Die junge Wilde

Klein, chaotisch, unfertig und immer wieder überraschend: Pristina im Kosovo, Europas jüngste Hauptstadt.

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Pristina ist der Teenager unter den europäischen Städten. Erst seit zehn Jahren eine Hauptstadt, ist sie erfrischend anders. Unfertig, ungestüm und allen Widrigkeiten zum Trotz voller Hoffnung. Das liegt vor allem an der Bevölkerung. Fast die Hälfte der 1,8 Millionen Einwohner des Kosovo ist unter 25 Jahre alt. Das fällt an diesem sonnig warmen Frühlingstag überall auf.

In Grüppchen schlendern junge Frauen über den Mutter-Teresa-Boulevard, Kinder jagen mit Zuckerwatte in der Hand Tauben hinterher, und Cliquen treffen sich in Cafés. 50 Cent kostet ein Espresso. Er schmeckt so gut, dass ihn kein italienischer Barista besser zubereiten könnte. «Manchmal sitzen wir den ganzen Nachmittag hier», sagt Elbona, die junge Reiseleiterin, in akzentfreiem Deutsch. Wie viele Landsleute war sie mit ihrer Familie nach Mitteleuropa geflüchtet, um dem Krieg zu entkommen, und kehrte danach in die Heimat zurück. Aus Deutschland mitgebracht hat sie neben der Sprache vor allem den Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Daher sind die Cafés mehr als nur Treffpunkte. Sie dienen den jungen Leuten auch als Büro und externe Wohnstube. Alle bieten WLAN und sind dadurch das Tor zur Welt.

Denn bis heute steht den Kosovaren nur der Weg nach Osten offen. Visumsfrei können sie lediglich in die Nachbarländer oder in die Türkei einreisen. Dabei orientieren sich die Menschen nicht an der Grossmacht am Bosporus. Unter den Kosovo-Albanern spielt die Religion keine politische Rolle.

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Die meisten sind Muslime, aber Kopftücher sieht man kaum. Stattdessen prägen Hornbrillen, Mom-Jeans und roter Lippenstift das Strassenbild. Auffallend modisch sind viele gekleidet – obwohl man internationale Modeketten vergebens sucht. Einzig Zara-Kleider der letzten Saison werden in einem Laden in der Nähe der Flaniermeile verkauft. Zum Shoppen fährt die junge Generation zwei Autostunden nach Skopje in Mazedonien.

Alte Moscheen neben Bauten aus dem Sozialismus

So klein die Hauptstadt des Kosovo mit 200'000 Einwohnern ist, so verschiedenartig sind die Sehenswürdigkeiten. Am auffälligsten ist die 1982 eröffnete Nationalbibliothek. Ein Bau mit 99 Kuppeln, von denen die einen sagen, sie seien der traditionellen albanischen Kopfbedeckung «Plis» nachempfunden, die anderen, den Kuppeln der Moscheen. Im Gegensatz dazu steht unscheinbar am Eingang zur Altstadt die Çarshi-Moschee aus dem 13. Jahrhundert. Und am Ende der Fussgängerzone erzählt das Grand Hotel Pristina von der kommunistischen Vergangenheit. Das Symbol jugoslawischer Moderne zerbröselt. Noch intakt aus den Hochzeiten des Sozialismus ist dagegen der Jugendpalast. Der gigantische Betonbau mit Eisenstäben, die wie Speerspitzen in den Himmel ragen, ist Mehrzweckhalle, Einkaufszentrum und Nachtclub in einem.

Als inoffizielles Wahrzeichen gilt die riesige Skulptur davor. Das Werk des Künstlers Fisnik Ismaili zeigt das englische Wort «Newborn». Ismaili hat es am 17. Februar 2008, dem Tag der kosovarischen Unabhängigkeitserklärung, als Symbol für einen Neuanfang aufgestellt. Doch auch zehn Jahre nach der Proklamation der Republik kämpft das Land mit den alten Problemen: Korruption, Intrigen, Arbeitslosigkeit.

UCK-Heroen unterwegs im Geländewagen

Die ehemaligen Befehlshaber der kosovarischen Befreiungsarmee UCK haben sich fast alle Ressourcen unter den Nagel gerissen, infiltrierten die Verwaltung und betreiben ein umfassendes Klientelsystem. Die UCK-Heroen brausen in Geländewagen mit getönten Scheiben umher und verbringen ihre Ferien in St. Moritz. Im krassen Gegensatz dazu beträgt der Durchschnittslohn der Bevölkerung 300 Euro im Monat.

Der Kosovo ist nicht nur das jüngste, sondern hinter Moldawien und der Ukraine auch das drittärmste Land Europas. Ohne die «Schatzis» würde das Land kollabieren. So werden Auslandkosovaren genannt, die im Sommer zu Hunderttausenden in die alte Heimat strömen, um ihre Familie zu sehen und das erarbeitete Geld auszugeben. Allein 2016 haben 200'000 Kosovo-Schweizer – nach offiziellen Angaben – 175 Millionen Franken überwiesen. Die Diaspora ist das wirtschaftliche Rückgrat des Landes.

Überhaupt hat man das Gefühl, der Kosovo sei der siebenundzwanzigste Kanton der Schweiz. Ein Mobilanbieter heisst Migros, eine Luxusherberge Swiss Diamond Hotel, und eine Tankstellenkette trägt den Namen Swiss Oil; ein Lastwagen fährt mit der Aufschrift Landi Fraubrunnen vorbei, und neben dem Doppeladler weht schon mal ein Schweizer Kreuz.

Vom Sockel winkt Bill Clinton dem Nationalheld zu

Manche bezeichnen Pristina als hässliche Stadt. Die Metropole ist tatsächlich chaotisch. Sie droht, im Verkehr der neuen Autos zu ersticken, und zigtausend Verstösse gegen die Baugesetze haben Spuren hinterlassen. Doch das Kunterbunt hat seinen Reiz. Hier sitzt der albanische Nationalheld Skanderbeg aus dem 15. Jahrhundert hoch zu Ross mit Schwert, und nur ein paar Hundert Meter entfernt thront Bill Clinton als Statue auf einem Marmorsockel und winkt in die Menge. Er hatte mit dem Befehl zur Bombardierung Belgrads den drohenden Genozid gestoppt.

Fast 19 Jahre nach dem Krieg sind noch immer Nato-Truppen im Land stationiert. Die Zukunft der fragilen Republik ist keineswegs sicher. Doch es besteht Hoffnung. Ein Sondertribunal mit Sitz in Den Haag könnte die UCK-Rebellenführer wegen Kriegsverbrechen anklagen. Der Weg wäre dann frei für eine neue Generation, die bereits heute beharrlich für ihre Zukunft kämpft.

Wie Milot Berisha: Archäologe, braun gebrannt und mit Ray-Ban-Sonnenbrille. Er studierte in England und hätte überall auf der Welt arbeiten können. Stattdessen legt er Tag für Tag mit seinem Team einen weiteren Teil der römischen Stadtanlage Ulpiana frei, vor 2000 Jahren ein Handelszentrum für Edelmetalle, 120 Hektaren gross. Berisha sagt: «Wir sind nicht alle Drogendealer und Autodiebe.» Und hofft, dass Ulpiana irgendwann von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt wird und mehr Touristen ins Land lockt. «Der Kosovo ist sicher, und Pristina bietet eines der besten Nachtleben», ruft er uns zum Abschied hinterher.

Die Reise wurde unterstützt von Air Prishtina (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.06.2018, 15:11 Uhr

Tipps für Pristina

Anreise: Direktflüge ab Zürich, Basel und Genf nach Pristina sind über Air Prishtina buchbar.
www.airprishtina.com
Reiseveranstalter: Das Schweizer Reisebüro Air Prishtina gilt unter Kosovaren als «Brücke zur Heimat». Ab September organisiert es neu professionell geführte Rundreisen. Drei Nächte mit Flug, Übernachtung im Fünfsternhotel, deutschsprachiger Reiseleitung sowie allen Transfers und Mahlzeiten ab 862 Fr. p. P.,
Tel 044 221 19 17; www.airprishtina.com
Unterkunft: Diverse Hotels in allen Preisklassen.
Gehobener Standard:
– Emerald Hotel; www.emeraldhotel.info,
– Swiss Diamond Hotel; www.sdhprishtina.com
Restaurants: Besonders empfehlenswert sind die Soma Book Station, Tiffany oder Kafja e Vogël.
Einreise: Schweizer benötigen einen gültigen Pass. Die ID wird nicht akzeptiert.
Währung: Bezahlt wird mit Euro.
Beste Reisezeit: Mai bis Oktober.
Allgemeine Infos: www.kosovo-info.com

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