In welchen Firmen Frauen im Verwaltungsrat sitzen

Eine Analyse zeigt: Der Frauenanteil in den Verwaltungsräten der grössten Schweizer Unternehmen hat nur leicht zugenommen.

Cornelia Ritz Bossicard, Valora: «Ich habe gezielt auf eine Karriere als Verwaltungs­rätin hingearbeitet.» Foto: Gabi Vogt

Cornelia Ritz Bossicard, Valora: «Ich habe gezielt auf eine Karriere als Verwaltungs­rätin hingearbeitet.» Foto: Gabi Vogt

Sie legt die Karten ohne Umschweife auf den Tisch: «Ich habe gezielt auf eine Karriere als Verwaltungsrätin hingearbeitet», sagt Cornelia Ritz Bossicard. Die 45-Jährige sitzt seit drei Jahren im Verwaltungsrat des Kiosk-Konzerns Valora, als einzige Frau. Es ist Ritz Bossicards erstes Mandat bei einem grossen börsenkotierten Unternehmen in der Schweiz – und das Resultat akribischer Netzwerkarbeit und Weiterbildung, wie die Wirtschaftsprüferin erzählt.

«Ich habe mich in den letzten Jahren häufig an Veranstaltungen gezeigt und das Gespräch mit Headhuntern gesucht», sagt sie. Als es bei Valora klappte, übernahm die Walliserin gleich eine tragende Rolle: Sie leitet den mächtigen Audit-Ausschuss, der sich um Finanzen und Risiken im Unternehmen kümmert. Ritz Bossicard gehört damit zu den wenigen Frauen, die eine der begehrten Machtpositionen innerhalb eines Verwaltungsrats besetzen.

Wer als Präsident oder Vizepräsidentin amtet oder einen Ausschuss führt, gehört zu den Schwergewichten im Leitungsgremium eines Unternehmens. Eine Analyse der 130 mitarbeiterstärksten Firmen der Schweiz zeigt erstmals: Diese Machtpositionen sind trotz des steigenden Frauenanteils in den Verwaltungsräten noch immer fest in Männerhand.

Das Zürcher Headhunter-Unter­nehmen Aebi+Kuehni hat Firmen mit mindestens 1300 Mitarbeitenden in der Schweiz unter die Lupe genommen. Untersucht wurde der Frauenanteil in den Verwaltungsräten dieser Unternehmen. Das Spektrum reicht von der Migros über Roche bis zur Rhätischen Bahn und Feldschlösschen. Dabei wurde erstmals auch analysiert, welche Ausbildungsprofile und beruflichen Positionen die gewählten Frauen haben und welche Rollen sie in den Gremien besetzen.

Das Resultat: 18 Prozent der insgesamt 916 Verwaltungsratsmandate dieser Firmen sind von Frauen besetzt, also 164. Lediglich fünf Frauen sitzen auf einem Präsidentenstuhl, elf haben ein Vizepräsidium inne. Mit anderen Worten: Die wichtigen Positionen, die auch zusätzliche Honorare abwerfen, sind zu über 90 Prozent von Männern besetzt. Das hat mit der Unterrepräsentanz der Frauen in den Verwaltungsräten zu tun. Mit 18 Prozent liegt ihr Anteil noch immer deutlich unter dem Quotenziel von 30 Prozent, das der Bundesrat im Rahmen der Aktienrechtsrevision für Schweizer Verwaltungsräte fordert. 48 der 130 untersuchten Firmen haben noch keine einzige Frau im Verwaltungsrat, darunter Stadler Rail, Alpiq oder die Privatbank Pictet. 21 Firmen haben das Quotenziel hingegen bereits erreicht.

Bis mehr Frauen in die Schlüsselpositionen der Führungsgremien kommen, dürfte es also noch dauern – kaum jemand steigt direkt ins Präsidium auf. Doch es gibt auch hausgemachte Gründe, wieso Frauen abseitsstehen. «Frauen übernehmen zusätzliche Verantwortung oft erst dann, wenn sie 120 Prozent der geforderten Kriterien zu erfüllen glauben. Männer zeigen vielleicht eher Mut zur Lücke», sagt Sabine Keller-Busse. Sie ist Personalchefin und Konzernleitungsmitglied bei der UBS und in diesem Jahr ins Vizepräsidium der Six Group aufgestiegen. Dort präsidiert sie den Nominations- und Entschädigungsausschuss.

Angst, sich in einem Verwaltungsratsgremium zu exponieren, hatte die Mutter von zwei Teenager-Töchtern nie. «Ich bin in einer Meritokratie aufgewachsen, fühlte meine Leistungen gewürdigt und hatte nie Durchsetzungsprobleme.» So entspannt sehen es nicht alle Frauen. Christiane Roth, ehemalige Chefin des Zürcher Universitätsspitals, kennt das Powerplay an der Spitze aus dem Effeff. Roth präsidiert unter anderem den Audit-Ausschuss der Krankenkasse Helsana und erlebt als Präsidentin des Spitalverbunds Appenzell Ausserrhoden heftigen Gegenwind. Ihr Fazit: «Auf einem Präsidium muss man den Kopf auch für Unschönes hinhalten. Das ertragen viele Frauen nicht», so die Medizinerin.

Die grosse Hürde aber ist, überhaupt ein erstes Mandat zu bekommen. Viele qualifizierte Frauen besuchen emsig Verwaltungsratsseminare in der Hoffnung, dadurch schneller in die Gremien zu kommen. «Von der Aus- und Weiterbildung her sind Frauen häufig qualifizierter als die Männer. Bei der Mandatssuche zählt aber vor allem das Netzwerk», sagt Gudrun Sander, Diversity-Spezialistin der Universität St. Gallen. Christiane Roth beobachtet Ähnliches: «Ein grosser Teil der Mandate wird unter der Hand vergeben, das ist ein Problem für wenig bekannte Frauen.»

Die Verwaltungsratskarriere hat in den vergangenen zwei Jahren an Attraktivität gewonnen. Die Analyse von Aebi + Kuehni zeigt: Geschäftsleitungserfahrung ist beinahe unabdingbar für den Sprung ins oberste Gremium. Fast ein Viertel der aktuellen Verwaltungsrätinnen ist hauptberuflich als Konzernchefin oder Kadermitglied aktiv. Immerhin 30 Prozent sind Profi-Verwaltungsrätinnen. Die überwiegende Mehrheit hat ein Hochschulstudium absolviert, mit Wirtschaft und Recht als Spitzenreiter. Erstaunlich auch: Geholt werden die Frauen in die Verwaltungsräte am häufigsten wegen ihrer Expertise im Bereich Finanzen und Risiken. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2017, 23:31 Uhr

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