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Der grosse Bluff mit dem Sabbatical

Warum der Druck, ständig das Maximum aus der Zeit herauszuholen, schwer lastet.

Ich habe mir im Sommer sechs Wochen Auszeit gegönnt. Die Erkenntnis Nummer eins: So ein Mini-Sabbatical wirkt Wunder. Die Erkenntnis Nummer zwei: Wer nichts daraus macht, gerät in Erklärungsnot. Ja, so eine Pause schafft Erwartungshaltungen – bei sich selber und bei anderen. So lange frei? Da muss was Aussergewöhnliches passieren.

Das Umfeld fragt in der Regel wie aus der Pistole geschossen: «Wow – was stellst du mit der vielen freien Zeit an?» Das ist der Moment, in welchem man gern mit etwas Originellem auftrumpfen würde: mit dem Yogalehrer-Diplom in Kerala, einem Fereiwilligeneinsatz zur Rettung der Meeresschildkröten oder einem Sprachkurs auf Hawaii. In der intellektuellen Variante überrascht man das Vis-à-vis mit einem ­geheimnisvollen Buchprojekt. Ein Geschäftspartner bluffte mit einem Klosteraufenthalt, als ich ihn nach seinen Plänen für das Sabbatical fragte.

Ich aber konnte lediglich von ein paar Wandertagen im Engadin und einem Besuch des Filmfestivals schwärmen. Ansonsten habe ich der Langsamkeit gefrönt, war glücklich, wenn ich mich morgens um elf Uhr im Pyjama ans Klavier setzen konnte – ohne Plan, ohne Ziel. Kurz: Mein Sabbatical war zum Gähnen langweilig. Das lässt sich in der heutigen Welt schlecht verkaufen. Der Druck, ständig das Maximum aus der Zeit herauszuholen, lastet schwer, bei sechs Wochen tonnenschwer. Aber vielleicht sind Faulenzerinnen wie ich ja die ­neuen Trendsetter? Immerhin habe ich aufs Fliegen verzichtet. Und ich habe mich selber ohne Ablenkung ausgehalten. Beides scheint mir eine sinnvolle ­Leistung.

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