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Covid-19, das Chamäleon

Der Anteil der Corona-Infektionen, die ohne oder mit untypischen Symptomen verlaufen, ist offenbar noch höher als angenommen.

Auch er könnte infiziert sein, ohne es zu wissen: Ein Velofahrer in Jakarta macht halt, um sich die Hände zu waschen. Foto: Getty Images
Auch er könnte infiziert sein, ohne es zu wissen: Ein Velofahrer in Jakarta macht halt, um sich die Hände zu waschen. Foto: Getty Images

Ärzte haben ein besonderes Verhältnis zu Chamäleons. Damit ist nicht gemeint, dass sie die Schuppenkriechtiere gerne im heimischen Terrarium halten. Vielmehr befassen sie sich mit dem Phänomen, dass eine Krankheit extrem vielseitig in ihrem Erscheinungsbild sein kann, also die unterschiedlichsten Symptome aufweist – die zudem verschieden stark ausgeprägt sind.

In der Geschichte der Heilkunde sind Dutzende Erkrankungen als «Chamäleon der Medizin» bezeichnet worden, darunter ­illustre Leiden wie Syphilis, Sarkoidose, das Hodgkin-Lymphom oder auch die Zöliakie. Ähnlich wie das erstaunliche Reptil nach dem Farbwechsel nicht leicht zu erkennen ist, entzieht sich manche Krankheit durch Maskerade dem diagnostischen Blick.

Um eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus zu beschreiben, wurden zunächst vor allem die beiden Hauptsymptome Fieber und trockener Husten erwähnt. Zwar wurde von Anfang an einschränkend hinzugefügt, dass die Diagnose allein anhand dieser ­klinischen Symptome nicht hundertprozentig sicher und die Überschneidung mit Erkältungsleiden und anderen Erkrankungen womöglich gross sei. Hiess es zu Beginn, dass Husten und Fieber bei etwa drei Vierteln der erfassten Fälle vorkämen, teilte Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, kürzlich mit, dass diese Symptome in Deutschland nur bei 40 bis 50 Prozent der Infizierten festgestellt würden. Schweizer Notfallmediziner ­weisen darauf hin, dass die Symptome der Erkrankung Covid-19 oftmals unspezifisch seien und sie womöglich öfter als vermutet als medizinisches Chamäleon auftrete.

Gerade bei Älteren sind die Symptome häufig untypisch

Im Fachmagazin «Swiss Medical Weekly» von dieser Woche zeigen die Ärzte vom Universitätsspital Basel, dass gerade in der Risikogruppe der älteren Menschen untypische Symptome häufig zu ­vermuten sind. So berichten die Autoren um Christian Nickel von einem 83-jährigen Patienten, der nach einem Sturz in die Not­auf­nahme eingeliefert wurde. Er ­klagte über Schmerzen im Bereich des Brustkorbs und wurde daher mittels Computertomografie (CT) untersucht. Die Aufnahme zeigte die für Covid-19 typischen Veränderungen in beiden ­Lungenflügeln, ein Test bestätigte die Infektion. Der Patient hatte allerdings weder Fieber noch Husten.

Die Autoren berichten, dass sie derzeit drei Patienten mit schwerem klinischem Verlauf behandelten, die alle keine Symptome aufgewiesen hätten, als sie in die ­Klinik kamen. «Wir stehen vor der Herausforderung, wie aussagekräftig die Symptome und andere klinische Anzeichen sind», so Nickel. «Das ist der Eckpfeiler für alle ­weiteren Überlegungen hinsichtlich Tests und Isolationsmassnahmen.» Gerade ältere Patienten ­haben oft «alles und nichts», wie ­erfahrene Ärzte wissen: Für Beschwerden, über die sie klagen, lässt sich kein Befund für eine Krankheit ermitteln – umgekehrt gehen Leiden, die bedrohlich sein können, manchmal kaum mit Symptomen einher. «Insbesondere bei älteren Patienten muss man wohl mit sehr unspezifischen Symptomen rechnen», sagt Michael Kochen, lange Jahre Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin.

«Wir brauchen dringend Werkzeuge oder eine Art Protokoll, um Patienten mit unspezifischen wie auch mit spezifischen Beschwerden besser zu erkennen.»

Christian Nickel, Autor der Studie

In die Irre führen kann beispielsweise auch ein weiterer Fall, den die Notfallmediziner aus Basel schildern. Eine 80-Jährige aus einem Pflegeheim kam mit Atemnot und Husten in die Klinik. Da zwei Mitbewohner positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden, vermutete der Hausarzt, dass sie sich ebenfalls angesteckt hatte. Die weitere Abklärung im Spital ergab allerdings, dass die Dame Luftnot bekam, weil sich ihre bereits bestehende Herzinsuffizienz akut verschlechtert hatte. Mehrmalige Tests auf das neuartige Corona­virus waren negativ ausgefallen.

Auch solche «Nachahmer-Erkrankungen» müssten bei Verdacht auf Covid-19 in Betracht gezogen werden. «Wir brauchen dringend Werkzeuge oder eine Art Protokoll, um Patienten mit unspezifischen wie auch mit spezifischen Beschwerden besser zu erkennen», fordert Nickel und betont, dass unklare Symptome keineswegs nur bei älteren Infizierten vorkommen.

Nichts anderes alsGliederschmerzen

Aus anderen Quellen kommen ähnliche Hinweise. So zeigt sich in mehreren Einzelfallberichten, dass manche Patienten zunächst kaum Symptome hatten, die sie beeinträchtigten. Die anschliessend dominierenden – und manchmal einzigen – Beschwerden waren Gliederschmerzen, allerdings begrenzt auf den Brustkorb sowie Schultergürtel und Nacken. Lungenärzten ist bekannt, dass diese Symptome bei einer untypischen Lungenentzündung vorkommen ­können.

Auch eine Analyse der Infektionen und Erkrankungen auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess, auf dem sich etwa 700 der 3711 Passagiere und Crewmitglieder angesteckt hatten, bestätigt den oftmals ungewöhnlichen klinischen Verlauf nach einer Infektion mit Sars-CoV-2. Fast alle Fahrgäste auf dem Schiff wurden ge­testet, manche mehrmals. Doch obwohl sich vor allem ältere Menschen an Bord befanden und in dieser Gruppe schwere Verläufe häufiger sind, wurden bei 18 Prozent der Infizierten keine Symptome festgestellt, wie das Fachmagazin «Nature» berichtet. «Das ist ein erheblicher Anteil», sagt der Epidemiologe Gerardo Chowell von der Universität Atlanta, der an der Studie beteiligt war. Werde die Altersverteilung auf dem Schiff berücksichtigt, könne dies bedeuten, dass der Prozentsatz der Infizierten ohne Symptome in der Allgemeinbevölkerung weitaus höher liege.

Da das Schiff am 5. Februar für zwei Wochen im Hafen von Yokohama, Japan, unter Quarantäne gestellt wurde, gilt die Analyse von Passagieren und Crew als unfreiwilliges Experiment unter nahezu geschlossenen Bedingungen und daher als sehr aussagekräftig. Es gab schliesslich 14 Tage lang kaum Kontakt mit der Aussenwelt, zudem wurden – anders als in der Bevölkerung – nahezu alle Menschen an Bord getestet.

Die Virenmenge ­unterscheidet sich kaum

Eine Analyse bei Japanern, die nach dem Corona-Ausbruch in Wuhan in ihr Land zurückgeholt worden waren, ergab sogar einen Anteil von 33 Prozent Infizierten, die keine Symptome aufwiesen. Angesichts der Tatsache, dass sich die Virenmenge in den oberen Atemwegen offenbar kaum unterscheidet zwischen Infizierten mit Symptomen und solchen ohne, wie das «New England Journal of ­Medicine» zuletzt gemeldet hat, wäre es hilfreich, verstärkt auf untypische Verläufe zu achten.

Die Suche nach dem medizi­nischen Chamäleon Covid-19 würde also nicht nur zu kuriosen Fallberichten führen – was früher meist die einzige Folge war, wenn Krankheiten exotisch verliefen – sondern zum besseren Schutz der Bevölkerung beitragen.

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