«Eltern und Schule wollen Kinder optimieren – das ist nicht möglich»

Kinderarzt Remo Largo über gestresste Kinder.

«Man müsste mal darüber reden, was wir für junge Erwachsene wollen»: Kinderarzt Remo Largo. Bild: Dominique Meienberg

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Es fing bei Managern an, heute haben wir Kinder mit Burn-out. Eine Folge des Leistungsdrucks an den Schulen?
Dass Kinder in der Schule leistungsmässig unter Druck gesetzt werden, gehört zum Wesen einer Leistungsgesellschaft. Auch die Schule steht unter Druck, aus Wirtschaft und Politik kommen ständig neue Forderungen, was sie alles leisten soll. Es gibt noch einen anderen Punkt, den ich gravierender finde, über den aber kaum gesprochen wird: Viele Eltern haben Existenzängste, spätestens seit der Finanzkrise 2008.

Das wirkt sich auf die Kinder aus?
Natürlich. Als Eltern will man die Kinder möglichst fit machen, damit sie es genauso gut oder noch besser haben als die Eltern. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch verständlich. Die Frage ist einfach, ob man Kinder so tatsächlich fit machen kann.

Das klingt nicht, als ob Sie das glaubten.
Wir hatten Sommerferien. Und was ist passiert? Die Eltern üben mit ihren Kindern, damit diese möglichst gut vorbereitet sind für die Prü­fungen im neuen Schuljahr, man schickt sie in Lernstudios oder in die Nachhilfe. Oder die Kinder werden therapiert, wegen Legasthenie, Dyskalkulie oder was auch immer. Eine grosse Zahl von Fachleuten ist damit beschäftigt, die Kinder zu optimieren – was meines Erachtens nicht möglich ist.

Warum?
Man kann Kinder nicht über ihr Begabungspotenzial hinaus fördern, sondern sie höchstens ihr Potenzial realisieren lassen. Eltern und Schule wollen aber mehr.

Was muss sich konkret ändern?
Man müsste mal darüber reden, was wir für junge Erwachsene wollen. Wir haben ein Schulsystem, in dem der Schüler hochgradig fremdbestimmt ist. Man sagt ihm im Grunde vom ersten bis zum letzten Schultag, was er zu tun hat. So programmiert kommt er dann in die Arbeits­welt – er wartet darauf, was er zu tun hat. Das ist eine Katastrophe. Und dann jammert die Wirtschaft, die Jugendlichen seien nicht kreativ, nicht ini­tiativ. Das ist ja kein Wunder, weil man ihnen jede eigene Aktivität völlig genommen hat. Nur wenn sie selbstbestimmt lernen konnten, werden sie auch kreativ sein.

Wenn man Ihnen folgt, muss man die Schule komplett neu ausrichten.
Dass die Kinder am Ende der Schulzeit ein gutes Selbstwertgefühl und eine gute Selbstwirksamkeit haben, finde ich genauso wichtig wie alles, was sie lernen. So wie es jetzt läuft, haben das die meisten nicht. Weil sie so drangsaliert werden mit Druck, Prüfungen und Noten.

Hat das zugenommen?
Es war schon früher schlimm. Aber ich denke, dass es noch zugenommen hat.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.08.2018, 15:12 Uhr

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