Neue Hoffnung im Kampf gegen Migräne

Es blockiert die Schmerzen im Kopf auf neue Art und wird gespritzt. Das Medikament ist jedoch teuer.

Migräne ist eine Fehl- oder Überfunktion der zentralen Schmerzverarbeitung im Hirn: Eine Frau leidet an Kopfschmerzen. Foto: Plainpicture

Migräne ist eine Fehl- oder Überfunktion der zentralen Schmerzverarbeitung im Hirn: Eine Frau leidet an Kopfschmerzen. Foto: Plainpicture

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Die Hoffnungen sind gross. Letzte Woche hat die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA ein Migräne-Medikament von Novartis zugelassen, auf das viele Betrof­fene sehnsüchtig warten. Auch in der Schweiz soll Aimovig in den nächsten Monaten auf den Markt kommen. Wann genau, steht noch nicht fest. Aimovig ist die erste Substanz, die spezifisch bei der Vorbeugung von Migräne helfen soll. Bisher müssen sich Betroffene mit Medikamenten behelfen, die Forscher ursprünglich für andere Krankheitsbilder entwickelt haben.

Migräne ist eine weitverbrei­tete Krankheit. Allein in der Schweiz leidet rund eine Million Menschen mehr oder weniger ­häufig an den pulsierenden Kopfschmerzen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Migräne als eine der am meisten einschränkenden Erkrankungen weltweit klassifiziert. Früher als psychisches Leiden abgetan, weiss man heute, dass Migräne eine neurologische Erkrankung mit ­genetischen Ursachen ist. Es ist eine Fehl- und Überfunktion der zentralen Schmerzverarbeitung im Hirn.

Übertragung von Schmerzreizen wird unterbunden

Die Wirkweise von Aimovig ist neu. Das Medikament, ein Antikörper, wirkt gegen ein körpereigenes Eiweiss, das bei der ­Entstehung der Migräneschmerzen eine wichtige Rolle spielt. Schon vor über zehn Jahren konnten Forscher bei Patienten während einer Migräneattacke erhöhte Spiegel des Eiweisses CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) nachweisen. Dieses «Neuropeptid» ist unter anderem an der Übertragung von Schmerzreizen beteiligt.

Aimovig greift in diesen Prozess ein. CGRP muss im Nervensystem an einen Rezeptor andocken, um die Schmerzsignale weiterzuleiten. Das verhindert das neue Medikament. Es blockiert die Andockstellen und unterbricht so die Schmerzkaskade.

Über Langzeiteffekte weiss man noch nichts

In den Zulassungsstudien hat der Antikörper gut abgeschnitten. Er reduzierte die Anzahl der monatlichen Migränetage bei den Betroffenen teilweise um mehr als die Hälfte. Sogar Patienten, die bisher nicht auf vorbeugende Massnahmen angesprochen hatten, erreichten eine Besserung. Erstaunlich ist auch, dass Erenumab – so der Name des Wirkstoffs – für nur wenig Nebenwirkungen sorgt. In der Placebogruppe kam es zu mehr Nebenwirkungen als in der Gruppe, die das Medikament erhielt. Als unerwünschten Effekt meldeten rund zwei Prozent der Testpersonen einzig «Verstopfung».

Allerdings weiss man noch nichts über die Langzeiteffekte. Länger als zwei Jahre hat noch niemand die Substanz angewendet. Immerhin kommt CGRP auch an anderen Stellen im Körper vor, und es scheint erstaunlich, dass ein Blockieren des Rezeptors deshalb kaum weitere Folgen zeigen soll. «Es gibt Vermutungen, dass andere Botenstoffe in die Bresche springen und den Mangel ausgleichen», sagt Migräne-Spezialist Andreas Gantenbein, Präsident der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft und Chefarzt Neurologie an der ­RehaClinic Bad Zurzach.

Ein paar hundert Franken pro Monat

Trotzdem sind auch die Experten vorsichtig, was mögliche Langzeitfolgen angeht. Gleichzeitig wissen sie, wie hoch der Leidensdruck bei den Betroffenen teilweise ist, sodass die meisten diesen unbekannten Faktor in Kauf nehmen. «Mich fragen die Patienten schon seit Monaten nach den neuen Medikamenten», sagt Reto Agosti, Migräne-Spezialist, Neurologe und Leiter der Kopfwehsprechstunde an der Klinik Hirslanden Zürich.

Eine grosse Hürde werden die Kosten sein. Aimovig ist, wie bisher alle Antikörper, ein teures Medikament. Für die Schweiz laufen die Preisverhandlungen zwischen dem Hersteller Novartis und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) noch. Aus diesem Grund möchte niemand Stellung nehmen. Damit ein Medikament vergütet wird, muss es in die Spezialitätenliste aufgenommen werden. Die Ärzte vermuten allerdings, dass der Preis ähnlich ausfallen wird wie in den USA. Dort soll Aimovig jährlich 6900 Dollar kosten oder 575 Dollar pro Monat.

Die Zahl der Arbeitsausfälle würde reduziert

Wegen des hohen Preises wird es wohl Auflagen geben, wer die Substanz, die man spritzen muss, verschrieben bekommt. Gantenbein und Agosti vermuten, dass die Krankenkassen das Medikament nur Patienten vergüten werden, die bereits mehrere Prophylaxe-Methoden erfolglos ausprobiert haben. Gleichzeitig, so argumentieren beide Neurologen, müsse man aber auch den volkswirtschaftlichen Schaden, den die Migräne bereits heute anrichtet, in der Rechnung berücksichtigen.

Sind die Anfälle heftig, fallen Betroffene wiederholt tageweise aus. Experten schätzen, dass die Migräne allein in der Schweiz jährlich direkte und indirekte Kosten in der Höhe von rund 600 Millionen Franken verursacht. Die Behandlungen machen dabei nur rund 15 Prozent der Kosten aus. Weitaus teurer sind die Arbeitsausfälle oder die nicht ganz leistungsfähigen Mitarbeiter, die trotz Migräne arbeiten, weil nur wenige Arbeitnehmer die häufigen Ausfälle tolerieren würden.

Schmerzmittelkonsum kann zu Kopfweh führen

Doch auch die ­Akutmedikamente, die heute zur Verfügung stehen, sind nicht günstig. Weniger ­Migränetage dank funktionierender Prophylaxe würde deshalb auch Einsparungen bringen. Die ­Triptane, die vielen Migräne­geplagten über die schlimmsten Stunden oder Tage helfen, kosten 5 bis 15 Franken pro Tablette. Sie helfen jedoch nur rund 60 bis 70 Prozent der Patienten.

Die Zahlen sind nicht eindeutig, weil die Ärzte annehmen, dass nicht alle Betroffenen die Trip­tane richtig anwenden. Migräniker sollten sie eigentlich bei den ersten Anzeichen einnehmen. Doch viele versuchen, den Tablettenkonsum zu reduzieren, und warten lieber erst einmal ab, da sie sich vor medikamenteninduzierten Kopfschmerzen fürchten. Wer zu häufig, also an mehr als zehn Tagen pro Monat, Triptane oder Schmerzmittel einnimmt, der kann von den Medikamenten chronische Kopfschmerzen bekommen.

Neben Novartis kommen in den nächste Monaten auch andere Hersteller mit ähnlichen Präparaten auf den Markt, die in Studien auch gute Resultate zeigten. Betroffene haben also schon bald noch mehr Auswahl bei den Prophylaxemitteln. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.05.2018, 08:55 Uhr

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So beugen Sie Migräne vor

Für Menschen, die an Migräne leiden, gibt es bereits heute verschiedene Möglichkeiten, den Attacken vorzubeugen. Allerdings existiert kein Allheilmittel, das die Schmerzperioden zuverlässig bei einem Grossteil der Patienten verhindern könnte.
Alle Präparate, auf die Ärzte bis anhin bei der Vorbeugung setzten, sind eigentlich in anderen Zusammenhängen entwickelt worden und führen bei einem Teil der Betroffenen zu mehr oder weniger starken Nebenwirkungen:

Vitamine und Spurenelemente

Gut akzeptiert sind Vitamine und Spurenelemente. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Magnesium, Vitamin B2 (Riboflavin) und das Coenzym Q10 vorbeugend wirken können. Magnesium kann bei hoch dosierter Einnahme bei manchen Betroffenen zu Durchfall führen.

Betablocker

Auch Betablocker, eigentlich Medikamente gegen Bluthochdruck, kommen in der Prophylaxe zum Einsatz. Allerdings haben gerade jüngere Frauen, die statistisch gesehen am häufigsten an Migräne leiden, dann Probleme mit einem zu tiefen Blutdruck.

Antidepressiva

Medikamente gegen Depressionen können manchen Patienten helfen. Doch auch sie haben, je nach Präparat und Mensch, Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder Verlust der Libido.

Antiepileptika

Ärzte verschreiben zur Migräneprophylaxe sogar Medikamente gegen epileptische Anfälle. Sie können zu kognitiven Problemen führen und die Vergesslichkeit steigern.

Botox

Das Antifaltenmittel Botox wird auch in der Migräneprophy­laxe eingesetzt. Die Ärzte spritzen es an 35 Stellen im Nacken und am Kopf. Bei manchen hilft es, bei anderen nicht.

Geregelte Lebensweise

Neben den Medikamenten spielt auch der Lebensstil eine Rolle. Für alle Partyliebhaber sind das eher schlechte Nachrichten: Verhindern lässt sich die Migräne am ehesten mit einem vernünftigen, geregelten, sprich für manche eher langweiligen ­Lebensstil. Experten empfehlen regelmässige Schlafenszeiten, regelmässige Mahlzeiten, wenig Alkohol und viel Bewegung. Gezeigt hat sich in verschiedenen Studien, dass Ausdauersport eine Besserung der Symptome bringen kann.

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