Der Letzte seines Volkes

Er ist der einzige Überlebende eines unkontaktierten Volkes im brasilianischen Urwald: Sein Schicksal steht für die verzweifelte Lage der Ureinwohner.

Umzingelt von Bauern und Holzfällern, die das Land wollen: Der Mann, der noch nie einen Fremden getroffen hat. Video: Storyful

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Er hat keinen Namen, keine Familie, keine Freunde. Niemand weiss, wie alt er ist, welche Sprache er spricht und wann er zuletzt geredet hat. Sie nennen ihn den «einsamsten Mann der Welt». Aber es hat ihn auch noch keiner fragen können, ob er sich wirklich einsam fühlt da draussen im brasilianischen Regenwald. Fest steht nur, dass er allein ist. Offenbar seit 22 Jahren.

Brasiliens Regierungsbehörde Funai, die für den Schutz der indigenen Völker zuständig ist, hat dieser Tage ein höchst aussergewöhnliches Video von diesem Mann veröffentlicht. Aus der Ferne ist zu erkennen, wie er mitten im Gestrüpp einen Baum fällt. Er trägt keine Kleider, seine Haare reichen hinab bis zu den Beinen. Man hört die Schläge seiner Axt auf dem Holz. Und singende Vögel.

1995 wurden seine letzten Angehörigen getötet

Der Mann gilt als der letzte Überlebende eines unkontaktierten Volkes. Soweit bekannt, hat er noch nie einen Fremden getroffen. Er lebt in der Terra Indígena Tanaru im brasilianischen Bundesstaat Rondônia im Westen des Landes. Die Behörde Funai geht davon aus, dass die übrigen Mitglieder seines Stammes ermordet wurden, nachdem in den 1970er-Jahren Siedler und Viehzüchter in das abgelegene Gebiet an der Grenze zu Bolivien vorgedrungen waren.

Rondônia ist die Region Brasiliens, in der die höchste Gewaltrate herrscht. Immer wieder gibt es dort Übergriffe von Farmern und illegalen Holzfällern, die es auf das Land der Indigenen abgesehen haben. Die letzten Angehörigen der Indigenen von Tanaru wurden nach Angaben der Funai spätestens seit den 1980er-Jahren stetig verfolgt und bedroht. Bereits damals sei ihr Volk auf ein Grüppchen von sechs Menschen reduziert worden. 1995 wurden sie dann von einer bewaffneten Gruppe attackiert. Da war es nur noch einer.

Etwa um diese Zeit wurden Funai-Mitarbeiter erstmals auf den Mann aufmerksam. Sie hatten zunächst versucht, mit ihm in Kontakt zu treten, weil sie glaubten, er sei in Gefahr. Er hat aber deutlich zu verstehen gegeben, dass er an einer Begegnung nicht interessiert ist. Bei jedem Annäherungsversuch schoss er Warnpfeile ab, bevor er wieder in den tiefen Wald flüchtete. Deshalb habe die Behörde 2005 diese Bemühungen aufgegeben und beschlossen, ihn in Ruhe zu lassen, berichtet Altair Algayer, der Leiter des Funai-Teams für das Tanaru-Territorium.

Die jetzt veröffentlichten Bilder wurden bereits im Jahr 2011 aufgenommen. Die Behörde hat sehr lange gezögert, bevor sie das Material publizierte. Algayer muss sich seither auch mit dem Vorwurf des Voyeurismus auseinandersetzen. Aber es gibt nach Meinung der meisten Experten eine stärker wiegende politische Motivation für die Veröffentlichung: Es geht darum, die Existenz des Mannes zu beweisen, um seine Existenz zu schützen.

«Es gibt ein Interesse, sie zu töten»

Die brasilianische Verfassung garantiert den Schutz der indigenen Gebiete, aber nur solange dort auch wirklich Indigene leben. Das führt im Umkehrschluss zu einem fatalen Prinzip, wie die Forscherin Fany Ricardo in der Zeitung «O Globo» erklärte: «Wo die Indios sind, gehört ihnen das Land. Aber wenn sie sterben, wird dieses Land freigegeben. Deshalb gibt es ein Interesse, sie zu töten.»

Auch Survival International, eine globale Bewegung für indigene Völker, teilt mit: «Aufnahmen dieser Art sind unerlässlich, um auf die Bedrohung unkontaktierter Völker hinzuweisen, welche die am stärksten gefährdeten Gesellschaften des Planeten sind.» Die Terra Indígena Tanaru erstreckt sich über rund 80 Quadratkilometer. Aber das Gebiet ist längst von Viehzüchtern und Holzfällern eingekreist. Nur solange der letzte Einsiedler am Leben ist, kann die Funai das Territorium vor der gewaltsamen Besetzung schützen.

Wirtschaft ist wichtiger als die Ureinwohner

Brasiliens Regierungen, egal ob rechts oder links, haben stets die wirtschaftlichen Interessen an der Erschliessung des Urwaldes über den Schutz der Ureinwohner gestellt. Die Militärdiktatoren frästen die Überlandstrasse Transamazônica in den Dschungel. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der einstige Superheld der linken Arbeiterpartei, gab den Startschuss für das gigantische Wasserkraftwerk Belo Monte. Beides mit katastrophalen Folgen für die Indigenen. Die aktuelle Regierung des schwer korruptionsbelasteten Michel Temer hat sich ihr politisches Überleben mit allerlei Zugeständnissen an die ohnehin mächtige Agrarlobby erkauft. Im Kongress werden mehrere Gesetzesentwürfe debattiert, die den Schutz der indigenen Territorien aufweichen sollen. Gleichzeitig wurde die Finanzierung der Funai stark gekürzt.

Im allmählich anlaufenden Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl im Oktober traut man manchmal seinen Ohren nicht. Der aussichtsreiche rechtsradikale Kandidat Jair Bolsonaro sagte tatsächlich: «Wenn ich übernehme, bleibt für die Indios kein Zentimeter mehr übrig.»

Die Geschichte vom «einsamsten Menschen der Welt» ist also auch ein Hilferuf. Algayer und sein Team suchen im Abstand von zwei Monaten nach Lebenszeichen. Sie schätzen sein Alter auf 55 bis 60. Von den Lagerstätten, die er verlassen hat, wissen sie, dass er Mais, Maniok, Papaya und Bananen anpflanzt. Er baut Hütten aus Zweigen und gräbt Löcher, in die er spitze Stäbe rammt. Vermutlich, um sich vor Angriffen zu schützen. Wenn es so weitergeht, werden ihm die Stäbe nicht mehr lange helfen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.07.2018, 19:26 Uhr

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