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Der Wiederaufbau der Berliner Mauer

Markus Somm über die DDR und ihre Folgen.

Vor einer Woche wurde in Thüringen, einem ostdeutschen Bundesland, der Landtag neu bestellt – und seither wartet man auf eine Regierung, weil die Bildung einer solchen sehr schwierig geworden ist. Die Linke, die Nachfolgerin der kommunistischen SED, und die AfD, die rechten Populisten, haben dermassen zugelegt, dass sich alle anderen Parteien ausserstande sehen, ohne sie zu regieren, selbst wenn sie sich zu einer Monumental-Koalition aus CDU, SPD, FDP und Grünen zusammenschliessen würden. Mit anderen Worten, die Parteien der alten, so erfolgreichen BRD sind in der ehemaligen DDR nicht mehr besonders erwünscht. Was 1990 mit der Wiedervereinigung hätte beginnen sollen – die friedliche Übernahme der DDR durch den Westen –, scheint gescheitert zu sein. Wiederholt sich die Geschichte? Auch die Weimarer Republik zerfiel, weil radikale Aussenseiter von links und rechts auf den Plan traten und als selbst ernannte Retter Deutschlands die sogenannten Altparteien für obsolet erklärten. Ausgerechnet in Thüringen beteiligten sich die Nazis zum ersten Mal an einer Regierung, das war 1930; drei Jahre später errang Hitler die Macht in ganz Deutschland. Die Katastrophe nahm ihren Lauf. Müssen wir uns in Acht nehmen?

In der Regel zieht man aus der Geschichte die falschen Lehren. Von einer gewalttätigen Revolution, ob von links oder von rechts, befindet sich Deutschland sehr, sehr weit entfernt. Und dennoch hat es etwas zutiefst Deprimierendes. Vor genau 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer, und ich kann mich gut erinnern an die beispiellose Euphorie, die Europa erfasste: Überall glaubte man, eine neue, vor allem bessere Epoche zu erleben. Zuversicht und Wahn. Insbesondere die Politiker – darin bestärkt von uns Journalisten – vermeinten, die Gesetze der politischen Physik seien auf immer ausser Kraft gesetzt worden. Man beging Fehler – wie kaum je zuvor. Einige ­dieser Fehler ­lassen sich in der ehemaligen DDR besichtigen, an einigen ­leidet dieses malträtierte Land noch heute.

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