Das Volk hat keine Lust auf Olympia in der Schweiz

Eine neue Umfrage zeigt eine Ablehnung von Sion 2026 und der Olympiamilliarde.

Geringe Erfolgschancen: Ex-Skistar Pirmin Zurbriggen entfacht auf dem Matterhorn eine Werbeflamme für die Olympiakandidatur. Foto: V. Flauraud/Keystone

Denis von Burg@sonntagszeitung
Mischa Aebi@sonntagszeitung

Man werde an den Spielen in Pyeongchang kräftig für das Schweizer Olympiaprojekt Sion 2026 Werbung machen, frohlockte Organisationskomitee-Präsident und SVP-Nationalrat Jürg Stahl diese Woche. Mit einem Sion-Chalet, einem Swiss-Olympic-Abend und einem Lobby-Marathon wollen die Sion-Promotoren im fernen Südkorea auf Vorrat Stimmen im Internationalen Olympischen Komitee (IOK) für eine Schweizer Kandidatur holen.

Die Werbetour könnte vergeblich und voreilig sein. Denn eine nationale Volksabstimmung über Sion 2026 wird immer wahrscheinlicher. Und die Chancen, diese zu gewinnen, sind gering. Eine repräsentative Tamedia-Umfrage zeigt, dass das Volk nicht hinter dem Projekt Sion 2026 steht. 60 Prozent der Befragten sind grundsätzlich gegen Olympische Winterspiele in der Schweiz. Nur ein Prozentpunkt weniger sagen Nein, wenn konkret nach der Unterstützung für das Projekt Sion 2026 gefragt wird.

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Erst recht auf Ablehnung stösst die Milliarde, mit welcher der Bund die Kandidatur Sions unterstützen will. 65 Prozent sind gegen die Olympiamilliarde. Nur gerade 30 Prozent sind dafür – obwohl derzuständige Sportminister Guy Parmelin unablässig wiederholt, der Beitrag sei limitiert und zu grossen Teilen nur eine Defizitgarantie.

Bloss bei den unter 35-Jährigen hält eine knappe Mehrheit Olympische Winterspiele in der Schweiz für eine gute Idee. Geht es ums Geld, wollen aber auch die Jungen nichts von Olympia wissen. 53 Prozent sind gegen die Milliarde für Sion 2026.

Den Olympiaprotagonisten Parmelin, Stahl sowie Sion-2026-Vizepräsident und SP-Ständerat Hans Stöckli weht ausgerechnet aus den eigenen Parteien ein eisiger Wind entgegen. Unter ihren Wählern ist die Ablehnung besonders gross: Rund zwei Drittel der SP- und der SVP-Anhänger lehnen die Winterspiele in der Schweiz und die dazu notwendige Bundesmilliarde ab.

Parlament entscheidet über allfälliges Referendum

Der Grossanlass hätte damit zumindest nach heutigem Stand in einer Volksabstimmung kaum Chancen – wenn eine solche denn stattfindet. Denn noch wollen die Olympiavorkämpfer Parmelin, Stahl und Stöckli eine Volksabstimmung vermeiden. Die Olympiavorlage soll ein reines Finanzgeschäft sein, das nicht vors Volk kommen kann. Doch Politiker aus ihren eigenen Parteien versuchen jetzt, eine Abstimmung zu erzwingen: Eine Motion der Bündner SP-Nationalrätin Silva Semadeni verlangt, dass das Olympiaprojekt dem Referendum unterstellt wird. Bereits am 13. März wird der Nationalrat darüber entscheiden.

Jürg Stahl (SVP), Hans Stöckli (SP): Gegenwind aus der eigenen Partei.

Die Chancen stehen gut, dass sich Semadeni durchsetzen kann. Rund 50 Parlamentarier haben ihren Vorstoss mitunterzeichnet, darunter Meinungsmacher wie Magdalena Martullo-Blocher sowie die beiden SP-Nationalrätinnen Jacqueline Badran und Susanne Leutenegger Oberholzer. Auch SP-Vizepräsident Beat Jans hat unterschrieben.

In den beiden Fraktionen geht man davon aus, dass SP und SVP fast geschlossen die Möglichkeit einer nationalen Olympiaabstimmung verlangen werden. Zudem haben auch Freisinnige wie Gewerbeverbandspräsident Hans-Ulrich Bigler und FDP-Nationalrat Kurt Fluri unterschrieben. Und nicht zuletzt sind die Grünen grundsätzlich gegen das Olympiaprojekt. So ist anzunehmen, dass eine Mehrheit zusammenkommt.

Komitee soll Unterschriften sammeln

Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird es dann auch tatsächlich zu einem Referendum und damit zu einer Volksabstimmung kommen. Schon bestehen erste Referendumspläne. Leutenegger Oberholzer geht davon aus, dass ein überparteiliches Komitee die für ein Olympiareferendum notwendigen 50'000 Unterschriften sammeln wird. Man habe gute Gründe zur Hand: «Ein solcher Anlass ist zu gross für die Schweiz», sagt die Baselbieterin. Zudem bestünden grosse Zweifel daran, dass es bei der vom Bund budgetierten Milliarde bleiben werde. Ähnlich sieht es SVP-Nationalrat Claudio Zanetti: «Die Opposition gegen den Anlass ist gross. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass das Referendum zustande kommt.»

Die Volksabstimmung würde frühestens im November, mit grosser Wahrscheinlichkeit aber erst im Frühling 2019 stattfinden. Der Zeitplan ist knapp: Denn bis im Januar 2019 muss die Schweiz dem IOK die Garantie abgeben, dass die Finanzierung gesichert ist. So dürfte schon der Zeitplan für die Volksabstimmung zu einer grossen Hypothek für die Olympiakandidatur werden.

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