Die 2008er-Krise auf einen simplen Nenner gebracht: Banken verpackten schlechte Hypothekarkredite zusammen mit guten Risiken in Wertpapiere – das Kartenhaus brach zusammen. Bild: Keystone

Die 2008er-Krise auf einen simplen Nenner gebracht: Banken verpackten schlechte Hypothekarkredite zusammen mit guten Risiken in Wertpapiere – das Kartenhaus brach zusammen. Bild: Keystone

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Die Zahl ist beeindruckend: Zwischen 1970 und 2011 gab es 147 Bankenkrisen. Das hat der Internationale Währungsfonds ermittelt. Die schlimmste war ohne Zweifel jene aus dem Jahr 2008, als Lehman Brothers zusammenbrach und die UBS der Pleite nur durch Staatshilfe entkam.

Zehn Jahre später stellt sich die Frage: Wann und wie kommt Bankenkrise Nummer 148? Und wie gefährlich wird sie sein? Mündet sie wieder in einer globalen Rezession? «Eine neue Krise wird vermutlich nicht von den Banken ausgehen, aber es wird eine neue Krise geben, da wir die Ursachen der 2008er-Krise nicht wirklich angegangen sind, ebenso wenig wie die Verschuldung», warnt Leonhard Fischer, der früher die Winterthur-Versicherung und die Bank BHF Kleinwort Benson geleitet hat.

Die Verschuldung ist höher als am Ende des Krisenjahrs 2007

Auf einen ganz simplen Nenner gebracht, lag die Ursache der Krise 2008 in einer zu hohen Verschuldung der US-Haushalte. Erschwerend kam hinzu, dass die Risiken daraus mittels Finanzinnovationen verschleiert worden waren. So verpackten Banken schlechte Hypothekarkredite zusammen mit guten Risiken in Wertpapiere. Die Ratingagenturen vergaben dazu noch Top-Noten. Damit galten die Papiere als sicher und wurden an Investoren in der ganzen Welt verkauft. Als das Kartenhaus zusammenbrach, wusste niemand mehr, wo die Verlustrisiken lagen.

Eine Folge der Krise war eine gigantische Regulierungswelle für den Finanzsektor. So müssen heute Banken deutlich mehr Eigenkapital und Liquidität halten und Notfallpläne für ihre Abwicklung ausarbeiten. Die UBS hat zum Beispiel ihre Bilanz mehr als halbiert. Auch die internationale Zusammenarbeit und die Macht der Aufsichtsbehörden wurden gestärkt.

«Das hat dazu geführt, dass das Investmentbanking kaum mehr mit dem Geschäft vor 2008 verglichen werden kann», sagt Oswald Grübel, Ex-Chef der UBS und der ­Credit Suisse. Die Banken seien daher weniger risikobehaftet, aber auch weniger rentabel.

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Claudio Borio, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, warnt: Um eine neue Weltkrise zu vermeiden, reiche eine strengere Bankenregulierung allein nicht aus. «Dazu bedarf es eines breiteren Ansatzes, der auch Geld-, Fiskal- und sogar Strukturpolitik umfasst.» Und auf diesem Gebiet sei zu wenig passiert.

So könnten zum Beispiel Anreize zur Schuldenaufnahme reduziert werden, etwa indem das Steuerrecht Unternehmensfinanzierung via Kredite nicht länger bevorzugt im Vergleich zur Eigenkapitalfinanzierung, etwa über Aktien. Borio zählt seit Jahren zu jenen Mahnern, welche die Politik auffordern, den Finanzzyklus aus Boom und Crash zu zügeln.

Die Zeit drängt: Längst hängt die Weltwirtschaft wieder am süssen Gift der Verschuldung wie ein Junkie an der Nadel. Am Ende des Krisenjahres 2007 machte die Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Haushalten zusammen 179 Prozent der Weltwirtschaftsleistung aus. Ende vergangenen Jahres hat das Schuldenniveau 217 Prozent erreicht, wie Daten der BIZ zeigten. Treiber sind diesmal nicht die Haushalte, sondern vor allem Staaten und Unternehmen.

«Die wirtschaftliche Erholung hat bei vielen Regierungen die Anreize geschwächt, nötige Strukturreformen anzupacken», analysiert Claudio Borio, BIZ-Ökonom

Die Schweiz bildet hier keine Ausnahme: Seit 2007 ist die private Verschuldung um rund 40 Prozent gestiegen, vor allem befeuert durch Hypothekardarlehen. Sie allein machen bereits über 140 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung aus und summieren sich auf rund 1000 Milliarden Franken. Laut der Schweizerischen Nationalbank weisen drei Viertel der Hypotheken eine Laufzeit von unter fünf Jahren aus. Womit die Schuldner in Schwierigkeiten geraten könnten, sollten die Zinsen einmal steigen.

Allerdings ist davon bisher nichts zu sehen. Ex-Bank-Chef Fischer sorgt sich daher, dass die Dauertiefzinsen den Boden für die nächste Krise legen. «Warum erhöhen denn die Notenbanken nicht die Zinsen? Weil sie dann niemand mehr bezahlen kann», stellt er fest.

Mit ihrem Eingreifen verhinderten die Notenbanken zwar, dass die Krise vor zehn Jahren noch länger und noch schlimmer wurde. Doch nun sind sie Geiseln ihrer eigenen Politik geworden. «Die wirtschaftliche Erholung hat bei vielen Regierungen die Anreize geschwächt, nötige Strukturreformen anzupacken», analysiert BIZ-Ökonom Borio.

Der Anteil der Problemkredite ist in Italien gestiegen

Besonders kritisch ist es, wenn sich Schuldner in Fremdwährungen verschulden und dann durch die Abwertung der Heimatwährung unter Druck geraten. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat sich die Verschuldung von Nicht-Banken, die in Dollar aufgenommen wurde, in Schwellenländern seit dem Jahr 2008 verdoppelt auf zuletzt 3,7 Billionen Dollar. Da die USA jüngst die Leitzinsen erhöhten und Investoren in der Folge ihre Gelder umschichteten, steigt der Dollar und bringt damit Schuldner in Ländern wie Argentinien und der Türkei unter Druck.

Auf die Frage, wo der nächste Krisenherd liegen könnte, weist Ex-UBS-Chef Grübel auch Richtung Italien: «Trotz eines Jahrzehnts mit tiefsten Zinsen ist das Problem der notleidenden Kredite dort nicht kleiner, sondern grösser geworden.» 2008 war der Anteil der Problemkredite bei rund 6 Prozent, zuletzt waren es rund 15 Prozent.

Aus Sorge, die Koalitionsregierung aus Lega und Cinque Stelle könnte die Haushaltsdisziplin des hoch verschuldeten Landes sausen lassen, musste Italien jüngst bei der Ausgabe einer neuen 10-jährigen Staatsanleihe 3,25 Prozent Zinsen zahlen, so viel wie seit 2014 nicht mehr.

«Wir werden Krisen nie ganz verhindern können.»Claudio Borio

Das ist gut für die Anleger, aber schlecht für den italienischen Staat. In der Schweiz ist es gerade andersherum: Mit Anleihen des Bundes erwirtschaften Anleger wegen der Negativzinsen Verlust.

Auch China wird als Risikofaktor genannt. Dort ist die Verschuldung von Staat und Privatsektor mittlerweile auf 300 Prozent der Wirtschaftsleistung angeschwollen. Wann aber genau die Bankenkrise Nummer 148 kommen wird, weiss niemand.

«Wir werden Krisen nie ganz verhindern können», sagt daher Claudio Borio von der BIZ, «aber wir können ihre Häufigkeit und ihre Kosten verringern.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2018, 00:03 Uhr

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