Zum Hauptinhalt springen

Der Kampf um die Gunst der Teilzeitvegetarier

Nestlé, Coop und SV Group wittern das Geschäft mit täuschend echten Fleischalternativen.

Nestlé will am Trend zum Fleischverzicht mitverdienen und kopiert mit seinem neuen Veggie-Burger den Erfolg junger Firmen aus den USA. Foto: Harald Schnauder
Nestlé will am Trend zum Fleischverzicht mitverdienen und kopiert mit seinem neuen Veggie-Burger den Erfolg junger Firmen aus den USA. Foto: Harald Schnauder

Well done, medium oder rare? Die Frage können bald auch Gäste im Restaurant gestellt bekommen, die kein Fleisch essen. Die neue Generation der vegetarischen Burger hat zum Ziel, das Original aus Rind nachzuahmen – unterschiedliche Garstufen inklusive. Nicht strikte Veganer oder Vegetarier sind im Fokus der Hersteller, sondern Fleischliebhaber, die sich bewusster ernähren. Mit dieser viel grösseren Zielgruppe lässt sich mehr Umsatz machen. Grossverteiler und Konzerne wie Nestlé wollen dabei mitverdienen. Der Kampf um die Gunst der Teilzeitvegetarier ist in vollem Gang.

Der Multi Nestlé verspricht Bahnbrechendes. Das Unternehmen kündigte jüngst die Lancierung des «Incredible Burger» an. «Schmeckt wie ein Burger, duftet wie ein Burger», verspricht Nestlé. In der Optik sehe das aus Soja- und Weizeneiweiss hergestellte Produkt aus «wie frisch vom Metzger». Mit solchen Sprüchen richtet sich der Konzern klar an Fleischesser. «Viele essen zwar weiterhin Fleisch, aber weniger oft. Sie suchen aus unterschiedlichen Gründen Alternativen. Wir wollen insbesondere solche Konsumenten mit unseren neuen Produkten erreichen», sagt ein Sprecher.

Randensaft wird als Blutersatz verwendet

Die Idee eines täuschend echten Burgers hatten vor Nestlé schon andere. Und auch der Name des Burgers, der in den Schweizer Labors des Konzerns mitentwickelt wurde, ist nicht unglaublich originell. Das US-Unternehmen Impossible Foods hat vor zwei Jahren den «Impossible Burger» auf den Markt gebracht. Die Firma zählt grosse Namen wie UBS und Google zu ihren Investoren.

Den Fleischersatz vermarktet Impossible Foods nicht als profanes vegetarisches Hacktätschli, sondern als Hightech-Produkt. Die neueste Rezeptur präsentierte das Unternehmen diesen Monat neben Herstellern von Smartphones und Robotern an der Consumer Electronics Show in Las Vegas. Die jüngste Variante des «unmöglichen» Burgers soll noch näher an das Original aus Fleisch herankommen und enthält weniger Salz. Wie Nestlé macht auch das US-Unternehmen vollmundige Versprechen: «Wir haben den molekularen Code des Rindfleischgeschmacks geknackt», sagte David Lipman, wissenschaftlicher Leiter von Impossible Foods, dem Fernsehsender CNN.

Grafik vergrössern

Wichtigster Konkurrent war bislang Beyond Meat. Das US-Jungunternehmen verkauft seinen Beyond Burger, der dank Randensaft «blutig» daherkommt, im Gegensatz zu Impossible Foods bereits in Europa. Nestlé will nicht länger im Abseits stehen. Die Lancierung des «Incredible Burger» hat der Konzern vorerst für Deutschland bekannt gegeben. Weitere Länder dürften folgen. Und bald werden auch Schweizer in den Genuss der einen oder anderen neuen Fleischalternative kommen – wenigstens zum Mittagessen. Der Kantinenbetreiber SV Group will noch in diesem Jahr einen der fleischähnlichen Burger ins Sortiment aufnehmen. «Wir sind sehr daran interessiert», sagt eine Sprecherin und ergänzt: «Unser Produktentwicklungsteam wird den ‹Impossible Burger›, den ‹Incredible Burger› und eine grosse Auswahl anderer Produkte in den nächsten Wochen degustieren.» Danach werde entschieden, was neu ins Sortiment komme.

Das Unternehmen setzt schon länger auf Vegetarisch. Seine Köche schickt die SV Group zur Ausbildung in die Zürcher Hiltl-Akademie. Offenbar kommt das in den Mensen und Mitarbeiter-Restaurants gut an. Der Tofu-Verbrauch des Unternehmens stieg von rund 3 Tonnen im Jahr 2010 auf über 21 Tonnen im vergangenen Jahr.

«Schmeckt, riecht, kaut sich wie Fleisch»

Auch Coop sieht eine steigende Nachfrage nach vegetarischen Produkten, die Fleisch nachahmen. «Die pflanzlichen Alternativen haben grosse Fortschritte gemacht in Bezug auf Aussehen, Konsistenz und Geschmack», sagt eine Sprecherin. Der Grossverteiler hat seit einigen Monaten den Burger des dänischen Herstellers Naturli im Sortiment. «Schmeckt, riecht, kaut sich wie Fleisch», schreibt ein Kunde im Coop-Onlineshop. Ob auch der Nestlé-Burger in die Regale kommt, will der Detailhändler nicht verraten. Man prüfe den Markt laufend auf die besten Fleischalternativen. Vegetarische Nuggets von Nestlé gibt es schon bei Coop. Konkurrent Migros bietet noch keine Rindfleischersatzprodukte an, die auf verschiedenen Stufen gegart oder grilliert werden können. Man verfolge die Entwicklungen in diesem Segment aber genau.

Derweil tüftelt die Industrie an neuen Produkten wie vegetarischen Steaks oder fleischlosen Varianten von Lamm. Allerdings gilt die Imitation von Fleischfasern im Vergleich zu Hackfleisch als deutlich anspruchsvoller. Trotz der noch nicht perfekten Kopien konsumieren die Schweizer immer weniger vom Original. Der Fleischkonsum ist im langjährigen Vergleich stark rückläufig. 1988 assen Schweizer noch rund 14 Kilo Rindfleisch pro Kopf. 2017 waren es noch 11 Kilo. Der Verzehr von Schweinefleisch sank im selben Zeitraum um über 30 Prozent, bei Kalb liegt das Minus gar bei rund 40 Prozent. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch