Der IS-Emir aus dem Zürcher Glattal

Einer der wahrscheinlich höchstrangigen Terroristen mit Schweiz-Bezug ist in Syrien ums Leben gekommen. Er war unter anderem an der Planung von Anschlägen im Ausland beteiligt.

Einsatz im Kriegsgebiet: Der Mazedonier Orhan R. (l. ganz in Schwarz) lebte auch in Dübendorf ZH.

Einsatz im Kriegsgebiet: Der Mazedonier Orhan R. (l. ganz in Schwarz) lebte auch in Dübendorf ZH.

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«Leben ist Jihad», lautet der Titel eines dreiminütigen Facebook-Videos, das einen gefallenen Emir des IS verherrlicht. Orhan R. sitzt im Auto mit anderen bekannten Terroristen des Islamischen Staats. Abgesehen von den Waffen und dem martialischen Aussehen seiner Begleiter erinnert wenig an den Krieg. Kein Hinweis darauf, dass die militärische Lage des IS in seinen letzten Hochburgen in Syrien und im Irak aussichtslos ist. Am Schluss des Videos werfen Kampfgefährten den lachenden Orhan R. zum Spass in einen Swimmingpool.

Verherrlichung per Video: Gefährten werfen R. zum Spass in den Pool

«Öffne die Tore zum Paradies»

Begleitet wird das Video von albanischem Gesang. «Weine nicht, Mutter, denn dein Sohn ist gefallen als Märtyrer (…). Öffne die Tore zum Paradies (…). Dort wird es keine Sorgen oder Erschöpfung mehr geben, dies ist der Tag der Ewigkeit (…). Du hast für das Martyrium gekämpft, dein Name wird bleiben.» Tatsächlich taucht der Name von Orhan R. auch in einer Medienmitteilung der internationalen Allianz gegen den IS auf. R. war demnach einer von vier Kampfgefährten des inzwischen getöteten kosovarischen IS-Anführers Lavdrim Muhaxheri.

Dieser liess sich zum Beispiel dabei ablichten, wie er einem Gefangenen den Kopf abschnitt und einen Mann, der an einen Pfahl gefesselt war, mit einer Panzerfaust aus sicherer Distanz in die Luft sprengte. Ausserdem soll er unter anderem ein Bombenattentat auf das Fussballländerspiel zwischen Israel und Albanien im letzten November geplant haben. Nachdem das Komplott aufgeflogen war, wurde das WM-Qualifikationsspiel vom albanischen Shkodra in ein anderes Stadion verlegt.

Die freundliche Seite: Orhan R. umgibt sich mit Kindern

R. wollte mit dem IS in die Schweiz zurückkehren

Der Mazedonier Orhan R. plante laut der internationalen, von den Amerikanern angeführten Anti-IS-Koalition von Syrien aus ebenfalls «aktiv» Terroranschläge im Ausland. In welche Attentate der Mann möglicherweise verwickelt war, liess die Mitteilung offen.

R. wurde am 21. Mai bei einem Luftangriff in der Nähe der syrischen Ortschaft Mayadin im Euphrat-Tal getötet. Dies gab die Allianz aber erst im August bekannt.

Der 1991 geborene Orhan R. verbrachte einige Zeit in der Schweiz. Auf einem seiner zahlreichen FB-Profile gab er als Wohnort Dübendorf im Zürcher Glattal an.

Er verschwand 2014 nach Syrien und tauchte dann rund ein Jahr später in einem Propagandavideo des IS wieder auf. Aus diesem Anlass kontaktierte ihn die SonntagsZeitung schon 2015. Details zu seinen Verbindungen in der Schweiz wollte Orhan R. damals per Facebook-Nachricht zwar nicht preisgeben, doch schrieb er, dass er sich zeitweise hier aufgehalten habe und mit der Armee des IS in die Schweiz zurückkehren wolle.

Der junge Mazedonier war in Dübendorf zwar nicht offiziell gemeldet, doch wohnt in Kloten, also nur wenige Kilometer entfernt, einer seiner Onkel. Weitere Verwandte leben im freiburgischen Bulle.

Wurde bei einem Luftangriff in Syrien getötet: Orhan R.

Kämpfte an der Seite von Thaiboxweltmeister Gashi

Allein schon der Umgang, den Orhan R. beim IS in Syrien und im Irak hatte, belegt, dass er in der Terrorarmee eine beachtliche Karriere hingelegt hatte. So liess er sich zusammen mit hochrangigen IS-Terroristen fotografieren, zum Beispiel mit dem Kosovaren Ridvan Haqifi und dem Bosnier Bajro Ikanovic, der ebenfalls Verwandte in der Schweiz hat.

Orhan R. benutzte in Syrien und auf Facebook verschiedene Kriegsnamen, beispielsweise Abu Daniel al-Albani. Und er diente eine Zeit lang in derselben Einheit wie der Winterthurer Jihadist und Konvertit Christian I. und der deutsch-kosovarische Thaiboxweltmeister Valdet Gashi, der in Winterthur ein muslimisches Kampfsportzentrum geleitet hatte.

Gashi und Christian I. kamen schon vor rund zwei Jahren bei einem amerikanischen Luftschlag im syrischen Teil des Euphrat-Tals ums Leben. Orhan R. hatte dagegen noch etwas länger Zeit, innerhalb des IS aufzusteigen.

Balkan-Diaspora ist attraktives Propaganda-Ziel

Laut Informationen aus Maze­donien brachte es Orhan R. sogar bis zum Geheimdienstchef der ­gesamten Balkanregion. Damit dürfte er einer der hochrangigsten IS-­Jihadisten mit Schweiz-Bezug gewesen sein. Beim IS aufgestiegen ist offenbar auch Damien G. aus dem Waadtland, und es gibt ebenfalls Hinweise darauf, dass Daniel D. aus Genf den Sprung in einer ­Sondereinheit des IS geschafft hat. Beide Westschweizer sind Konvertiten.

In der Einheit von Orhan R. befand sich noch ein weiterer Ma­zedonier, der in der Region Bern ­gelebt hatte und dessen Verwandtschaft mit dem Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) und seiner Hilfsorganisation Syrian Aid verbandelt ist.

Der Mann heisst ebenfalls ­Orhan, zum Nachnamen aber Z. Auch er tauchte schon in einem ­Artikel der SonntagsZeitung von Ende 2014 auf. Damals ging es um eine Grillparty am Murtensee, an der neben Orhan Z. auch ein ­islamistischer Hassprediger vom Balkan teilnahm.

Planung von Terroranschlägen im Vordergrund

Orhan Z. soll ausserdem den Kosovaren Cendrim R. aus dem aargauischen Brugg gekannt haben. Dieser war 2013 nach Syrien gereist und sitzt heute in der Türkei eine lebenslängliche Gefängnisstrafe ab. All das sind Indizien, dass viele der aus der Schweiz stammenden Jihadisten und Terroristen miteinander vernetzt sind oder waren – zum Teil auch schon vor ihrer Abreise.

Dass Leute mit Migrationshintergrund aus den Balkanstaaten die mit Abstand grösste Gruppe unter den Jihad-Reisenden mit Schweiz-Bezug stellen, ist kein Zufall. Der IS hat grosse Anstrengungen unternommen, im Kosovo, in ­Mazedonien und Bosnien einen Brückenkopf für seine Aktivitäten in Europa einzurichten.

Früher ging es dabei vor allem um die Rekrutierung von Jihadisten, heute steht dagegen die Planung von Terroranschlägen im Vordergrund. Die grosse Balkan-Diaspora in der Schweiz ist für die Terrororganisation deshalb ein attraktives Ziel für Propaganda und Rekrutierungsversuche.

Ein Beispiel für solche Bemühungen ist der mazedonische Hassprediger Rexhep Memishi, der unter anderem in Moscheen in Biel und Winterthur auftrat.

Vor dem Schaffhauser Rheinfall posierte er 2014 mit Winterthurer IS-Jihadisten und Akti­visten der Koranverteilaktion «Lies!» für ein Gruppenfoto. Inzwischen wurde Memishi in Mazedonien wegen Rekrutierung von Jihadisten zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2017, 23:33 Uhr

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