Zum Hauptinhalt springen

Die Laufmaschen im Alltagsgewebe

Warum einen die Menschen, die man am meisten liebt, am meisten auf die Palme bringen.

Schauspieler gelten als besonders extrovertiert. Das muss so sein, denn wie könnten sie sonst jeden Abend vor Hunderten von Menschen auf der Bühne stehen? Meist aber endet die Extrovertierheit, wenn das zweite oder dritte Entspannungsbier nach der Vorstellung getrunken ist. Man könnte sogar ­sagen: Umso introvertierter ein Künstler in der Wirklichkeit, umso extrovertierter ist er vor Publikum.

Ein bekanntes Theaterproblem: Die sensibelsten Menschen verwandeln sich, sobald die Scheinwerfer angehen, zu mehr oder weniger eindimensionalen Schreimaschinen. Der Grossteil meiner Proben besteht deshalb aus Locke­­­rungsübungen. Wir reisen, wir treffen alle möglichen Leute, und die Schauspieler berichten von ihren Absonderlichkeiten und Obsessionen. Ziel meiner – falls man das so nennen kann – Methode ist es, Bühnen- und Alltagsperson zur ­Deckung zu bringen.

So erfährt man oft das Absonderlichste voneinander. Gestern überreichte mir eine Schauspielerin, mit der ich gerade an meinem neuen Stück «Der Genter Altar» arbeite, eine Liste mit 42 Punkten. Es ist eine über die Jahrzehnte entstandene Auflistung von Dingen, die sie unerträglich findet. Dazu gehören eine bestimmte Art ihres Bruders, die Gabel zu halten, ein «klickendes» Geräusch, das ihr Vater beim Schlucken macht, die unbewusste Unart ihres Ehemanns, bei Tisch mit dem Fuss zu wippen – immer mit dem rechten Fuss, und immer genau einmal, mit langen Pausen, wie jemand, der im Schlaf zuckt.

«Das Verwirrende an den Menschen, die wir lieben ist, dass sie sich nicht ändern können.»

Harold Brodkey

Also alles alltägliche Dinge, die gerade deshalb besonders entnervend sind, weil sie unbewusst geschehen. Es sind die Laufmaschen im Gewebe des Alltags, die sich – Höhepunkt des Perfiden – natürlich ständig wiederholen. Und natürlich sind es die Menschen, die man am meisten liebt, die einen am effektivsten auf die Palme bringen. Denn wie der grosse Schriftsteller Harold Brodkey einmal gesagt hat: Das Verwirrende an den Menschen, die wir lieben ist, dass sie sich nicht ändern können.

Was mich angeht, so habe ich ­wenige, dafür extrem ausgeprägte Aversionen im Bereich der Mikro-Gestik. Ich hasse, wie wohl jeder, neurotisches Räuspern und Hüsteln. Ich mag es nicht, wenn Leute sich den Teller zurechtdrehen, bevor sie essen. Geradezu persönlich nehme ich die Art und Weise, wie einige – zum Beispiel Mitreisende im Zug – ihre Laptop-Tastatur traktieren. Zur Weissglut bringen mich dabei die kleinen Trommelwirbel, die jeweils ein oder zwei Wörter umfassen und im aggressiven Anschlagen der Leertaste enden: ein Lärm, der auf mich wie eine Beleidigung wirkt. Natürlich sind das alles Dinge, die ich selbst mache: neurotisch hüsteln, auf die Tastatur trommeln, laut schlucken. Es bleibt mir, als Regisseur, nichts anderes übrig, als dieses wundersame Gewebe aus Klarheit und Körperlichkeit, aus Entnervtheit und Verzeihen auf die Bühne zu bringen – so, wie es ist.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch