Grossangriff auf die Schweizer Post

DHL will im Paketversand mit tieferen Preisen, Heimlieferdienst und über 1000 Abholstationen den Markt aufmischen.

Die Schweizer Post profitiert vom boomenden Onlinehandel – nun droht von DHL verstärkte Konkurrenz. (Foto: Keystone)

Die Schweizer Post profitiert vom boomenden Onlinehandel – nun droht von DHL verstärkte Konkurrenz. (Foto: Keystone)

Erich Bürgler@sonntagszeitung

Der Paketversand ist ein Lichtblick im ansonsten kriselnden Geschäft der Schweizerischen Post. Der boomende Onlinehandel sorgt für ein starkes Wachstum. Der gelbe Riese dominiert den Markt. Acht von zehn Paketen bringt ein Pöstler an die Haustür. Doch nun drängt ein finanzkräftiger Konkurrent in den Markt. DHL, eine Tochter der Deutschen Post, will dem Schweizer Platzhirsch Marktanteile streitig machen.

Bisher konzentrierte sich DHL vor allem auf Lieferungen aus dem Ausland und an Schweizer Geschäftskunden. Ab Mitte September wollen die Deutschen im grossen Stil in den innerschweizerischen Paketversand an Privathaushalte einsteigen. Dafür haben sie die Gesellschaft DHL Parcel Switzerland gegründet. Günter Birnstingl, der schon das Österreich-Geschäft von DHL leitet, wird auch zum Chef der Schweizer Einheit.

Mit der Deutschen Post im Rücken hat Birnstingl langfristige Pläne für den hiesigen Markt, wie er betont. Dabei konzentriert sich DHL auf die Lieferungen am Tag nach der Bestellung. Die Zahl solcher schneller Zustellungen wächst am deutlichsten und wird im Schweizer Onlinehandel immer mehr zum Standard. Die Post liefert schon die Hälfte ihrer Pakete am nächsten Tag. Insgesamt stellte sie im vergangenen Jahr rund 130 Millionen Pakete zu, ein Plus von fast acht Millionen innerhalb nur eines Jahres.

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DHL will den Marktführer mit ihren neuen Angeboten bei den Preisen unterbieten. «Wir werden den Kunden bei vergleichbarer Leistung gegenüber der Konkurrenz einen Kostenvorteil bieten», sagt Günter Birnstingl.

Die Händler hoffen schon lange auf mehr Wettbewerb

Das freut die Schweizer Versandhändler. Sie loben zwar den Service der Post, doch im zunehmend harten Konkurrenzkampf mit ausländischen Händlern wie Amazon, Zalando und der chinesischen Aliexpress kämen tiefere Preise sehr gelegen, sagt Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizer Versandhandels. «Wir wünschen uns schon länger einen zusätzlichen relevanten Paketzusteller, der den Wettbewerb innerhalb der Schweiz forciert.» Ein solcher Logistiker werde die Preise im Paketversand unter Druck bringen.

Neben der Post ist innerhalb der Schweiz vor allem DPD im Geschäft mit Paketen aktiv. Laut eigenen Angaben hat das Unternehmen einen Marktanteil von 10 Prozent. Dabei mache die Lieferung an Geschäftskunden den deutlich grösseren Teil aus, sagt ein Sprecher.

Der Einkauf vom Sofa aus wird für die Kunden durch den verschärften Wettbewerb noch bequemer. In den Schweizer Ballungszentren will DHL die Lieferung am Samstag und bis 20 Uhr ohne Aufpreis anbieten. Die Post verrechnet den Onlinehändlern dafür Extrakosten, die oft an die Kunden weitergegeben werden. DHL baut zudem ein Netz von mehr als 1000 Service-Centern auf, bei denen Kunden Pakete abholen und aufgeben können. Neben unabhängigen Detaillisten machen auch Ketten mit, unter anderem Supermärkte von Spar.

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Je besser und preiswerter der Service, desto mehr Kunden kaufen im Internet, so die Hoffnung der Onlinehändler. Die Wachstumsraten im Onlinehandel sind bereits hoch. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz laut dem Marktforschungsinstitut GFK gegen 10 Prozent. Ein Ende des Aufwärtstrends ist nicht in Sicht. Internetkäufe machen weniger als 8 Prozent des gesamten Schweizer Detailhandels aus. Damit bleibt noch viel Luft nach oben.

Dabei wird der Onlinehandel trotz der schneller wachsenden Konkurrenz aus dem Ausland immer noch von Schweizer Anbietern dominiert. Laut GFK entfallen mehr als 80 Prozent des Umsatzes auf inländische Unternehmen. Marktführerin ist mit Abstand die zur Migros gehörende Digitec Galaxus. Erzrivale Coop schafft es mit Microspot nur auf Rang sechs. Doch die Basler wollen mit einem neuen Online-Logistikzentrum und dem Ausbau von Microspot eine Offensive starten. Die starken Schweizer Anbieter sind mit ein Grund, warum DHL auf den innerschweizerischen Markt setzt.

In Österreich bedrängtDHL die Post

Derweil kommt die Expansion von DHL in der Schweiz für die Post ungelegen. Während das Briefgeschäft und der Gewinn bei der Tochter Postfinance einbrechen, läuft der Paketversand rund. Die Post will bis 2020 rund 150 Millionen Franken in den Bau von drei neuen regionalen Logistikzentren investieren. Der Staatsbetrieb rechnet wegen des anhaltenden Wachstums mit weiterhin steigenden Gewinnen in der Sparte.

Die Deutschen könnten der Post einen Strich durch die Rechnung machen. In unserem Nachbarland ist DHL eine harte Konkurrenz für die dortige Post. «In Österreich haben wir vor drei Jahren begonnen. DHL hat dort bereits einen Marktanteil von 25 Prozent», sagt Günter Birnstingl.

«Der Paketversand wird für Private preiswerter»

Günter Birnstingl will mit DHL in der Schweiz rasch Marktanteile gewinnen.

Günter Birnstingl, Chef von DHL Parcel Switzerland. Bild: Thorsten Scherz

Was plant DHL mit der Schweizer Gesellschaft?
DHL wird die Präsenz in der Schweiz massiv ausbauen. Bisher haben wir mit DHL Express innerhalb der Schweiz vor allem Unternehmen beliefert. Mit der neu gegründeten Schweizer Gesellschaft DHL Parcel Switzerland liefern wir ab September in die Haushalte.

Wieso steigt DHL Parcel gross in den Schweizer Markt ein?
Die Schweizer kaufen gerne im Inland ein. Sie sind beim Einkaufen viel patriotischer als etwa die Österreicher oder die Deutschen. Die Schweizer Onlineshops haben somit eine starke Marktposition. Davon wollen wir profitieren. Wir rechnen damit, dass der Schweizer Onlinehandel jährlich prozentual zweistellig wächst.

Wieso sollen Schweizer Onlinehändler auf DHL statt auf die Post setzen?
Wir haben in anderen Ländern wie beispielsweise Österreich gezeigt, dass wir mit unserem Service überzeugen und so rasch Marktanteile gewinnen können. Unsere Pakete werden am Tag nach der Bestellung geliefert. Kunden können auch einen Wunschtag für die Zustellung festlegen. Unser Ziel ist es, eine starke Nummer zwei in der Schweiz zu werden.

Auch die Post bietet schnelle Lieferungen und Wunschtage an. Wird DHL die Preise der Post unterbieten?
Wir wollen mit Qualität und nicht mit Dumpingpreisen überzeugen. Doch wir werden den Kunden bei vergleichbarer Leistung gegenüber der Konkurrenz einen Kostenvorteil bieten. DHL Parcel wird als starker Marktteilnehmer den Wettbewerb beleben. Zudem soll das Onlineshopping für die Konsumenten attraktiver werden. Zunächst werden wir im Raum Zürich ohne Aufpreis auch am Samstag und bis 20 Uhr zustellen. Diesen Service weiten wir laufend auf andere Ballungszentren aus.

Wohin liefert DHL Parcel mit ihrem Standardangebot?
Wir werden unseren Service in der Schweiz flächendeckend anbieten. Das heisst, auch auf dem Land und in Bergtälern beliefern wir jede Schweizer Adresse.

Können auch Private Pakete innerhalb der Schweiz verschicken?
Ja, das wird in Kürze in jedem unserer DHL-Service-Points möglich sein. Der Preis richtet sich nach der Grösse des Pakets und nicht nach dem Gewicht. Der Paketversand wird so für Private in vielen Fällen preiswerter.

Die Post hat schweizweit über 2000 Stellen, wo ich mein Paket abholen kann, wenn ich die Lieferung verpasst habe. Wie will DHL da mithalten?
Wir starten mit 400 DHL-Service-Points. Diese werden für uns Tankstellen, Apotheken, Bäckereien und andere Detailhändler betreiben. Sie haben attraktive Öffnungszeiten und eine gute Erreichbarkeit. Dieses Netz werden wir in den kommenden ein bis zwei Jahren auf über 1000 ausbauen. Spar ist derzeit der grösste strategische Partner im Bereich solcher Service-Punkte.

Wie viele Stellen werden durch die Expansion in der Schweiz geschaffen?
In den nächsten zwei Jahren wird eine dreistellige Zahl von Mitarbeitern hinzukommen.

Mit Günter Birnstingl sprach Erich Bürgler

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