Die Gefahren des Medizintourismus

Dank Banken und Spitälern, die ihre Kunden nicht genau überprüfen, können Jihadisten Schweizer Luxuskliniken in Anspruch nehmen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Medizintourismus ist eine traditionsreiche und wachsende Branche. Auch Patienten aus Libyen schätzen die Qualität der Schweizer Spitäler seit langem. So reiste vor bald zehn Jahren der Sohn des damaligen Diktators Muammar al-Ghadhafi nach Genf. Seine Frau sollte ihr Kind hier in einer Luxusklinik zur Welt bringen. Zwei Hausangestellte nutzten die Gelegenheit und zeigten das Ehepaar wegen Misshandlung an. Die Polizei verhaftete den Diktatorensohn und löste damit im Juli 2008 die Libyen-Affäre aus.

Der Diktator nahm Schweizer Ingenieure in Tripolis als Geiseln und stellte an die Generalversammlung der UNO den Antrag, die Schweiz sei aufzulösen und unter den Nachbarländern aufzuteilen. Nach fast zwei Jahren durfte die letzte Geisel ausreisen. Die Geschäftsprüfungskommission des Ständerats kritisierte das Verhalten des Bundesrats in der Libyen-Krise scharf. In einem Klima des Misstrauens seien Einzelkämpfer am Werk gewesen. Schlecht weg kamen der damalige Bundespräsident Hans-Rudolf Merz, der im August 2009 für ein Abkommen nach Tripolis gereist war, sowie Aussenministerin Micheline Calmy-Rey und Verteidigungsminister Ueli Maurer, die ohne Rücksprache mit dem Gesamtbundesrat geheime Pläne zur Befreiung der Geiseln vorbereitet hatten.

Wie Recherchen zeigen, kamen nach dem Sturz des Diktators womöglich erneut schwierige Patienten zur Behandlung aus Libyen in die Schweiz: Jetzt sind es Jihadisten, die den Schweizer Medizintourismus zu schätzen wissen. Dank Anwaltskanzleien, Banken und Spitälern, die ihre Kunden nicht allzu genau unter die Lupe nehmen, können sie ungestört die Dienste von Schweizer Luxuskliniken in Anspruch nehmen. Hoffen wir, dass die Behörden in der neuen Libyen-Affäre klüger vorgehen als vor zehn Jahren. Der Vorgang zeigt, dass die vom Bundesrat kürzlich vorgeschlagene Verschärfung der Anti-Geldwäsche-Regeln dringlich ist. Sie dehnt die Sorgfaltspflichten auf gewisse Tätigkeiten von Anwälten und Beratern aus und erschwert es diesen, Briefkastenfirmen für heikle Kunden mit dubiosen Geschäften zu unterhalten. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.06.2018, 22:52 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer Banken und Spitäler sind offen für Libyens Jihadisten

SonntagsZeitung Extremisten nutzen Genolier und Hirslanden für ihre Patienten und renommierte Anwaltskanzleien für ihre Schweizer Briefkastenfirmen. Mehr...

LafargeHolcim droht Verfahren wegen Terrorfinanzierung

SonntagsZeitung Der Zementriese rechnet nach der Klage zweier Nichtregierungsorganisationen und der Verhaftung seines Ex-Sicherheitschefs für Syrien mit einer Anklage. Mehr...

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spiel zwischen Mauern: Palästinensische Buben spielen in einem verlassenen Gebäude in Gaza Stadt. (21.Juni 2018)
(Bild: Mohammed Salem) Mehr...