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Sein Tod ist ein Lehrstück über Machtpolitik und Fake News

Die Ermordung von Jamal Khashoggi entlarvt viel Heuchelei. Er ist zum Spiel von Supermächten geworden.

Hans-Jürgen Maurus
Nach wochenlangem Abstreiten gibt Saudi Arabien den Tod von Jamal Khashoggi zu: Der Blogger sei in einen Faustkampf involviert gewesen. Video: AFP

Innert kürzester Zeit entwickelte sich die Geschichte zum Politthriller des Jahres: Der saudische Blogger Jamal Khashoggi wird beim Betreten des saudischen Konsulats in Istanbul gefilmt und ist seither verschollen. Erst behauptet Riad, er habe das Gebäude lebendig verlassen, man wisse nichts über seinen Verbleib. Dann spekulieren saudische Medien, der Journalist sei von Katarern entführt worden. US-Präsident Donald Trump spricht von einem «Mörderpack». Dann liefern türkische Medien grauslige Details von Folter und der Ermordung Khashoggis in den Räumen des Konsulats. Schliesslich bestätigt das saudische Aussenministerium seinen Tod. Ein Unfall, ein tödlicher Faustkampf sei es gewesen, hiess es am Freitagabend aus dem Königshaus.

Was tatsächlich hinter der Tötung des Regimekritikers steckt, bleibt bis auf weiteres unklar. Klar ist aber, dass ein 15-köpfiges Spezialkommando auf Khashoggi angesetzt wurde, die Verantwortlichen zu den engsten Vertrauten von Kronprinz Muhammad bin Salman zählen und der Auftraggeber glaubt, dass er über dem Gesetz steht.

Möglich sind vor allem zwei Optionen. Erstens: Khashoggi sollte tatsächlich «nur» entführt werden. Genauso, wie es die Saudis im März in Abu Dhabi mit der Frauen­-rechtlerin Loujain al-Hathloul getan haben. Doch die Aktion ging schief, und Khashoggi kam dabei ums Leben. Zweitens: Die Ermordung des Bloggers war von Anfang an das Ziel.

In beiden Fällen war die Tat auf jeden Fall schlecht geplant und durchgeführt. Die saudische Erklärung, er sei bei einem Faustkampf ums Leben gekommen, klingt völlig absurd, da ihm in der Botschaft 15 Saudis gegenüberstanden. Auch die jetzt erfolgte Verhaftung von 18 Personen und die Entlassung von fünf hohen Beamten, einschliesslich des Vize-Geheimdienstchefs, lassen auf ein nachträgliches Ablenkungsmanöver schliessen, bei dem verzweifelt Bauernopfer gesucht werden.

Erdogan will offenbar seine eigene Position gegenüber Washington stärken.

Der Skandal um Khashoggi entlarvt aber auch viel Heuchelei. Dass US-Präsident Trump die offizielle saudische Erklärung als «glaubhaft» bezeichnet, hat allein taktische Gründe. Trump braucht Saudiarabien noch stärker als strategischen Partner, seit er aus dem Iran-Abkommen ausgestiegen ist. Washington will den Sanktionsdruck auf Teheran im November durch ein striktes Ölembargo weiter verschärfen. Und Riad soll mit höheren Produktionsquoten den Ölpreis stabil halten.

Auch die vereinbarten Waffenlieferungen im Wert von 110 Milliarden Dollar will Trump retten. Zudem unterstützen die USA den blutigen Stellvertreterkrieg im Jemen, bei dem Saudiarabien im Kampf gegen iranische Verbündete der Jemeniten sogar Schulbusse von Kampfjets bombardieren lässt.

Fordert eine internationale Untersuchung zur Klärung der Schuldfrage: Die UNO-Berichterstatterin über willkürliche Hinrichtungen, Agnès Callamard, in Genf. (19. Juni 2019/AFP/Fabrice Coffrini)
Fordert eine internationale Untersuchung zur Klärung der Schuldfrage: Die UNO-Berichterstatterin über willkürliche Hinrichtungen, Agnès Callamard, in Genf. (19. Juni 2019/AFP/Fabrice Coffrini)
Die Ermordung Khashoggis im Oktober 2018 wirft bis heute Fragen auf: Das Portrait des Journalisten der Washington Post während einer Zeremonie in Washington. (2. November 2018)
Die Ermordung Khashoggis im Oktober 2018 wirft bis heute Fragen auf: Das Portrait des Journalisten der Washington Post während einer Zeremonie in Washington. (2. November 2018)
Jim Watson, AFP
Die saudiarabische Justiz hatte zuvor die Todesstrafe gegen fünf Verdächtige im Fall des ermordeten Jamal Khashoggi gefordert. (2. Oktober 2018)
Die saudiarabische Justiz hatte zuvor die Todesstrafe gegen fünf Verdächtige im Fall des ermordeten Jamal Khashoggi gefordert. (2. Oktober 2018)
Sabah Newspaper, AFP
Die «New York Times» schrieb am 13. November 2018, es gebe immer stärkere Indizien dafür, dass der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman in den Fall verwickelt ist.
Die «New York Times» schrieb am 13. November 2018, es gebe immer stärkere Indizien dafür, dass der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman in den Fall verwickelt ist.
Josh Reynolds/AP, Keystone
Ein Aktivist hält in Istanbul ein Plakat mit dem Bild von Jamal Khashoggi. (25. Oktober 2018)
Ein Aktivist hält in Istanbul ein Plakat mit dem Bild von Jamal Khashoggi. (25. Oktober 2018)
Lefteris Pitarakis, Keystone
Der türkische Präsident Erdogan erklärt, sein Land habe Aufnahmen im Zusammenhang mit der Tötung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi an einige Länder weitergegeben.
Der türkische Präsident Erdogan erklärt, sein Land habe Aufnahmen im Zusammenhang mit der Tötung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi an einige Länder weitergegeben.
AP
Neue Kehrtwende in Riad: Nun heisst es auch aus Saudi-Arabien, dass die Tat geplant worden sei. Bisher besagte die offizielle Version, dass Khashoggi in Folge eines «Faustkampfs» im Konsulat in Istanbul zu Tode gekommen sei.
Neue Kehrtwende in Riad: Nun heisst es auch aus Saudi-Arabien, dass die Tat geplant worden sei. Bisher besagte die offizielle Version, dass Khashoggi in Folge eines «Faustkampfs» im Konsulat in Istanbul zu Tode gekommen sei.
AP
«Bisher zeigen alle Fakten und Beweise, die gefunden worden sind, dass Jamal Khashoggi Opfer eines brutalen Mords geworden ist»: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat bei einer viel beachteten Rede hauptsächlich bekannte Fakten wiederholt. (23. Oktober 2018)
«Bisher zeigen alle Fakten und Beweise, die gefunden worden sind, dass Jamal Khashoggi Opfer eines brutalen Mords geworden ist»: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat bei einer viel beachteten Rede hauptsächlich bekannte Fakten wiederholt. (23. Oktober 2018)
Ali Unal/AP, Keystone
Der US-Sender CNN hat Bilder von Überwachungskameras veröffentlicht, die den saudischen Agenten namens Mustafa Madani mit den Kleidern von Jamal Khashoggi zeigen sollen.
Der US-Sender CNN hat Bilder von Überwachungskameras veröffentlicht, die den saudischen Agenten namens Mustafa Madani mit den Kleidern von Jamal Khashoggi zeigen sollen.
Screenshot CNN
Saudiarabien bestätigt den Tod des Journalisten Jamal Khashoggi. (Archivbild)
Saudiarabien bestätigt den Tod des Journalisten Jamal Khashoggi. (Archivbild)
Virginia Mayo/AP, Keystone
Demokraten warnen vor möglichen Interessenkonflikten des US-Präsidenten im Fall Khashoggi: Trump bei einer Willkommenszeremonie im Murabba-Palast in Riad. (20. Mai 2017)
Demokraten warnen vor möglichen Interessenkonflikten des US-Präsidenten im Fall Khashoggi: Trump bei einer Willkommenszeremonie im Murabba-Palast in Riad. (20. Mai 2017)
Evan Vucci, AP, Keystone
Mike Pompeo sprach am Dienstag in Riad während rund 20 Minuten mit König Salman: Der US-Aussenminister mit König Salman im Palast in Riad.
Mike Pompeo sprach am Dienstag in Riad während rund 20 Minuten mit König Salman: Der US-Aussenminister mit König Salman im Palast in Riad.
Reuters
Pompeo soll den Schaden im Fall Khashoggi für die politischen Beziehungen zwischen den USA und Saudiarabien begrenzen. (16. Oktober 2018)
Pompeo soll den Schaden im Fall Khashoggi für die politischen Beziehungen zwischen den USA und Saudiarabien begrenzen. (16. Oktober 2018)
Leah Millis/Pool, Reuters
Mike Pompeo trifft auf dem Flughafen in Riad ein. (16. Oktober 2018)
Mike Pompeo trifft auf dem Flughafen in Riad ein. (16. Oktober 2018)
Leah Millis/Pool Photo via AP, Keystone
Nach einem Telefongespräch mit König Salman sagte US-Präsident Donald Trump, es habe danach geklungen, als ob ein «boshafter Killer» den Journalisten getötet haben soll: Kronprinz Muhammad bin Salman bei seinem Besuch im Weissen Haus. (20. März 2018)
Nach einem Telefongespräch mit König Salman sagte US-Präsident Donald Trump, es habe danach geklungen, als ob ein «boshafter Killer» den Journalisten getötet haben soll: Kronprinz Muhammad bin Salman bei seinem Besuch im Weissen Haus. (20. März 2018)
Jonathan Ernst, Reuters
Türkische Ermittler hatten zuvor bereits vermutet, dass der im US-Exil lebende Regierungskritiker im saudiarabischen Konsulat von Agenten seines Heimatlandes ermordet worden war.
Türkische Ermittler hatten zuvor bereits vermutet, dass der im US-Exil lebende Regierungskritiker im saudiarabischen Konsulat von Agenten seines Heimatlandes ermordet worden war.
Murad Sezer, Reuters
Türkische Ermittler durchsuchten acht Stunden lang das Gebäude in Istanbul.
Türkische Ermittler durchsuchten acht Stunden lang das Gebäude in Istanbul.
Murad Sezer, Reuters
Dort war der Journalist Khashoggi zuletzt gesehen worden.
Dort war der Journalist Khashoggi zuletzt gesehen worden.
Kemal Aslan, Reuters
Der Fall sorgte weltweit für Schlagzeilen und setzte die Führung in Riad unter Druck: Ein Security-Mitarbeiter des saudiarabischen Konsulats in Istanbul. (14. Oktober 2018)
Der Fall sorgte weltweit für Schlagzeilen und setzte die Führung in Riad unter Druck: Ein Security-Mitarbeiter des saudiarabischen Konsulats in Istanbul. (14. Oktober 2018)
Petros Giannakouris, Keystone
Drohte mit einer harten Strafe: US-Präsident Donald Trump wird am Flughafen in Ohio zum Fall Khashoggi befragt. (12. Oktober 2018)
Drohte mit einer harten Strafe: US-Präsident Donald Trump wird am Flughafen in Ohio zum Fall Khashoggi befragt. (12. Oktober 2018)
Evan Vucci, Keystone
Der Screenshot einer Überwachungskamera soll Jamal Khashoggi zeigen, wie er das Konsulat am 2. Oktober betritt.
Der Screenshot einer Überwachungskamera soll Jamal Khashoggi zeigen, wie er das Konsulat am 2. Oktober betritt.
Sabah Newspaper Handout, Keystone
Diese Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen angeblich Verdächtige in Istanbuls Flughafen Atatürk. (2. Oktober 2018)
Diese Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen angeblich Verdächtige in Istanbuls Flughafen Atatürk. (2. Oktober 2018)
Sabah Newspaper, AFP
Dieses Bild soll einen Privatjet zeigen, mit dem eine Gruppe saudischer Verdächtiger nach Istanbul gereist sind. (2. Oktober 2018)
Dieses Bild soll einen Privatjet zeigen, mit dem eine Gruppe saudischer Verdächtiger nach Istanbul gereist sind. (2. Oktober 2018)
Sabah Newspaper, AFP
Ein schwarzer Van fährt zum saudischen Konsulat. Die türkische Zeitung «Sabah» hatte die Bilder am 9. Oktober publik gemacht.
Ein schwarzer Van fährt zum saudischen Konsulat. Die türkische Zeitung «Sabah» hatte die Bilder am 9. Oktober publik gemacht.
Sabah Newspaper, AFP
US-Präsident Donald Trump wurde am Mittwoch in den Fall eingeschaltet. (10. Oktober 2018)
US-Präsident Donald Trump wurde am Mittwoch in den Fall eingeschaltet. (10. Oktober 2018)
Manuel Balce Ceneta/AP, Keystone
Washington werde der Sache auf den Grund gehen, sagte Trump. Luftaufnahme des saudischen Konsulats in Istanbul.
Washington werde der Sache auf den Grund gehen, sagte Trump. Luftaufnahme des saudischen Konsulats in Istanbul.
DHA/AP
Saudiarabien ist für die USA ein strategisch wichtiger Partner und ein wichtiger Absatzmarkt für US-Rüstungsgüter. Protest vor dem saudischen Konsulat in Istanbul. (9. Oktober 2018)
Saudiarabien ist für die USA ein strategisch wichtiger Partner und ein wichtiger Absatzmarkt für US-Rüstungsgüter. Protest vor dem saudischen Konsulat in Istanbul. (9. Oktober 2018)
Osman Orsal, Reuters
Spekulationen zufolge wurde ein Killerkommando auf den verschwundenen Regimekritiker Jamal Khashoggi angesetzt.
Spekulationen zufolge wurde ein Killerkommando auf den verschwundenen Regimekritiker Jamal Khashoggi angesetzt.
Mohammed Al-Shaikh, AFP
Wurde hier Khashoggi ermordet? Mitarbeiter betreten das Konsulat von Saudiarabien in Istanbul. (9. Oktober 2018)
Wurde hier Khashoggi ermordet? Mitarbeiter betreten das Konsulat von Saudiarabien in Istanbul. (9. Oktober 2018)
Bulent Kilic, AFP
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan spielt ebenfalls eine dubiose Rolle. Ausgerechnet er, der mehr als 100 Journalisten in Gefängnissen schmoren lässt, schwingt sich zum Chefaufklärer eines Mordfalls um einen saudischen Blogger auf. Erdogan will offenbar die saudische Führung schwächen und seine eigene Position gegenüber Washington stärken.

Falls Ankara klare Beweise für die Folter und Beseitigung Kha­shoggis besitzt, kann Erdogan die Veröffentlichung zulassen oder in Riad und Washington finanzielle Zugeständnisse für sein Schweigen verlangen. Der brutale Tod eines Bloggers ist damit zum politischen Schachspiel internationaler Supermächte geworden.

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