Die wahren Preise der Schweizer Bahnen

Die Kunden zahlen oft nicht für die effektiv gefahrenen Kilometer, sondern für ein Vielfaches – auch bei den SBB.

Allzeit teure Fahrt: Eine Reise mit der Rigibahn kostet bis zu 12-mal mehr, als aufgrund der Streckenlänge zu erwarten wäre. Bild: Gaudenz Danuser

Allzeit teure Fahrt: Eine Reise mit der Rigibahn kostet bis zu 12-mal mehr, als aufgrund der Streckenlänge zu erwarten wäre. Bild: Gaudenz Danuser

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Die Bahnlinie von Genf an den Flughafen Genf misst sechs Kilometer. Die SBB verrechnen für die Strecke aber dreizehn Kilometer. Der Billettpreis, 6 Franken für eine einfache 2.-Klass-Fahrt ohne Halbtax, ist daher um fast das Doppelte überhöht.

Doch das ist nichts im Vergleich zur Schmalspurbahn von der Kleinen Scheidegg aufs Jungfraujoch. 76 Franken kostet ein Billett ohne Halbtax – und das für eine einfache Fahrt. Die Bahn legt auf der Strecke neun Kilometer zurück (und 1400 Höhenmeter). Verrechnet werden aber 256 Kilometer. Die Folge: Das Billett ist rund 16-mal teurer, als wenn die tatsächliche Fahrstrecke verrechnet würde.

Das zeigen aktuelle Daten der nationalen Tariforganisation ­ch-direct , die diese Zeitung ausgewertet hat. Bei ch-direct handeln alle Schweizer Transportunternehmen gemeinsam die ÖV-Preise aus. Festgelegt wird, welcher Preis pro Kilometer verlangt wird. Der Kilometerpreis hängt dabei von der Fahrstrecke ab. Je länger die Strecke, desto günstiger ein Kilometer.

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Einen Spielraum haben die Transportunternehmen bei der Anzahl der verrechneten Kilometer. Das erscheint seltsam. Schliesslich ist die Fahrstrecke objektiv messbar. Doch gerechnet wird nicht mit der effektiven Kilometerzahl, sondern mit den sogenannten Tarifkilometern. Sie sind die Basis für die Berechnung des Billettpreises.

Die Idee, dass die verrechneten Kilometer nicht unbedingt den tatsächlichen entsprechen müssen, stammt von 1869. Als die Gott- hardeisenbahn gebaut wurde, suchte man einen Weg, die Kosten des teuren Baus und Unterhalts auf den Kunden abzuwälzen. So wurden aus 91 Kilometer Tunnel, Brücken und Kehrtwenden auf dem Papier 158 Tarifkilometer. Bewilligen musste dies der Bundesrat. Heute entscheidet ein Ausschuss der Transportunternehmen bei ­ch-direct über solche Aufschläge.

Billett darf bei Zeitgewinn teurer sein

Es gibt Gründe, unter denen zusätzliche Tarifkilometer genehmigt werden. Auf der Strecke Genf– Genf-Flughafen beispielsweise dürfen die SBB mehr verrechnen, weil es sich um eine Kurzstrecke handelt. Auf diesen fallen überproportional hohe Fixkosten an. Weitere Gründe sind die hohe Taktfrequenz, der Komfort (WC, Bordrestaurant, Klimaanlage, Niederflur-Einstieg) sowie der hohe Preis für die Schienennutzung.

Ein weiterer Grund für zusätzliche Tarifkilometer ist die Reisezeit. Wenn die Fahrt im Zug wesentlich schneller ist als im Auto, darf das Billett teurer sein. Zwischen Genf und Genf-Flughafen findet dieses Kriterium keine Anwendung. Dafür beispielsweise zwischen Thun und Brig, Aarau und Zürich oder Bern und Olten.

Zuschläge und Begründungen sind umstritten

Wann ein Aufschlag getätigt werden darf und mit welcher Begründung, ist jedoch immer wieder umstritten. 2016 beispielsweise, als der Gotthardbasistunnel fertiggestellt wurde: Wegen der kürzeren Reisezeit wollten die SBB die Tarifkilometer und folglich die Billettpreise erhöhen. Der Preisüberwacher erhob Einspruch. Dass der Passagier nun weniger lange im Zug sitze, liege an einem durch den Steuerzahler finanzierten Infrastrukturausbau, argumentierte er. Es gebe keinen Grund, den Kunden nochmals zur Kasse zu bitten.

Die Billette blieben dann gleich teuer. An den Tarifkilometern wurde also nicht geschraubt, auch nicht nach unten. Das wäre denkbar gewesen, schliesslich ist die neue Strecke kürzer als die alte. Dass ein Billett für die neue Gotthardlinie nicht billiger sein kann als für die alte, wurde unter anderem mit dem erhöhten Stromverbrauch wegen des hohen Luftwiderstands begründet. Dafür hat der Preisüberwacher Verständnis.

Ein gewisses Verständnis hat er auch für Aufschläge bei Alternativrouten. So ist ein Billett von Bern nach Olten immer gleich teuer, egal, ob man über die Neubaustrecke oder über Burgdorf fährt. Damit die Preise übereinstimmen, werden auf der kürzeren Strecke die Tarifkilometer hochgeschraubt.

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Generell hat der Preisüberwacher aber ein kritisches Auge auf die Tarifkilometer. Vor zehn Jahren wollten die SBB zahlreiche Strecken, darunter Bern–Zürich, Zürich–Basel oder Bern–Luzern, künstlich weiter verlängern und somit zusätzlich verteuern. Der damalige Preisüberwacher Rudolf Strahm verhinderte dies. 2010 schloss sein Nachfolger Stefan Meierhans mit der Branche eine einvernehmliche Regelung, dass keine neuen Erhöhungen der Tarifkilometer vorgenommen würden. Diese Regelung wirkt bis heute. Die bestehenden Tarifkilometer wurden aber bislang akzeptiert.

Während der damaligen Verhandlungen erstellte ch-direct zuhanden des Preisüberwachers eine aufwendige Analyse, in der sämtliche Kilometerzuschläge auf ihre Berechtigung überprüft wurden. Dass die Zuglinie zwischen Aarau und Zürich 30 Prozent zu lang und damit teurer ist, wurde etwa mit der Reisezeit, dem engen Takt und dem Komfort legitimiert. Auf diese Weise wurden für sämtliche Zuschläge auf allen Fernverkehrsstrecken Erklärungen gefunden – mit einer Ausnahme: Genf–Genf-Flughafen ist auch unter Berücksichtigung dieser Erklärungen zu teuer. Dennoch wurde der Preis nicht angepasst. Weil die Strecke hohe Instandhaltungskosten verursache, heisst es bei den SBB.

Hohe Preise auf touristischen Strecken

Tief in die Taschen greifen müssen auch Touristen. Beim Grossteil der teuersten ÖV-Linien der Schweiz handelt es sich um touristische Linien: Neben der Bahn aufs Jungfraujoch sind das etwa die Seilbahn von Mürren aufs Schilthorn oder die Bahn von Vitznau auf die Rigi. Das Bundesamt für Verkehr hält die Zuschläge bei touristischen ­Linien «bis zu einem gewissen Ausmass» für zulässig.

In der Preisgestaltung sind die meisten dieser Bahnen nämlich frei. Der Tariforganisation ch-direct sind sie nur lose angeschlossen, etwa weil sie das Halbtax akzeptieren. An die einheitliche Preistabelle müssen sie sich nicht halten. Sie können also ihre Tarifkilometer unabhängig von der Branche hochschrauben.

Bergbahnen als öffentliche Verkehrsmittel

Eine Ausnahme sind Bergbahnen, die eine Erschliessungsfunktion haben. Dazu gehören die Bahnen von Weggis nach Rigi-Kaltbad oder von Stechelberg nach Mürren, die ebenfalls unter den teuersten rangieren. Sie werden auch von der lokalen Bevölkerung genutzt, als öffentliches Verkehrsmittel. Ihre Zusatzkilometer mussten sie wie die SBB genehmigen lassen.

Übrigens: Die Höchsttarife zwischen Genf und Genf-Flughafen fallen nicht in jedem Fall an. Wer das Billett an einem Automaten in Genf oder übers Internet löst, zahlt statt sechs drei Franken. Der Grund: Die Linie ist eine von wenigen Fernverkehrsstrecken, die sich komplett im Gebiet eines regionalen Tarifverbunds befindet. Und das Billett des Genfer Verbunds Unireso ist deutlich billiger als das ordentliche SBB-Billett. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.07.2018, 08:15 Uhr

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